Warum musste das Wildschwein auf der Wilhelmstraße erschossen werden?

Am Freitag verirrte sich ein Wildschwein auf die Wiesbadener Wilhelmstraße. Die Behörden verfolgten und erschossen das Tier. Viele Leser fragen sich, ob das wirklich notwendig war. Hätte es vielleicht Alternativen gegeben?

Warum musste das Wildschwein auf der Wilhelmstraße erschossen werden?

Die Wilhelmstraße am Freitagmorgen - mitten über den Gehsteig rennt ein großes, braunes Tier. Das Wildschwein ist offensichtlich in Panik, rennt gegen Fensterscheiben, versucht, sich zu verstecken. Zwei Stunden später haben die Behörden das Tier aufgespürt. Aus Gründen der Gefahrenabwehr, so die offizielle Begründung, musste das Tier erschossen werden. Das löst bei vielen unserer Leser Unverständnis aus, unter anderem bei Susanne Conrad.

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Auch andere Leser fragten sich unter anderem auf Facebook, warum das Tier getötet werden musste und ob es nicht Alternativen gegeben hätte. Beispielsweise hätte man das Wildschwein doch betäuben und einfangen können. Doch ist das wirklich so ohne weiteres möglich?

Tierarzt: Betäubung wäre möglich gewesen

„Hätte man mich dazu geholt, hätte ich innerhalb von 10 Minuten da sein können.“ - Wolfgang Altstaedten, Tierarzt

Wolfgang Altstaedten, Tierarzt aus Wiesbaden, besitzt ein Betäubungsgewehr. Laut eigener Aussage ist er der einzige Tierarzt in der Stadt, der eines besitzt und die nötige Lizenz dafür hat. „Hätte man mich dazu geholt, hätte ich innerhalb von zehn Minuten da sein können“, sagt er. Natürlich aber nur, wenn er gerade Zeit gehabt hätte, räumt er ein. Die Betäubung aus seinem Gewehr wirke innerhalb von drei bis vier Minuten. „Allerdings muss man Tierarzt sein, um die Lizenz dafür zu kriegen“, sagt er. Außerdem koste so eine Gewehr 3000 bis 4000 Euro, ein Einsatz rund 150 Euro.

Stadtpolizei: Betäubung problematisch

„Meines Wissens besitzen wir das einzige Betäubungsgewehr in Wiesbaden.“ - Hans-Peter Erkel, Stadtpolizei

„Meines Wissens besitzen wir das einzige Betäubungsgewehr in Wiesbaden“, sagt Hans-Peter Erkel, Leiter der Stadtpolizei, zu der auch die Untere Jagdbehörde gehört. Von Herrn Altstaedtens Gewehr wisse er nichts. Die Waffe der Behörde würde im Jahr rund zehnmal zum Einsatz kommen, vor allem, wenn Hunde eingefangen werden müssten. Auch wenn beispielsweise die Fasanerie ein Tier betäuben müsste, würde man die Hilfe der Behörde in Anspruch nehmen. Die Reaktionszeit, mit der ein Mitarbeiter der Behörde ausrücken könne, betrage je nach Tageszeit höchstens 15 Minuten - ein Einsatz koste durchschnittlich etwa 70 Euro.

„Wenn wir ein Wildtier betäuben und es dann im Wald aussetzen, ist es hilflos und schutzlos ausgeliefert - das wäre unverantwortlich.“ - Hans-Peter Erkel, Stadtpolizei

Gegen Wildtiere würde man das Betäubungsgewehr aber nicht einsetzen. „Wenn wir ein Wildtier betäuben und es dann im Wald aussetzen, ist es Raubtieren und anderen Gefahren hilflos und schutzlos ausgeliefert - das wäre unverantwortlich“, so Erkel. Außerdem würde das Betäubungsmittel sich im Körper des Tiers noch länger halten. Sollte das Tier dann von einem Jäger geschossen werden, würde das Gift über das Fleisch schlimmstenfalls an Menschen gelangen. Das könne man nicht verantworten.

„Hinzu kommt noch noch, der Wirkstoff, der uns zur Verfügung steht, erst acht bis zehn Minuten später wirkt“, sagt Erkel. Ein mit dem Betäubungsgewehr angeschossenes Wildtier sei weiterhin eine ernsthafte Gefahr, weshalb diese Methode nicht effektiv sei.

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Naturschützer gibt Behörden Recht

„Die Polizei hat sich richtig verhalten - wenn man sich an uns gewandt hätte, hätten wir auch nicht gewusst, was wir hätten machen sollen.“ - Karsten Sporleder, BUND

„Wenn so ein Tier in Panik ist, ist es wahnsinnig gefährlich“, sagt Karsten Sporleder, Stellvertretender Vorsitzender vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Wiesbaden. „Die Stadtpolizei hat sich richtig verhalten - wenn man sich an uns gewandt hätte, hätten wir auch nicht gewusst, was wir hätten machen sollen.“ Solche Vorkommnisse seien selten, einen Notfallplan gebe es dafür nicht.

„Wenn man versucht hätte, jemanden zu rufen, der das Tier einfängt, hätte das Stunden dauern können.“ - Karsten Sporleder, BUND

Im Falle des Wildschweins sei der Schutz der Bevölkerung definitiv wichtiger gewesen als das Leben des Tiers. „Wenn man versucht hätte, jemanden zu rufen, der das Tier einfängt, hätte das Stunden dauern können“, so Sporleder. In der Zeit hätte das panische Tier Menschen ernsthaft verletzen können. „Ich möchte jedenfalls nicht von einem Wildschwein angegriffen werden.“

Sonderlich traurig um das Wildschwein ist er jedenfalls nicht. „Wildschweine gibt es eh viel zu viele bei uns. Der Bestand ist riesig - da kommen selbst die Jäger kaum bei.“ Die Tiere würden sich absichtlich im Stadtgebiet aufhalten, weil sie wüssten, dass sie dort nicht gejagt würden - und würden dort regelmäßig große Sachschäden anrichten.

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„Was soll daran verkehrt sein, Wildschwein ist doch lecker. Sollte man das Tier lieber begraben und einen Grabstein aufstellen?“ - Karsten Sporleder, BUND

Zu der Frage, was er davon halte, dass das Fleisch des Wildschweins von der Wilhelmstraße jetzt in den Handel kommen soll, sagt Sporleder: „Was soll daran verkehrt sein, Wildschwein ist doch lecker. Sollte man das Tier lieber begraben und einen Grabstein aufstellen?“ Das Tier sei nun einmal tot - das Fleisch zu verwerten halte er nicht für unethisch. Was er allerdings für bedenklich halte sei, wenn Menschen gegen Tiere mit Pfefferspray vorgingen. Das käme immer wieder mal vor. „Die Leute haben das Spray eh dabei und haben nicht gelernt, mit der Situation angemessen umzugehen“, so Sporleder. „Die Tiere haben dann entsetzliche Schmerzen. DAS halte ich für unethisch.“

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