Im Universum von Inox Kapell

Inox Kapell bezeichnet sich als Botschafter zwischen Menschen und Insekten. Nicht nur vermittelt er, dass wir viel von den cleveren Tierchen lernen können - wir sind auch von ihnen abhängig, damit überhaupt etwas wächst.

Im Universum von Inox Kapell

Eine Möbeldesignerin sagte einmal: „Wenn du die Wohnung eines Menschen betrittst, ist das, als spazierte man durch dessen Kopf.“ Besser könnte dieser Satz wohl nicht zutreffen als auf den Insektenforscher Inox Kapell. Derzeit haust er in einer kleinen Dachwohnung im Schloss Freudenberg, wo er regelmäßig auf Führungen seine Begeisterung für die oft so ungeliebten Krabbeltierchen vermittelt.

Dass diese Begeisterung nahezu grenzenlos ist, zeigt sich in seiner Wohnung nur zu gut. Egal ob Plastikfiguren, Modelle in Bilderrahmen, selbstgemalte oder auch aufgebahrte echte Exemplare: Insekten sind ein fester Bestandteil in Inox' Leben - sie leben bei ihm, er lebt mit ihnen. Und ist voll des Lobes: „Der Mensch denkt immer, er sei das intelligenteste Lebewesen. Dabei können wir eine Menge von den Insekten lernen.“ Der Wohnung zu entnehmen ist außerdem, dass hier eine beeindruckende Ordnung das Chaos zu beherrschen scheint. Obwohl mehrere Schichten an vermeintlichem Krimskrams Tische, Regale, Bett, Spüle und Boden bedecken - sobald der 49-Jährige von einem Bild, einer CD oder seinem Tagebuch erzählt, weiß er auch genau, an welcher Stelle er fündig wird, um es zu präsentieren.

Ausgiebiges Beobachten

Sein Wissen sammelt der Mann mit federgeschmückten Hut und kunstvollem Bartwuchs auf autodidaktischem Weg und durch ausgiebiges Beobachten. Schon als Kind liebte er es, manchmal stundenlang im Freien zu sein und auf dem Boden hockend zu beäugen, was da so kreucht und fleucht. Als ihn mit etwa zwölf Jahren ein Lehrer an die Hand und sein Interesse ernst nahm, wusste er: „Das ist, was ich in meinem Leben machen will.“

„Wir wollen hier eine Oase schaffen. Für Tiere und Pflanzen.“ - Inox Kapell

Dabei hat er sich auch die Emsigkeit der Tiere abgeschaut. Nicht nur durch ständigen Lebenswandel und Umzüge zwischen Wiesbaden, Berlin, Mainz, oder Hamburg zeichnet er sich aus, auch hat er die Insekten zu seiner Muse gemacht und präsentiert seine Kunst in Form von Musik, Gemälden, Zeichnungen, Fotografien, Mode und Performances. „Letztlich ist es egal, wo du bist“, sagt er. „Es gibt fast überall Zeichen für das Interesse eines solchen Stroms.“ Im Schloss Freudenberg hat er allerdings einen besonderen Nährboden für seine Berufung gefunden. „Wir wollen hier eine Oase schaffen. Für Tiere und Pflanzen.“ Doch auch jedem Besucher wird auf dem Gelände von Schloss Freudenberg schnell klar: Dieser außergewöhnliche Ort bietet mit seinem Ausstellungs- und Mitmach-Konzept, das die menschlichen Sinne thematisiert, tatsächlich eine Oase jenseits des Stadtlebens.

Entfremdung von der Natur

So fällt auch schnell auf, wenn man mit Inox über das Gelände spaziert, dass vor allem die Kinder von dem sympathischen Sonderling beeindruckt sind. „Was machst du da?“ fragen sie oft, wenn er auf dem Weg oder im Gras kniet, und Wanzen, Käfer oder Spinnen zur Analyse aufsammelt. So unvoreingenommen fragt ihn nicht jeder nach dem, was er da tut. Insbesondere die Entfremdung von der Natur veranlasst Kapell dazu, viel mit Kindern zu arbeiten. Das erfülle ihn mehr, als mit erhobenem Zeigefinger zu missionieren. „Kinder sind unsere Zukunft. Und jedes einzelne kann etwas Wunderbares bewirken.“

„Die Biene ist das wichtigste Tier der Erde. Wir sollten sie respektieren.“ - Inox Kapell

So wie die Bienen. Jede einzelne Honigbiene bestäubt 1000 bis 2000 Blüten auf nur einem Ausflug aus dem Stock, der sich aus bis zu 70.000 zusammensetzt. „Die Biene ist das wichtigste Tier der Erde“, sagt er bestimmt. „Wir sollten sie respektieren.“ Denn ohne ihr „cleveres Bestäuben“, das im Gegensatz zur Hummel oder zum Schmetterling gezielt und nicht zufällig funktioniert, würde nichts wachsen. Auch Gräser und Bäume nicht. Nicht nur gäbe es dadurch keine Nahrung mehr - alles würde zur Wüste werden. Wie es in vielen Teilen der USA bereits der Fall sei.

„Wir sind abhängig von den Insekten“

Dort werde mittlerweile „Bestäubung gegen Bezahlung“ praktiziert. Skurrile Szenarien, die aber nicht von ungefähr kommen, wenn sich die Menschen weiterhin so ausbeuterisch verhalten. Daher sieht sich Inox als Botschafter zwischen Mensch und Insekt. „Wir sind abhängig von den Insekten“, erklärt er auf seinen Insektenführungen. Käfer, Ameisen und Co. geben Nährstoffe an die Erde ab und sorgen durch das Durchwühlen des Bodens dafür, dass er sauerstoffdurchsetzt ist und Platz für Wurzelwachstum bietet. Mückenlarven reinigen unser Wasser, indem sie es filtern; Wespen reinigen unsere Wiesen und Wälder, indem sie den Unrat wegtragen. Außerdem bieten Insekten Nahrung für andere Tiere.

„In einem Bienenstaat herrscht die absolute Demokratie.“ - Inox Kapell

Doch auch auf der sozialen Ebene kann sich der Mensch viel abgucken. Als Lebewesen, die bereits seit 400 Millionen Jahren auf der Erde leben, bestechen die Bienen durch ihr intelligentes und zukunftsorientiertes Handeln. Ein Bienenstaat, sagt man, liefere das Potenzial eines Menschenhirns, weil jedes einzelne Mitglied durch bestimmte Fertigkeiten den Organismus ergänzt. Gemeinschaftskraft, Volksabstimmung – „in einem Bienenstaat herrscht die absolute Demokratie“, erklärt Inox. Die Königin sei nur für das Eierlegen verantwortlich.

Insekten lösen Probleme, Menschen reden darüber

„Kleine Tiere sind lösungsorientiert“, schwärmt der Forscher. „Sie sind dem Menschen insofern voraus, als sie mehr handeln, statt immer nur viel über Probleme zu reden.“ Nicht zu vergessen mit Freude am sinnvollen Handeln: „Die Bienen lachen garantiert die ganze Zeit.“ Ameisen haben sogar ein eigenes Antibiotikum entwickelt, das sie im Körper tragend präventiv einsetzen, aber auch auf andere Staatenmitglieder übertragen können. Sogar das menschliche Immunsystem könne das Gift der Ameise stärken. Wenn eine Erkältung im Anmarsch ist, sucht sich Inox einen Ameisenhügel, hängt seine Nase rein und atmet tief ein. Für Berührungsängstlichere tun es aber auch ein paar Ameisenbisse am Handrücken.

Der Insektenbotschafter hat für sich begriffen, dass alles voneinander abhängig ist, und sich auch gegenseitig inspiriert. Und so betont er nicht nur die Notwendigkeit der biologischen Artenvielfalt, sondern bezeichnet sich selbst als neoistischen Gesamtkunstwerker. Seine eigenwillige Kunst kommt gut an: Jüngst wurde er für Festivals in Belgien und Frankreich gebucht, ein Verlag plant, seine Tagebücher zu veröffentlichen und Arte zeigt Ende des Monats einen Beitrag über ihn. Sein großer Wunsch ist es jedoch, seine Insektenkunde in Form einer Professur zu vermitteln. Denn für ihn ist klar, dass alle Länder der Welt die gleichen Dinge für die Zukunft zu beherzigen haben: Gemeinschaftlichkeit, Verantwortung und Liebe. Und das lehren uns die Insekten.

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