Nachtleben in Wiesbaden: „Die Stimmung ist angespannt“

Weil seit mehreren Monaten Clubs in Wiesbaden und Umgebung geschlossen sind, müssen sich vor allem Wiesbadener Jugendliche neue Beschäftigungen suchen. Das scheint gar nicht so leicht zu sein und bringt Probleme mit sich.

Nachtleben in Wiesbaden: „Die Stimmung ist angespannt“

Schon seit fast fünf Monaten sind die Tanzflächen der Clubs bundesweit leer. Haben sie vor der Corona-Pandemie vor allem junge Leute so ziemlich jedes Wochenende genutzt, um mit Freunden feiern zu gehen, ist das jetzt nicht mehr möglich. Auch die Wiesbadener Jugendlichen müssen sich ihre Zeit seitdem anders vertreiben — und wissen nicht so recht wohin mit sich.

Jugendliche finden kaum Alternativen

„Die Stimmung unter den Jugendlichen ist angespannt.“ - Jugendparlament

„Die weitere Schließung der Clubs stört das Nachtleben enorm“, sagt Noah Benjamin Said, Vorsitzender des Wiesbadener Jugendparlaments. Jugendliche würden sich als Alternative zuhause, in geöffneten Bars oder auch in Gärten treffen, wodurch es allerdings auch zu Ruhestörungen kommen könne. „Eine Alternative abends anders das Nachtleben zu genießen, besteht kaum.“ Das nage wiederum an der Stimmung: „Die Stimmung unter den Jugendlichen ist angespannt. Das Nachtleben fördert die sozialen Beziehungen unter Freunden. Darauf möchte man aus soziologischer Sicht nicht verzichten.“

„Die Stimmung unter jungen Leuten ist seit der Corona-Krise aus meiner Sicht aggressiver geworden.“ - Christian Liffers, Badhaus.Bar

Ähnliches beobachtet auch Christian Liffers, Betreiber der „Badhaus.Bar“ in der Innenstadt. „Die Stimmung unter jungen Leuten ist seit der Corona-Krise aus meiner Sicht aggressiver geworden. Die Jugendlichen wissen einfach nicht, wo sie hinsollen und treffen sich dann auf der Straße“, erzählt er. Er habe schon mitbekommen, wie nachts bei einem Nachbarn randaliert wurde. Ein großer Faktor sei dabei Alkohol. Es sei seiner Meinung nach deshalb nicht auszuschließen, dass dadurch in Zukunft Situationen wie die am Opernplatz in Frankfurt auch in Wiesbaden enstehen könnten. Im Juli war es auf dem Platz bei einer Feier mit bis zu 3000 Teilnehmern zu Ausschreitungen gekommen. Die Bilanz: 39 Festnahmen, mindestens fünf verletzte Polizisten sowie beschädigte Autos und Bushaltestellen.

Wäre ein zeitweises Alkoholverbot sinnvoll?

Damit es nicht so weit kommt und die Jugendlichen Orte finden, an denen sie sich friedlich und unter Einhaltung der Corona-Regeln aufhalten können, hofft Liffers auf die Stadt. „Ich glaube es wäre gut, wenn die Stadt mit Sozialarbeitern auf die Jugendlichen zugehen würde um zu fragen, wie es ihnen geht und was sie brauchen“, sagt er. Außerdem könne er sich vorstellen, dass es auch für Wiesbaden eine Möglichkeit wäre, den Außerhausverkauf von Alkohol ab einer bestimmten Uhrzeit am Wochenende zu verbieten — so handhabt es Hamburg beispielsweise zurzeit.

„Wir sehen die Ausschreitungen durch den Alkoholkonsum kritisch. Nichtsdestotrotz fordern wir kein generelles Alkoholverbot.“ - Jugendparlament

Das Jugendparlament sieht ein zeitweises oder ortsgebundenes Alkoholverbot hingegen als nicht zielführend an. „Wir sehen die Ausschreitungen durch den Alkoholkonsum kritisch. Nichtsdestotrotz fordern wir kein generelles Alkoholverbot“, sagt Said. Ein Verbot würde nichts ändern, da man den Alkohol einfach zu einer anderen Uhrzeit kaufen und später konsumieren könne. „Vielmehr muss die Polizei die Alkoholkonsumregeln durchsetzen und darauf achten, dass kein Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wird.“

Jugendparlament fordert Open-Air-Veranstaltungen

„Ausgewiesene Partyflächen mit großen Abstand, wo draußen gefeiert werden kann, finden wir gut.“ - Jugendparlament

Anstelle von Verboten und weiteren Einschränkungen fordert das Jugendparlament hingegen neue Veranstaltungen für die Jugendlichen. „Als Alternative, um das Nachtleben auch in Wiesbaden zu verbessern, wäre jetzt der Zeitpunkt mehr über Open-Air Partys und Veranstaltungen nach zu denken“, so Said. Es solle zwar keine von der Stadt ausgewiesenen Flächen geben, an denen Alkohol getrunken werden darf, da das zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen könnte. „Aber ausgewiesene Partyflächen mit großen Abstand, wo draußen gefeiert werden kann, finden wir gut.“ So könnte der Schlachthof beispielsweise seine Partys unter Corona-Bedingungen und Auflagen nach draußen verlegen.

„Es ist kaum möglich entsprechende Veranstaltungen zu organisieren.“ - Sprecher der Stadt

Die Stadt steht dieser Idee allerdings kritisch gegenüber. „Es ist kaum möglich entsprechende Veranstaltungen zu organisieren. Zahlreiche Veranstalter und Veranstaltungen scheitern an den Auflagen“, so ein Sprecher auf Anfrage. Die städtischen Eventunternehmen TriWiCon und Wiesbaden Congress & Marketing GmbH würden aber aktuell zumindest Anpassungen für Outdoor-Veranstaltungsformate in der Corona-Zeit prüfen. Neue städtische Veranstaltungen seien für die zweite Jahreshälfte nicht geplant, da der Veranstaltungskalender bereits belegt ist. Beliebte Treffpunkte würden von den Jugendlichen aber ohnehin selbst gewählt und nicht von Genehmigungsbehörden angeboten werden.

Stadt plant keine Einschränkungen

Weitere Einschränkungen, wie ein Alkoholverbot, plant die Stadt nicht. „Seit Beginn der warmen Jahreszeit wird die Situation auf öffentlichen Plätzen und Flächen durch die Stadt- und Landespolizei überwacht“, so der Sprecher. Man beobachte vor allem im Kulturpark ein „großartiges, buntes und friedliches Treiben und Miteinander.“ Auch in der Altstadt und rund um die Wagemannstraße hätten sich Treffpunkte entwickelt, die die Stadt nicht mit Sorge betrachte.

„Für solch schwerwiegende Eingriffe gibt es in Wiesbaden derzeit weder eine tatsächliche noch eine rechtliche Grundlage.“ - Sprecher der Stadt

„Die Lage in Wiesbaden ist nicht ansatzweise vergleichbar mit Frankfurt am Main, Stuttgart oder Hamburg.“ Deshalb wolle man auch nicht in die Freiheitsrechte der Bürger eingreifen, und ein Alkoholverbot aussprechen oder Plätze zu bestimmten Uhrzeiten sperren. „Für solch schwerwiegende Eingriffe gibt es in Wiesbaden derzeit weder eine tatsächliche noch eine rechtliche Grundlage“, so der Sprecher weiter. Beobachten werde man die Situation aber weiterhin und wenn nötig eingreifen. (js)

Logo