Alarmierende Zahlen: Jugendämter sind überlastet

Gemessen an den Einwohnerzahlen kommt es in Wiesbaden hessenweit am häufigsten zu akuten Kindswohlgefährdungen. Das zeigt eine Studie der Hochschule Koblenz, die hessenschau.de vorliegt. Warum das so ist.

Alarmierende Zahlen: Jugendämter sind überlastet

Dass viele Ämter und öffentliche Einrichtungen überlastet sind, wird oft berichtet. Wenn es sich dabei um Jugendämter handelt, können die Konsequenzen daraus erschütternd sein. Eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz macht das nun deutlich. Wie hessenschau.de berichtet, sind die hessischen Jugendämter unterbesetzt und überlastet. Die Landeshauptstadt Wiesbaden kann gar den höchsten Wert an akuten Kindeswohlgefährdungen pro 100.000 Einwohnern in ganz Hessen aufweisen.

„Viel Stress und zu wenig Personal.“ - Sandra Krause-Ackermann, Jugendamt Wiesbaden

Im Gespräch mit hessenschau.de bestätigt Sandra Krause-Ackermann vom Wiesbadener Jugendamt die prekäre Situation, in der sich das Amt befindet. „Wir haben viel Verantwortung, viel Stress und wenig Personal“, sagt sie. Und das wirkt sich unmittelbar auf die zu betreuenden Fälle - also Kinder - aus.

Es mangelt an vielem

Zwei Dienstwagen habe der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Wiesbadener Jugendamtes - für etwa 80 bis 100 Mitarbeiter. „Und das sind definitiv zu wenige“, so die Sozialpädagogin gegenüber hessenschau.de. Zu Terminen in den Familien, für die nicht mehr als 45 Minuten Zeit eingeplant werden können, müssten Mitarbeiter dann oftmals auch mit Bus und Bahn fahren. Direkten Kontakt mit den betreuten Familien gebe es nur etwa alle sechs Monate, man könne also bei Weitem nicht wöchentlich kontrollieren, was in der Familie passiere, so Krause-Ackermann.

„Das ist einfach schwierig.“ - Sandra Krause-Ackermann

Auch im Wiesbadener Jugendamt finden Gespräche zwischen den Familien und den Sozialarbeitern statt. Doch auch das laufe nicht problemlos, es mangelt an Büros. Über die sensiblen Themen und Probleme innerhalb der Familien könne man kaum gemeinsam reden. „Es gibt Situationen, in denen Eltern überhaupt nicht reden wollen, wenn jemand mit im Raum ist“, wird Krause-Ackermann auf hessenschau.de zitiert. „Das ist einfach schwierig.“ Die wenigen verfügbaren Räume müsse man sich mit mehreren Sozialarbeitern teilen, die Mitarbeiter selbst sitzen in Doppelbüros. Eine vertraute Gesprächsatmosphäre komme dort nicht immer auf.

Kindeswohl akut gefährdet

Die Studie der Hochschule Koblenz zeigt: 2016 hat es in Hessen 1566 Fälle von akuter Kindeswohlgefährdungen gegeben. Bringt man diese in Verhältnis zu den Einwohnern, ist der Wert in Wiesbaden am höchsten. Hier hat es 2016 fast 95 Fälle von akuter Kindesmisshandlung gegeben - Spitzenwert. Unter den Begriff fallen Formen der Vernachlässigung sowie körperliche, psychische und sexuelle Gewalt.

Im vergangenen Jahr, so hessenschau.de, starben in Hessen elf Kinder an unnatürlichen Ursachen. Auch Krause-Ackermann musste so einen Fall schon einmal miterleben. „Das Kind war für kurze Zeit aus der Familie draußen und ist dann wieder zurück. Dann war es tot“, sagt sie gegenüber hessenschau.de „Es war sehr, sehr hart, weil ich diese Familie auch kannte.“

Die wenige Zeit, die den Mitarbeitern im Jugendamt bleibt, geht vor allem für Papierkram drauf. Die Studie aus Koblenz besagt, dass 63 Prozent der Arbeitszeit mit der Dokumentation von Fällen verbracht wird. Seit Jahren fordern Gewerkschaften eine maximale Zahl an laufenden Fällen pro Mitarbeiter, auch mehr Personal solle eingestellt werden. Dafür fehle es den Städten und Kreisen, die für die Finanzierung verantwortlich sein, beziehungsweise den Kommunen, schlicht an Geld, so hessenschau.de.

Das gemeinsame Rechercheprojekt „Opfer ohne Stimme – wie wir unsere Kinder vor Gewalt schützen“ ist diese Woche Schwerpunktthema im Radioprogramm von hr-iNFO.
In der Reihe „Was Deutschland bewegt“ zeigt zudem Das Erste (ARD) am Montagabend, 20.15 Uhr, den Film „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln“. Mehr Informationen zu dem Projekt und den Zahlen gibt es hier.

Logo