Andreas Kowol: „Wenn die Citybahn nicht kommt, dann...“

Radverkehr, Parkplatzsuche, Citybahn: Es gibt viele Themen, die den Wiesbadener Verkehrsdezernenten Andreas Kowol bewegen. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht er über die Citybahn, mögliche Alternativen und Kritik in den sozialen Medien.

Andreas Kowol: „Wenn die Citybahn nicht kommt, dann...“

Seit fast drei Jahren ist Andreas Kowol (Grüne) als Wiesbadener Dezernent für Umwelt, Grünflächen und Verkehr im Amt. Seitdem hat sich — besonders in Punkto Verkehr und Umweltschutz — einiges verändert. In Teil Zwei unserer Interviews mit Andreas Kowol spricht er über die Citybahn, welche Alternativen es für Wiesbaden gibt und mit welchen Anliegen sich die Bürger an den Verkehrsdezernenten wenden.

Im Sommer wird über den Bau der Citybahn abgestimmt. Sind Sie optimistisch, dass sich die Mehrheit der Bürger für das Projekt entscheidet?

Wir haben im Mobilitätsleitbild herausgearbeitet, dass das jetzige Bussystem einfach nicht mehr weiter zu entwickeln ist und die Grenzen der Kapazität erreicht sind. Und auch mit tangentialen Linien oder mehr Bussen auf den bestehenden Linien ist das nicht zu bewältigen. Auf den Hauptverkehrsachsen brauchen wir ein leistungsfähigeres Verkehrssystem mit mehr Kapazität, als es derzeit mit einem Gelenkbus möglich ist, und mehr, als es mit einer dichten Abfolge von Bussen möglich ist, denn die stehen genauso im Stau und behindern sich gegenseitig. Zum Vergleich: Gelenkbusse können rund 100 Fahrgäste befördern, Straßenbahnen hingegen bis zu 440. Wir haben in den aktuellen Untersuchungen gesehen, dass – selbst wenn alles gut läuft und wir die Durchgangsverkehre deutlich reduzieren können – es zwingend erforderlich wird, ein anderes Verkehrssystem für die Hauptachsen anzubieten.

Wie wollen Sie die Bürger davon überzeugen? Viele halten ja immer noch an anderen Ideen fest.

„Der Eingriff in den Verkehrsraum ist durch eine Straßenbahn am geringsten.“

Der Eingriff in den Verkehrsraum der Innenstadt und in den Stadtteilen ist durch eine Straßenbahn am geringsten. Jedes andere Angebot – Busspuren, Gelenkbusse, eine höhere Taktung – ist mit einem wesentlich stärkeren Eingriff in das Verkehrssystem verbunden. Das gilt für andere Verkehrsteilnehmer, aber auch für das Stadtbild. Zum Beispiel auf der Biebricher Allee: Dort müssten wir Busspuren einrichten, die deutlich breiter sind als Straßenbahngleise, um das anbieten zu können. Auch in der Bahnhofstraße, auf der Rheinstraße und den Zufahrten in die Innenstadt müssten wir durchgängige Busspuren einrichten, um die Kapazität darzustellen. Das sind Eingriffe, die im Vergleich zu einer Straßenbahn deutlich größer sind. Und ich bin davon überzeugt, dass viele Bürgerinnen und Bürger auch verstehen, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann und eine Straßenbahn aus verkehrlicher Sicht die sinnvollste und aus städtebaulicher Sicht die eleganteste Lösung ist.

Und diese Maßnahmen wären bei einem „Nein“ zur CityBahn unumgänglich?

„Wir müssten im großen Stil Busspuren anbieten.“

Ja, wenn es zu einer Ablehnung der Straßenbahn käme, müssten wir unser Bussystem massiv ausbauen. Mit wesentlich größeren Bussen, zum Teil nicht technisch ausgereift, und wir müssten im großen Stil Busspuren in der gesamten Innenstadt auf vielen Achsen anbieten. Es würde ein nennenswerter Teil der Fahrspuren für den Autoverkehr zu Busspuren umgewandelt werden.

Nicht nur bei diesem Thema schlägt Ihnen viel Kritik entgegen. Die ist auch beleidigend, persönlich und unter der Gürtellinie. Wie gehen Sie damit um?

Das ist heute mit der Nutzung der sozialen Medien leider Gang und gäbe, was sehr bedauerlich ist. Jeder, der Kritik übt, kann mir das gerne auch persönlich sagen, wir haben hier regelmäßige Sprechstunden. Es gibt viele Bürger, die in einem regelmäßigen Austausch mit mir stehen, per E-Mail und auch auf anderen Wegen. Da agieren viele auch nicht so plakativ wie über Facebook oder andere soziale Medien. Das direkte Gespräch sollte heute noch die übliche Kommunikation sein, wenn man ein ernsthaftes Anliegen hat, und das biete ich auch an.

Was sind denn die typischen Anregungen und Wünsche, die da an Sie herangetragen werden?

Es gibt natürlich viele Anregungen zu dem, was die Stadtverwaltung im Verkehrsbereich macht. Dann sind häufig sehr persönliche, individuelle Themen Gegenstand der Gespräche: Da geht es um einzelne Straßenabschnitte, wo die Menschen wohnen oder sich häufig bewegen. Aber es gibt auch viele, die sich sehr umfassend mit dem Thema Verkehr in Wiesbaden befassen. Die sind nicht immer einer Meinung mit mir, machen mir aber auch gute Alternativvorschläge.

„Das finde ich äußerst bemerkenswert.“

Zum Beispiel zur CityBahn. Zudem beschäftigen sich die Leute sehr komplex mit diesen Fragestellungen und das finde ich äußerst bemerkenswert, dass es auch Bürger gibt, die nicht nur ihre eigene Mobilität im Blick haben, sondern sich für die Gesamtstadt mit dem Thema beschäftigen und dazu auch qualifizierte Vorschläge machen. Damit setzen wir uns auseinander und werden viele Ideen in unsere Entscheidungsprozesse einfließen lassen. Ich tausche mich regelmäßig mit verschiedenen Leuten aus, um Rückkopplung und Anregungen zu bekommen, aber auch eine Antwort geben zu können, warum das eine geht und anderes eben nicht. Es kann uns nichts Besseres passieren, als dass sich Menschen mit den Dingen, die die Stadt zu entscheiden hat, intensiv befassen.

Ist das mehr geworden im Verlauf Ihrer Amtszeit?

Ja, mit Sicherheit. Wir haben ja eine hohe Schlagzahl, viele Veränderungen auf den Weg gebracht und noch vieles vor. Und es ist mir da ein absolut wichtiges Anliegen und erklärtes Ziel, mit vielen Bürgern in den Diskurs zu treten. Jeder der sich für ein Thema interessiert, hat hier eine offene Tür, kann einen Termin ausmachen und sein Anliegen schildern. Wir nehmen das alles auf. Auch Zukunftsideen, wie zum Beispiel das autonome Fahren, obwohl dieser Zeitpunkt erst in 10 – 15 Jahren kommen könnte. Jeder, der Ideen dazu hat, ist mir genauso wichtig wie die Fachleute, mit denen ich täglich zusammenarbeite.

Im kommenden Jahr sind Kommunalwahlen. Würden Sie bei entsprechenden Ergebnissen für Ihre Partei, das Amt des Verkehrsdezernenten erneut besetzen?

„Man braucht einen langen Atem: Den habe ich.“

Absolut. Ich habe eine längere Agenda hier in Wiesbaden vor. Als ich damals gewählt worden bin, ging ich von vielen Jahren aus. Wie viele Wahlperioden das am Ende sein werden, haben die Wählerinnen und Wähler in der Hand. Mir ist es sehr wichtig, eine langfristige Perspektive für die Stadt zu entwickeln und das auch in die Umsetzung zu bringen. Bei den Verkehrsthemen in Wiesbaden braucht man einen langen Atem: Den habe ich und ich habe weiterhin vor, mich zum Nutzen der Stadt einzubringen. (nl)

Teil 1 unseres Interviews lest Ihr hier:

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