Reporterlegende Béla Réthy über Wiesbaden, Mainz und seinen Abschied

Am Donnerstag feierte die Sportreporter-Legende Béla Réthy ihren Ausstand in Wiesbaden. Bevor die Party mit prominenten Gästen losging, haben wir den 66-Jährigen noch zum Interview getroffen.

Reporterlegende Béla Réthy über Wiesbaden, Mainz und seinen Abschied

Am Donnerstagabend hat einer der berühmtesten Sportreporter Deutschlands seinen Ausstand gefeiert: Béla Réthy. In der Wiesbadener „Badhaus.BAR“ kamen am Abend prominente aktive oder Ex-Sportreporter wie Dieter Kürten, Katrin Müller-Hohenstein oder auch Jörg Dahlmann zusammen. Mit Dieter Nuhr war auch ein prominenter Gast vor Ort, der nicht aus der Sportreporterszene stammt. Nach über 30 Jahren beim ZDF endete Réthys Karriere aus Altersgründen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar kurz vor Weihnachten 2022.

Rund eine Stunde vor Beginn der Feier nahm sich Béla Réthy am Donnerstag in der Wiesbadener Innenstadt noch die Zeit für ein Interview mit Merkurist. Als wir den Mann treffen, der den EM-Titel der deutschen Fußballer 1996 kommentierte und vor einem Millionenpublikum über das 7:1 der DFB-Elf im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien staunte, ist der Gastgeber sichtlich aufgeregt. Rund 150 Gäste werden gleich in die Häfnergasse kommen, ihn umarmen und Geschenke überreichen. In den verwinkelten Räumen der „Badhaus.BAR“ finden wir schließlich einen Platz für das Gespräch, während um uns herum noch eilig die letzten Vorbereitungen für die Party getroffen werden.

Merkurist: Herr Réthy, warum haben Sie sich entschieden, Ihren Ausstand heute im Wiesbadener Badhaus zu feiern?

Béla Réthy: Das Badhaus ist relativ neu und ich habe es zum ersten Mal gesehen, als es noch in der Umbauphase war. Das sind hier Originalgemäuer, teilweise noch aus dem 16. Jahrhundert. Ich finde, ein Ausstand nach so vielen Jahren verdient auch einen gewissen optischen Rahmen: Da kannst du nicht einfach in die Turnhalle oder eine normale Turnvater Jahn-Kneipe gehen. Als ich das Badhaus zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Das wäre doch der richtige Ort für meine Abschiedsparty – hier in meiner Heimatstadt Wiesbaden.

Sie leben seit 40 Jahren ohne Unterbrechungen in Wiesbaden, oder?

Nicht ganz, ich habe auch mal eine Zeit lang in Nieder-Olm (Rheinhessen) gewohnt, aber im Grunde genommen immer im Rhein-Main-Gebiet.

Nach Mainz hat es Sie aber nie gezogen?

Nein, komischerweise nicht. Als ich beim ZDF anfing, waren die Produktionsstätten – Studios, Redaktionsräume – noch in Wiesbaden. In Mainz war damals nur die Verwaltung, deswegen wohnen viele Redakteure auch immer noch in Wiesbaden. So bin ich zum Beispiel auch hier hängengeblieben.

Viele Wiesbadener haben ja eine Aversion gegenüber Mainz. Ist es bei Ihnen auch so?

Null. Ich finde das alles Folklore. Die bestgehende Kneipe in Düsseldorf ist inzwischen eine Kölsch-Kneipe. Das sind so alte Relikte, man foppt sich gern an Karneval. Aber ich betrachte das ganze Rhein-Main-Gebiet als eine große Einheit. Wenn man in Los Angeles von einem Eck ins andere fährt, sind es 90 Kilometer. Ich sehe da also null Konkurrenz gegenüber Mainzern oder Frankfurtern. Es gibt überall Nette und nicht Nette. Das hat mit der Stadt nichts zu tun.

Es kommen heute nicht nur einige bekannte Sportreporter, sondern auch Prominente, die man gar nicht direkt mit Ihnen in Verbindung setzen würde. Zum Beispiel Dieter Nuhr. Nach welchen Kriterien haben Sie die Gäste ausgesucht?

Im Grunde genommen nur die Sportredaktion, assoziierte Mitglieder aber auch andere Gewerke. Wir können ja alleine schließlich nicht existieren, ohne Kameraleute oder Produktionsleute oder Cutter. Und zu Dieter Nuhr: Als der seine Karriere Mitte der Neunzigerjahre startete, hatte er bei uns in der Sportredaktion angefangen. Während der Europameisterschaft 1996 hatte er dann seine ersten Auftritte. Er saß bei meinem ersten Finale als Kommentator neben mir, als das Spiel durch Oliver Bierhoffs Golden Goal entschieden wurde. Seitdem verbindet Dieter und mich eine Freundschaft. Aus dem privaten Umfeld habe ich aber ehrlich gesagt für heute gar nicht so viele Menschen eingeladen.

Gibt es Gäste, auf die Sie sich besonders freuen?

Ja, auf alle! Es sind auch alte Weggefährten dabei, manche von ihnen sind teilweise schon in Rente. Außerdem kommt zum Beispiel Marcel Reif, mit dem ich lange zusammengearbeitet habe. Dann natürlich noch Dieter Kürten, mein erster Chef, der erst vor wenigen Tagen 88 Jahre alt geworden ist. Trotzdem lässt er sich meine Party natürlich nicht entgehen.

Nach den ersten Monaten im Ruhestand: Juckt es noch in den Stimmbändern, oder haben Sie sich mit dem Reporter-Ruhestand schon angefreundet?

Das Kommentieren habe ich abgelegt, aber ich habe plötzlich mehr zu tun als vorher. Ich arbeite gerade an einer Dokumentation für das ZDF. Darin geht es um das 60-jährige bestehen der Fußball-Bundesliga, das im August gefeiert wird. Zumindest bin ich Teil des Projektes. Außerdem stehen noch einige organisatorische und bürokratische Dinge an. Für die Rente hatte ich also noch gar keine Zeit. Wenn der Juli oder der August kommen, werde ich versuchen, vier Wochen lang wirklich gar nichts zu machen. Dann übe ich, wie es ist, Rentner zu sein. Auf dem Personalausweis steht zwar 66 Jahre, aber ich fühle mich jünger.

Gab es dennoch die Überlegung, nochmal ein Comeback zu starten?

Für einen guten Zweck vielleicht, da übernehme ich auch mal Moderationen. Auch heute soll für „Zwergnase“ gespendet werden. Das ist eine Einrichtung hier in Wiesbaden, die sich mit schwerstbehinderten Kindern beschäftigt und deren Eltern entlastet. Aber jeden Samstag ins Stadion, das mache ich nicht mehr.

Vor ein paar Monaten ging ein Video durch soziale Medien, in denen Fußball-Nationalspieler Leon Goretzka Ihre Stimme erkannte und sich kurz nicht mehr auf das Interview konzentrieren konnte. Kommt es öfter vor, dass Menschen Sie nicht am Gesicht, sondern an der Stimme erkennen?

Manche haben zunächst nur den Verdacht, dass ich es bin: Wenn ich dann den Mund aufmache, haben sie Bild und Ton zusammen und erkennen mich. Viele Fußballer sind mit mir aufgewachsen. Im Grunde genommen freuen sich viele Bundesligaspieler, vor allem auch die jungen, mich mal live zu erleben.

Als ihr Abschied als Kommentator bei der WM vor Weihnachten feststand, hatte man das Gefühl, dass viele Menschen ihren Abschied bedauern. Auch in sozialen Medien, in denen Kommentatoren ja eher kritisiert werden, waren die Rückmeldungen sehr positiv. Haben sie das immer so empfunden, oder lag das am Abschied?

Bei persönlichen Begegnungen hatte ich immer positive Erfahrungen, obwohl Kommentatoren tatsächlich häufig kritisch gesehen werden. Wir machen immer den Fehler, ihr und wir auch, die sozialen Medien als Indikator zu betrachten. Das ist aber eigentlich statistisch nicht messbar, nur rund vier Prozent der Deutschen haben Twitterprofile. Das ist häufig eine laute Minderheit, die eigentlich nur da ist, um über alles herzufallen, das sich bewegt. Das hat mit der gesamten Gesellschaft zu tun, denke ich. Meine Erfahrung war eigentlich immer, dass ich positiv wahrgenommen wurde. So ist zumindest mein Gefühl.

Sie sprechen sechs Sprachen…

Nicht alle gleich gut. Ich habe ungarische Wurzeln, bin in Brasilien aufgewachsen und habe 80 Länder bereist: Da lernt man viele Sprachen, sonst verhungert man. Ich lerne schnell Sprachen. Wenn man es einmal draufhat, dann funktioniert es auch.

Und wie steht es um Ihr Hessisch?

Da brauche mer gar ned drüber redde, da könnt isch grad verrickt werrn (lacht).

Was erhoffen Sie sich vom Abend?

Ich bin ein bisschen angespannt. Ich hoffe, dass es gelingen wird und, dass ich niemanden vernachlässige. Ich halte eine kleine Rede. Aber bei 150, 160 Leuten will ich jedem gerecht werden – und morgen ganz lange schlafen.

Danke für das Gespräch, Béla Réthy.

Das Interview führten Ralf Keinath und Peter Kroh.

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