Wiesbaden gilt als „Sittich-Hauptstadt“ des Rhein-Main-Gebiets – und das aus gutem Grund: Die Population der Halsbandsittiche ist bis 2024 auf rund 4800 Tiere angewachsen, die Alexandersittiche auf annähernd 1000. Eine neue Fachpublikation des Wiesbadener Biologen und Vogelschutzbeauftragten Oliver Weirich zeigt nun: Ein wesentlicher Grund für das anhaltende Wachstum ist die Erschließung von Brutplätzen in wärmegedämmten Hausfassaden.
Fassadenbruten als Wachstumsmotor
In Wiesbaden brüten Halsbandsittiche seit 1975, Alexandersittiche seit 1987 im Freiland. Nach so langer Zeit hätte man ein Abflachen des Populationswachstums erwarten können. Doch die Schlafplatzzählungen bis 2024 zeigen weiterhin deutliche Zuwächse. Weirich führt dies maßgeblich auf die Nutzung von Höhlen in Wärmedämmverbundsystemen zurück: Bei Untersuchungen in mehreren Ortsbezirken wurden Dutzende Sittich-Höhlen in Fassaden festgestellt. Hochgerechnet auf das gesamte Stadtgebiet sind laut Weirich Hunderte solcher Brutplätze zu erwarten.
„Es liegt nahe, dass die Populationen deshalb weiterwachsen konnten, weil sie sich dieses unerschöpfliche Reservoir an Brutplätzen erschlossen haben“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt Wiesbaden zur Studie. Die Folgen sind nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch relevant: Die Kosten für die Reparatur der durch die Vögel verursachten Fassadenschäden könnten sich auf mehrere Hunderttausend Euro belaufen.
Technische Anpassungen als Lösungsweg
Die Studie legt nahe, dass sich Sittich-Bruten in Fassaden durch technische Anpassungen der Wärmedämmverbundsysteme eindämmen lassen. Wären die Vögel wieder auf die wenigen großen Baumhöhlen als Brutplätze angewiesen, käme es zu einem natürlichen Konkurrenzkampf – und die Anzahl in Wiesbaden könnte wieder sinken. Eine aktuelle Untersuchung von 75 in Wiesbaden verschlossenen Vogellöchern an Fassaden zeigte zudem, dass die Vögel ein Drittel der Höhlen innerhalb eines Jahres wieder öffnen.
Die Stadt Wiesbaden verweist in ihren FAQs darauf, dass sich in mehreren deutschen Städten die Anbringung geeigneter Nistkästen bewährt habe, um der Gefahr des Nestbaus in der Wärmedämmung vorzubeugen. Gleichzeitig betont sie, dass gegen etablierte Neozoen – das sind Tierarten, die durch menschliche Aktivitäten in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie ursprünglich nicht heimisch waren – nur bei ernsten Schäden am Ökosystem vorgegangen werden soll. Für etwaige Maßnahmen zum Bestandsmanagement sei das Hessische Umweltministerium zuständig.
Da Halsbandsittiche nach dem Bundesnaturschutzgesetz geschützt sind, darf die Stadt keine Bestandsreduzierungen anordnen, und Hauseigentümer dürfen bewohnte Höhlen nicht einfach verschließen.
Ausblick: Kapazitätsgrenze in Sicht?
Trotz des anhaltenden Wachstums deuten erste Anzeichen darauf hin, dass die Kapazitätsgrenze in Wiesbaden nahezu erreicht sein könnte. Die Ausbreitung der Sittiche auf weitere Schlafplätze im Rhein-Main-Gebiet – etwa in Frankfurt, Hattersheim und Mainz – wird von Experten wie Oliver Weirich und dem Papageienexperten Detlev Franz als Hinweis gewertet, dass die Bestände in Wiesbaden wahrscheinlich nicht mehr so stark wachsen werden wie in den vergangenen Jahrzehnten. Im Jahr 2021 wurden in Mainz und Wiesbaden zusammen etwa 5800 Sittiche gezählt – rund 1000 mehr als im Rekordjahr 2024 allein in Wiesbaden.
Weirichs Untersuchungen und die aktuelle Studienlage zeigen, das Sittich-Phänomen ist nicht nur ein lokales Thema, sondern ein regionales. Die Frage, wie mit den Fassadenbruten umgegangen wird, bleibt eine der drängendsten – sowohl für den Artenschutz als auch für die Stadtplanung.
Zugleich sieht Weirich Bedarf an weiterer Forschung. Zum einen sind die Auswirkungen von Sittichen auf die heimische Tierwelt noch nicht abschließend geklärt. Einer international anerkannten Studie zufolge sind Halsbandpapageien für den massiven Rückgang einer bedeutenden Fledermauspopulation in Sevilla durch Tötungen oder den direkten Wettbewerb um Baumhöhlen verantwortlich. Ob es in Wiesbaden zu ähnlichen Schädigungen gekommen ist, wurde bisher nicht untersucht.
Zum anderen ist noch offen, ob die Sittiche ihre Bindung an die Städte verlieren und in landwirtschaftliche Flächen oder Gebiete mit hohem Naturschutzwert vordringen werden.