Seit Anfang des Jahres gilt in der Gastronomie wieder der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent. Davon profitieren auch die rund 620 Gastro-Betriebe in Wiesbaden. Doch bei den Beschäftigten und Gästen komme dieser Vorteil nicht an, kritisiert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Rhein-Main. Der Interessenverband der Hotel- und Gastronomiebetriebe (DEHOGA) in Hessen sagt dagegen, dass die zusätzlichen Einnahmen in Ausbildung und Qualitätsssicherung investiert werden.
„Schnitzel-Steuergeschenk“
„Von jedem 10-Euro-Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben durch die Mehrwertsteuersenkung rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig“, rechnet Hendrik Hallier, Geschäftsführer der NGG Rhein-Main, vor. Dieses Geld lande zwar in der Kasse – aber nicht in der Lohntüte der Beschäftigten, so Gallier. Auch die Gäste würden von diesem „Schnitzel-Steuergeschenk“ der Bundesregierung kaum etwas bemerken. „Wer mit dem großen Rutscheffekt der Preise auf den Speisekarten in Wiesbaden gerechnet hat, ist mehr als blauäugig“, so Hallier. Seiner Meinung nach steckten die meisten Gastronomen das Geld in die eigene Tasche.
DEHOGA: Investitionen in Personal und Qualität
Die DEHOGA Hessen, der Interessenverband der Hotel- und Gastronomiebetriebe, nimmt die Einführung der neuen Mehrwertsteuer-Regelung eher als notwendigen Ausgleich wahr, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für die Gastronomie. Die Branche würde die vermeintlichen Mehreinnahmen vor allem investieren, um Arbeitsplätze zu sichern, Mitarbeiter weiterzubilden und Betriebe zu modernisieren. Das gehe aus einer Branchenumfrage der DEHOGA Hessen vom Dezember 2025 hervor.
DEHOGA-Präsident: „notwendige Steuergerechtigkeit“
Robert Mangold, Präsident des DEHOGA Hessen, sieht die Steuererleichterung als ausgleichende Maßnahme. „Die Entlastung durch die reduzierte Mehrwertsteuer auf Speisen schafft endlich die dringend notwendige Steuergerechtigkeit, insbesondere im Vergleich zu To-go-Gerichten aus Supermärkten, Metzgereien und Lieferdiensten“, so Mangold. Insgesamt würde die Branche verantwortungsvoll handeln. Man investiere Zusatzeinnahmen „zielgerichtet in Qualität, Modernisierung und vor allem in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so der Verbandspräsident.
„Fairer Lohn ist nur der Tariflohn“
Doch gerade den Alltag dieser Mitarbeiter beschreibt Gewerkschaftsführer Gallier völlig konträr. Manche Wirte beklagten sich über die Anhebung des Mindestlohns, der Standard sei für Viele in Küche und Service. Hallier warnt vor einer „unschönen Gastronomen-Gier“. Wer seine Beschäftigten in der Küche oder im Service mit dem Mindestlohn abspeise, zahle keinen anständigen Lohn. Wirklich fair sei nur der Tariflohn, um den viele Gastwirte in Wiesbaden, so Gallier, einen weiten Bogen schlagen würden.
Nach Angaben der Gewerkschaft, die sich auf Zahlen der Arbeitsagentur beruft, sind in Wiesbaden rund 7.200 Menschen in der Gastronomie beschäftigt – von Köchen über Kellner bis hin zu Rezeptionisten. Für eine ausgelernte Fachkraft in Hessen liege der Tariflohn bei 16,74 Euro pro Stunde.