Westend-Ortsvorsteher: „Mit diesem Problem wird man nicht mit der Stadtpolizei fertig“

Im ersten Teil des Interviews mit Merkurist spricht Volker Wild, Ortsvorsteher des Westends, über Vorurteile über das Westend, darüber, wie sich der Stadtteil verändert hat und welche Probleme es dort gibt.

Westend-Ortsvorsteher: „Mit diesem Problem wird man nicht mit der Stadtpolizei fertig“

Laut, dreckig, kriminell: Wenn man die Wiesbadener nach ihrem Eindruck vom Westend fragt, zeichnen viele Menschen ein eher negatives Bild von dem Stadtteil. Andere schwärmen von den Bars und Restaurants und dem sozialen und kulturellen Miteinander. Im Gespräch mit Volker Wild, Ortsvorsteher des Westends, wollten wir wissen, wie er selbst seinen Stadtteil sieht.

Sie sind seit der Kommunalwahl 2016 Ortsvorsteher im Westend. Wie hat sich der Stadtteil in dieser Zeit verändert?

Gerade im letzten Jahr ist sehr viel für den Radverkehr gemacht worden. Und das ist natürlich eine sehr positive Sache, weil wir das schon seit Jahrzehnten immer wieder versuchen anzustoßen. Wir hatten immerhin schon mal die Fahrradstraße in der Bertramstraße, auf dem Ring gibt es jetzt eine komfortablere Lösung als vorher und da sind wir sehr froh drüber.

Über welche Entwicklung im Westend sind Sie dagegen weniger froh?

Das ist vor allem das innere Westend, das durch die dortigen Lebensverhältnisse immer problematisch war. Dort leben viele Migranten, oft kommen sie neu in die Stadt – in letzter Zeit sehr viele aus Südosteuropa. Bulgaren sind jetzt ja auch stärker vertreten als Türken, und das ist natürlich eine Herausforderung.

Oft sind es Leute, die arbeitslos sind, die auch nicht unbedingt die Sprache beherrschen. Die bringen Familien mit, Kinder, Jugendliche und Frauen. Und die müssen irgendwie integriert werden und das ist nicht so einfach. Und im inneren Westend ziehen die Leute — wenn sie sich einigermaßen akklimatisiert haben, einen Job haben — weg, und es ziehen wieder neue Leute aus prekären Verhältnissen nach. Deshalb verändert es sich dort eigentlich nie zum Positiven, weil es ein ständiger Austausch ist und eine extrem hohe Fluktuation herrscht. Das macht es schwierig, dort wirkliche Fortschritte zu erzielen.

Warum gibt es diese Entwicklung denn schon so lange und woran liegt das? Weil Zugezogene dort „ihre“ Community finden oder weil es dort noch bezahlbaren Wohnraum gibt?

Beides. Der Wohnraum dort ist relativ günstig, obwohl dort auch immer mehr Häuser von Migranten aufgekauft werden. Die versuchen dann auch, ihre Klientel dort unterzubringen, zum Teil auch mit überhöhten Mieten. Ich habe kürzlich erfahren, dass in einem Haus 100 Personen leben und im Nachbarhaus mit dem gleichen Zuschnitt nur 30. Also stimmt da irgendwas nicht. Das hat auch zur Folge, dass extrem viel Müll anfällt.

Ärgert Sie der Ruf des Westends? Viele verbinden mit dem Stadtteil Kriminalität und Müll.

Das ist in erster Linie tatsächlich nur ein schlechter Ruf. Das ist mehr so ein Gefühl, das ist gefühlte Unsicherheit. Dort leben Menschen, die in anderen Stadtteilen nicht so vorkommen. Und dann empfindet man das – wenn man hier nicht wohnt – bedrohlich. Wer hier wohnt, der fühlt sich nicht unsicher. Auch Frauen geht es nicht anders. Vielleicht mal Samstagnacht, denn das ist natürlich immer auch die Nacht, wo dann am meisten passiert. Wo Jugendliche umherziehen, alkoholisiert sind. Da kann es auch schon mal unangenehm werden.

Aber wir haben ja hier eine Alkoholverbotszone am Platz der Deutschen Einheit, in der Fußgängerzone die Waffenverbotszone. Das hört sich für Außenstehende natürlich nicht so gut an, wenn so etwas gebraucht wird, oder man glaubt, es zu brauchen. Aber ich sehe keinen Grund, warum man mit Waffen in der Stadt rumlaufen soll. Und jedes Messer, das eingesammelt wird, ist eines weniger, das bedrohlich sein kann.

Über den Erfolg der Alkoholverbotszone gehen die Meinungen dagegen auseinander.

Die Alkoholverbotszone ist eigentlich eine Farce. Es wird trotzdem getrunken, die Leute werden von der Stadtpolizei aufgescheucht und gehen einmal um den Block. Anschließend setzen sie sich wieder an den Platz der Deutschen Einheit. Auch eine Verdrängung gibt es dadurch natürlich. Aber mit diesem Problem wird man nicht mit der Stadtpolizei fertig, dafür braucht man Sozialarbeiter. Das verweigert man uns vom Sozialdezernat aber bislang. Wir hoffen, dass wir das Dezernat nochmal umstimmen können. Das kostet natürlich Geld und macht viel Arbeit, das ist vielleicht ein Grund, warum man sich so sträubt. Eine Überwachungskamera ist eine einmalige Anschaffung, dafür bringt sie aber nicht viel.

Ist die Bestrebung also weiter da, Sozialarbeiter zu bekommen und wird dem auch weiter nachgegangen?

Ja, wir fordern das alles schon seit Jahrzehnten. Ich bin schon seit 35 Jahren im Ortsbeirat und ich kenne die Situation. Ich weiß, dass sich die Anträge, die wir stellen, dauernd wiederholen. Es sind auch immer noch die gleichen Probleme.

Welche Probleme gibt es darüber hinaus im Westend?

Es ist in erster Linie auch der ruhende und fahrende Verkehr, soziale Belange, hauptsächlich im inneren Westend, aber auch im äußeren Westend müssen wir aufpassen, dass die Situation dort stabil bleibt. Dort ist es eher so, dass ansatzweise eine Gentrifizierung zu finden ist. Es ist durchaus so, dass Häuser aufgekauft werden und modernisiert werden. Die kehren dann nicht mehr mit den gleichen Bewohnern auf den Markt zurück, weil sie es dann nicht mehr bezahlen können oder die Wohnung für die Sanierungsmaßnahmen verlassen müssen.

Das ist ein Problem, das wir im äußeren Westend haben. Im inneren Westend wäre es ganz gut, ein bisschen mehr in Richtung Wohnen für Studenten zu gehen. Dazu müsste die Stadt aber ein Vorkaufsrecht wahrnehmen, damit die Häuser nicht einfach dem Markt überlassen werden. Es sind wenige Familien, die im Westend beruflich tätig sind, in Gastronomie oder Einzelhandel, die dann immer weiter aufkaufen und der Stadt die Möglichkeit nehmen, auf Wohnentwicklung Einfluss zu nehmen.

Den zweiten Teil unseres Interviews mit Volker Wild, dem Ortsvorsteher des Westends, lest Ihr am Wochenende bei Merkurist. (ab)

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