Werden Verkehrsteilnehmer immer rücksichtsloser?

Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr erklärt im Gespräch mit Merkurist, woran es liegt, dass sich Einige nicht an die Verkehrsregeln halten und ob die Gruppe der Verkehrsrabauken immer größer wird.

Werden Verkehrsteilnehmer immer rücksichtsloser?

„Braucht man überhaupt noch Verkehrsregeln, wenn sich sowieso keiner daran hält?“, fragte Leserin Patricia in einem Snip. Ganz so abwegig scheint ihre Frage dann aber doch nicht zu sein - gerade im Hinblick auf neue Verkehrskonzepte, die von einer geteilten Fläche aller Verkehrsteilnehmer ausgehen. Merkurist wollte es genauer wissen und hat bei dem Frankfurter Verkehrssoziologen Alfred Fuhr nachgefragt.

Damit kein Chaos entsteht und der Verkehr auf der Straße friedlich verläuft, hat der Bund Regeln für den Straßenverkehr aufgestellt. Wie kam der Gesetzgeber auf die Idee, Regeln festzulegen?

Alfred Fuhr: Die Frage nach dem Wesen von Regeln ist eine gute Frage, die aber auch in der Soziologie ein Henne-Ei-Problem ist. Gab es zuerst die Verkehrsregeln oder entstehen sie erst durch Menschen, die miteinander agieren und dann Regeln aufstellen und sich Strafen ersinnen, wenn andere sie nicht befolgen? Der Römische Verkehrsteilnehmer, der einem Bauern auf dem Weg nach Rom begegnet und ihm Platz macht - er müsste es ja nicht - tut er das, weil er hofft, durch diese Geste von ihm zu erfahren, wo er vielleicht günstig übernachten kann? Beweist er Großmut oder befolgt er eine Regel? Es ähnelt der Primatenforschung am Max-Planck-Institut in Leipzig. Ganz kleine Kinder erlernen keine Regeln, sondern entwickeln sie im Spiel. Gibst du mir was, geb ich dir was - sie sind auf Kooperation aus, erkennen die Vorteile im Zusammensein mit anderen Kindern.

Das hört sich erstmal nicht so an, als ob diese Regeln zwingend notwendig sind.
Fuhr: Innerhalb des Fußgängerverkehrs scheint es auch ohne Regeln zu gehen. Der Soziologe Erving Goffmann hat herausgefunden, dass - in Zeiten vor dem Smartphone - Fußgänger durch ihre wechselseitige Empathie und Ausweichstrategien ohne verbale Kommunikation miteinander auskommen. Wir brauchen dort keine Schilder oder Verkehrsregeln. Denn wie bei den Kindern handeln wir miteinander unbewusst aus, wer ausweicht und wer weiter geht. Befragt man die Fußgänger, wie und warum sie das so machen, wird man erstaunlicherweise feststellen, dass keine vernünftige Antwort, sondern eine sozial konstruierte Antwort gegeben wird.

Ist das der Grund, warum sich einige Menschen nicht an die Verkehrsregeln halten, weil sie denken, sie finden sich auch ohne Regeln im Verkehr zurecht?
Fuhr: Nicht unbedingt. Im Alltag kommt es zu Zielkonflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern. Sie verfolgen alle Eigeninteressen. Da entsteht teilweise die Erkenntnis, dass es im Straßenverkehr ratsam ist, sowohl die Regeln zu befolgen, als sie auch zu brechen. Das ist ein unauflösliches Paradox.

Doch die Straßenverkehrsordnung geht von einem anderen Menschenbild aus.
Fuhr: Ja. Der erste Paragraf der Straßenverkehrsordnung weist darauf hin, dass die Komplexität im Verkehr und die Möglichkeit der Begegnung ganz unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer von jedem eine große Aufmerksamkeit und vor allem Rücksicht einfordert. Niemand soll belästigt, behindert, oder gar geschädigt werden, und man sollte stets damit rechnen, dass andere die Regel gerade nicht befolgen, und man daher nicht auf seinem Recht - zum Beispiel der Vorfahrt oder seinem Territorium - beharren sollte. Die erfolgreichste Verkehrskampagne hat diese Regel, auf „Hallo Partner - dankeschön“ verkürzt und die Justiz hat den Grundsatz, dass es im Verkehr eigentlich keine Alleinschuld gibt.

Viele Menschen brüllen dann aber doch durch die Autoscheibe andere Verkehrsteilnehmer an und regen sich über deren Fehlverhalten auf. Deshalb sind einige der Meinung, dass sich immer weniger Menschen an die Verkehrsregeln halten. Stimmt dieser subjektive Eindruck?
Fuhr: Bisher sind fast alle Versuche gescheitert, dafür ein wissenschaftliches Messinstrument oder einen aussagekräftigen Verkehrsklimaindex in Deutschland zu institutionalisieren. Versicherungen haben dazu Versuche gemacht und auch die Verkehrspsychologie versucht aus Befragungen von Verkehrsteilnehmern eine Zunahme an Regelverletzungen und Rücksichtslosigkeit zu konstruieren. Was dort aber in Wahrheit abgefragt wird, ist die Erinnerung der Teilnehmer der Befragung und hier ist es wie bei dem Gefühl, sich stets an der langsamsten Kasse oder in der längsten Schlange zu befinden. Das Gehirn merkt sich nur die negativen Erlebnisse und vergisst, wenn es mal gut lief. Gleiches gilt im Verkehr. Gefühlt nimmt daher die Rücksichtslosigkeit zu, wissenschaftlich trennscharfe Begriffe und Ergebnisse gibt es aber nicht.

Regellose Orte gibt es also nicht? Auch nicht, wenn sie als ein Verkehrskonzept ins Leben gerufen werden?
Fuhr: Laut der Soziologin Rodenstein sind solche regellosen Orte nur oberflächlich regellos. Das wird wie beim Theater inszeniert und alle versuchen eine gute Figur in der Rolle zu machen, weil sie ja keine der sonst üblichen Hilfsregeln anwenden dürfen. Die Ethnomethodologie von Goffman hat dazu klare Ergebnisse: Es wird sich nach einer gewissen Zeit eine neue Ordnung bilden, die aber nicht beabsichtigt war. Es wird sich derjenige durchsetzen, der in diesem Raum die größte Legitimation hat. Der Lkw-Fahrer, der nachweisen kann, dass er ganz wichtige Fracht hat, der eilige Kurier mit den dringend benötigten Medikamenten oder der Niere, die transplantiert werden muss - sie werden sich durchsetzen, während das spielende Kind mit dem Hund oder der Rentner, der auf dem Weg zum Park ist, sicher auf sein Vorrecht nun die Straße zu überqueren, verzichten müssen.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Fuhr.

Logo