Wie Wiesbadenerinnen mit russischen Wurzeln ukrainischen Geflüchteten helfen

Wie wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf das Leben russischstämmiger Wiesbadener aus? Zwei Frauen erzählen, was sich dadurch für sie geändert hat, wie ihre Familien in Russland damit umgehen und wie sie helfen wollen.

Wie Wiesbadenerinnen mit russischen Wurzeln ukrainischen Geflüchteten helfen

„Für meinen siebenjährigen Sohn ist das alles sehr unverständlich“, erzählt Mascha Riyazi. „Er fragt: ‘Mama, warum versteht die Oma das nicht? Warum findet sie den Putin toll?’“. Mascha ist vor 15 Jahren als Studentin aus Russland nach Wiesbaden gekommen, ist Teil der „Wiesbadener Interkulturellen Frauenliste“ im Ausländerbeirat und die einzige aus ihrer Familie in Deutschland. Mutter und Bruder leben in Sankt Petersburg und blicken ganz anders auf den Krieg in der Ukraine als sie. „Es ist schwierig, wenn ich mit meiner Familie spreche, die leider ausschließlich den russischen Sender schaut und eine ganz andere Meinung als ich hat. Das Wort Krieg fällt immer noch nicht, es ist weiter die Rede von einer Spezialoperation. Jedes Gespräch endet mit einer Diskussion“, sagt sie.

„Mein Bruder und meine Mama sind zwei Menschen, die sehr wichtig für mich sind. Ich will sie nicht verlieren.“ - Mascha Riyazi

Schon vor dem Krieg sei Politik immer wieder Diskussionsthema in der Familie gewesen, es sei aber leichter gewesen, das Thema zu vermeiden, sagt die 41-Jährige. Die Situation sei sehr angespannt. „Mein Bruder und meine Mama sind zwei Menschen, die sehr wichtig für mich sind. Mehr habe ich nicht von meiner Herkunftsfamilie. Ich will sie nicht verlieren.“

Familie in Russland spürt Auswirkungen des Kriegs

Margarita Strakhan bekommt ganz andere Rückmeldungen von ihrer Familie in Russland. Margarita ist seit 2005 in Deutschland und Inhaberin des russischen Restaurants Kust in Klarenthal, das auch Veranstaltungen und Catering anbietet. Sie kommt ursprünglich aus der südrussischen Stadt Rostow am Don, wo ein Teil ihrer Familie und Freunde lebt. Das Haus der Familie liegt nur rund 70 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. „Die Propaganda arbeitet sehr gut, aber unsere Leute aus Rostow sehen, dass Krieg herrscht. Die hören das nicht im Fernsehen oder im Internet, die sehen und spüren das“, sagt die 36-Jährige.

Ihre Familie erzähle von Kriegsflugzeugen, die an der Stadt vorbeifliegen. Die Menschen würden selbst Geflüchteten aus der Ukraine helfen. Auch die Sanktionen spürten die Menschen dort. „Die Preise sind doppelt so hoch. Viele Menschen verlieren ihre Arbeit.“ Weil keiner wisse, wie es weitergeht, würden sich die Menschen in Rostow am Don darauf vorbereiten, im Notfall selbst zu fliehen. „Sie sammeln ihre Dokumente, Geld alles nötige, damit sie wenn irgendwas passiert, wegfahren könnten. Alle sind bereit.“

„Viele Leute wollen nicht mehr feiern. Für das Geschäft ist das schlimm, aber als Mensch verstehe ich das sehr gut. Ich verstehe den Schmerz.“ - Margarita Strakhan, Restaurant Kust

In Wiesbaden spürt Margarita die Auswirkungen des Krieges auch selbst. Fast ihre gesamte Kundschaft spricht russisch, viele Leute kommen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Usbekistan. In Klarenthal leben vergleichsweise viele russischsprachige Menschen. Unter allen ausländischen Staatsangehörigkeiten ist eine der häufigsten die der ehemaligen UdSSR. „Viele Leute wollen nicht mehr feiern. Vor allem Leute mit Verwandten und Bekannten aus der Ukraine“, sagt sie. Viele hätten deshalb geplante Feiern abgesagt. „Für das Geschäft ist das schlimm, aber als Mensch verstehe ich das sehr gut. Ich verstehe den Schmerz. Wir kennen selbst die Erzählungen von unseren Omas und Opas aus dem Zweiten Weltkrieg. Das hier ist eine Weltkatastrophe.“

Verschiedene Meinungen in der Community in Wiesbaden

Von Anfeindungen gegen Russen in Wiesbaden haben sowohl Margarita vom Restaurant Kust als auch Mascha vom Ausländerbeirat bisher nichts gehört. In der Passage, in der das Restaurant sitzt, gibt es auch ein armenisches Restaurant, einen russischen Lebensmittelladen und einen Friseursalon, in dem russisch gesprochen wird. „Das ist die russische Insel in Wiesbaden. Es gibt verschiedene Meinungen hier. Manche sind für die russische Politik, manche dagegen“, sagt Margarita. „Aber keiner hier will Krieg, keiner will, dass Leute sterben.“ Obwohl es bisher keine Probleme gegeben habe, sorgt Margarita Strakhan vor. Am Samstag kommen viele verschiedene Kulturen zusammen, um den Weltfrauentag im Restaurant Kust nachzufeiern. Die Inhaberin hofft, dass dann alle zusammenhalten. Typisch russische Lieder hat sie vorsorglich von der Playlist genommen. Sollte es doch zu Auseinandersetzungen kommen, will sie vermitteln. „Wir wollen keinen Streit, wir wollen, dass alle Leute eine gute Stimmung haben, aber wir müssen aufmerksam und tolerant sein.“

Mit Sprache und Erfahrung helfen

Sowohl Margarita als auch Mascha helfen den Menschen in der Ukraine und den Geflüchteten in Wiesbaden auch selbst ganz aktiv – mit Spenden aber auch mit ihrer eigenen Erfahrung und ihrer Sprache. „Ich denke, in dieser Situation müssen wir zusammenstehen und den Leuten helfen, die Hilfe brauchen“, sagt Margarita. Das würden auch viele andere russischsprachigen Wiesbadener so sehen. Sie selbst kann sich noch erinnern, wie es für sie war, als sie nach Deutschland kam. „Ich war jung, konnte kein deutsch, kannte die Regeln nicht. Das war sehr schwierig“, sagt sie. Weil viele ukrainische Menschen russisch sprechen, will sie zum Beispiel beim Gang aufs Amt helfen.

„Die spürbare Solidarität ab dem ersten Tag ist ganz toll.“ - Mascha

Mascha hat schon mit vielen Stellen telefoniert, um herauszufinden, welche Anlaufstellen es für Geflüchtete in Wiesbaden gibt und wie sie mit ihrem Wissen und ihrer Sprache helfen kann. Der Ausländerbeirat wird in seiner nächsten Sitzung besprechen, wie genau er die Menschen unterstützen kann. Mascha geht außerdem am Samstag zum „Markt der Hilfe“ auf dem Dern’schen Gelände, um sich weiter zu informieren. Mehrere Organisationen haben sich zusammengetan und wollen von 10 bis 14 Uhr über Hilfsangebote für ukrainische Geflüchtete informieren (wir berichteten). „Die spürbare Solidarität ab dem ersten Tag ist ganz toll“, sagt Mascha. „Ich hoffe, dass diese Hilfsbereitschaft auch nachhaltig bleibt.“

Mit ihrer eigenen Familie in Russland möchte sie weiter Gespräche führen, von der anderen Seite berichten und sie anregen, zu hinterfragen, was ihnen im Staatsfernsehen gezeigt wird. Ihrem Sohn und ihrer Tochter, beide im Grundschulalter, versucht sie, kindergerecht zu erklären, was auf der Welt passiert. Beide sind mit dem Thema Flucht aufgewachsen, da Mascha lange als Sprachlehrerin für Geflüchtete gearbeitet hat und sprechen auch in der Schule über das Thema. „Meine Tochter hat gesagt: ‘Mama, wir wollen eine Ukraine-Flagge ganz groß auf den Schulhof malen’“. Umso schwerer sei es für die Kinder, die Ansicht ihrer Oma zu verstehen. „Ich muss ihnen erklären: Das heißt nicht, dass die Oma schlecht ist. Wir müssen lernen, damit umzugehen und einen gemeinsamen Weg finden.“

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