Gibt es überhaupt ein Nachtleben in Wiesbaden?

Seit dem 1. Januar hat Wiesbaden ein Nachtbürgermeister-Duo. Im Interview haben wir mit Pascal Rück und Daniel Redin über das Wiesbadener Nachtleben, neue Ausgeh-Hotspots und ihre Rolle bei der Entwicklung der Stadt gesprochen.

Gibt es überhaupt ein Nachtleben in Wiesbaden?

Ist das Wiesbadener Nachtleben wirklich so schlecht wie sein Ruf? Entwickeln sich neue Ausgeh-Hotspots in der Stadt? Und welche Probleme beschäftigen die Lokalbetreiber aktuell? Darüber haben wir mit Pascal Rück und Daniel Redin gesprochen. Seit Anfang des Jahres sind die beiden die ersten Nachtbürgermeister der Stadt (wir berichteten). Gemeinsam mit den Lokalbetreibern sollen sie neue Ideen für das Wiesbadener Nachtleben entwickeln.

Merkurist: Viele Wiesbadener finden, es gibt kein Nachtleben mehr in der Stadt. Wie seht ihr das?

Pascal Rück und Daniel Redin: Das können wir so gar nicht bestätigen. Es gibt sehr viele Angebote, sich am Abend oder in der Nacht in Wiesbaden zu vergnügen – für jede Altersgruppe und jedwede Vorliebe. Die Angebote müssen aber auch wahrgenommen werden. Wir vermissen oftmals den Mut der Gäste, mal etwas Neues zu probieren. Ganz klar besteht auch in der Anzahl der Angebote Verbesserungsbedarf. Dennoch finden wir, dass die Möglichkeiten in Wiesbaden besser sind als der allgemeine Ruf.

Das legendäre „Bermuda-Dreieck“ rund um Taunus- und Nerostraße war früher zum Beispiel eine echte Partymeile mit etlichen Kneipen und Clubs. Würde das heute so noch funktionieren oder hat sich das Ausgehverhalten der Wiesbadener verändert?

Das Ausgehverhalten einer ganzen Generation hat sich verändert. Vermehrt werden Großveranstaltungen gesucht, besucht und für diese gespart. Jeden Samstag die gleiche Location zu besuchen ist nicht mehr der Durchschnitt. Dennoch funktionieren Gastromeilen nach wie vor ganz wunderbar – wie man auch am Beispiel anderer Städte sieht.

Gibt es Viertel oder Straßen in der Stadt, in der sich gerade eine Art neue Ausgehmeile entwickelt? In der Mauergasse hat kürzlich mit „Y Wine & Kitchen“ zum Beispiel die vierte Weinbar eröffnet.

Wir sehen etliche Plätze in der Stadt, welche sich ganz wunderbar zum Entdecken eignen. Da sind natürlich bekannte Gebiete wie rund um den Schlachthof zu nennen, aber auch neuere Projekte wie der Kiezgarten. So sind auch Mauergasse, Wagemannstraße und Goldgasse mit vielen gastronomischen Angeboten verschiedenster Art wunderbare Orte, um eine Ausgehkultur zu erleben. Dass sich darin auch Weinbars toll etablieren, liegt ja in der Natur der Region – was ein Glück.

Wo seht ihr sonst noch Potenzial in Wiesbaden?

Wir sehen Potenziale gar nicht so sehr örtlich gebunden, sondern tatsächlich in den Personen selbst. Wir würden uns wünschen, dass mehr junge Menschen wieder den Mut fassen, eigene Konzepte zu entwickeln und durchzuführen. Durch ein gewisses Maß an Steigerung der lieben Bürokratie sicherlich nicht so einfach zu handhaben wie zu unserer endenden Schulzeit, aber da können wir jungen Kreativen wärmstens unsere Unterstützung anbieten. Wir freuen uns, wenn wir Kulturschaffenden mit Rat und Tat zur Seite stehen dürfen.

Mit dem Badhaus.1520 hat nach langer Zeit wieder ein neuer Club in der Stadt eröffnet. Wie kommt er aus eurer Sicht bisher bei den Wiesbadenern an? Zieht er vielleicht sogar Leute aus anderen Städten nach Wiesbaden?

Das Badhaus muss als Anfang gesehen werden. Mit dem „Wohnzimmer“ zusammen sollten von dieser Sorte Location sich noch gut und gerne mindestens zwei in Wiesbaden etablieren um eine gewisse Vielfalt abzubilden.

Sind weitere neue Clubs, Kneipen oder Bars in der Stadt in Planung?

Von uns nicht (grinst).

Als Nachtbürgermeister sollt ihr nicht nur gemeinsam mit Gastronomen und Clubbetreibern neue Ideen und Konzepte entwickeln, sondern seid auch Ansprechpartner bei Problemen. Welche Themen beschäftigen die Lokalbetreiber der Stadt aktuell?

Da wir auch bundesweit im Austausch mit anderen Nachtbürgermeister:innen und Kulturlotsen:innen stehen, können wir widergeben, dass Probleme der Stadt Wiesbaden nicht einzigartig sind. So sind Themen wie „Freiflächenutzung“ und „Zwischennutzung“ überall von großem Interesse – so auch hier. Was die lokalen Gastronomiebetreiber:innen angeht, glauben wir, beziehen sich die Themen gar nicht so sehr auf die Stadt – da ist jeder erst einmal froh, die letzten zwei Jahre überlebt zu haben und das hoffentlich auch diesen Winter zu tun.

Wie wollt ihr helfen und was sind die nächsten Schritte bei eurer Arbeit als Nachtbürgermeister-Duo?

Wir haben von Beginn an gesagt, dass wir vorerst einen Status Quo im Dreiklang von Stadt, Gastronomie- und Kulturverantwortlichen sowie den Bürger:innen erarbeiten wollen. Außerdem sollten unsere zwei Jahre dazu genutzt werden, um eine Basis zu schaffen, um darauffolgend die Stelle des Nachtbürgermeisters oder der Nachtbürgermeisterin in Vollzeit ausführen zu können. Wir helfen bereits an verschiedensten Stellen. So sind vom Jugendparlament bis hin zum Seniorenbeirat sowie etlichen Verantwortlichen der lokalen Gastronomie und Kultur Gespräche geführt worden, welche mit konstruktiven Inhalten sicher dazu beitragen in eine positive Zukunft zu schauen.

Immer wieder werden natürlich auch Vergleiche zwischen Mainz und Wiesbaden gezogen. Pascal, du lebst selbst seit deinem Studium in Mainz. Kann man in Mainz besser feiern als in Wiesbaden?

Pascal: Wie schlimm ich es finde, dass der Horizont mancher auf der Theodor-Heuss-Brücke endet, kann ich gar nicht in Worte fassen. Feiern kann man in beiden Städten ganz hervorragend – jedem nach seinem Geschmack.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Wo verbringt ihr am liebsten die Nächte in Wiesbaden?

Das kommt ganz darauf an, nach was uns am Abend und in der Nacht ist. Angebote gibt es da mehr als genug!

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