Unterwegs im „Tal der tausend Messer“

Unter äußerst schlechten Wohnverhältnisen wurden früher Obdachlose in der Siedlung im Mühltal untergebracht. Aggressivität, Alkoholmissbrauch und Kriminalität waren überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Wie sieht es dort heute aus?

Unterwegs im „Tal der tausend Messer“

In der heutigen Zeit würde man das damalige Mühltal wohl als „No-Go-Area“ bezeichnen: Verwahrloste Wohnungen, eine hohe Kriminalitätsrate und Sozialarbeiter, die das Gebiet nicht ohne Polizeischutz betraten, waren dort trauriger Alltag. Obdachlose und deren Familien wurden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von der Stadt in der Siedlung untergebracht. Wer hier wohnte, hatte nichts mehr. Und nichts mehr zu verlieren. Abgeschieden zwischen Klärwerk und Autobahn entwickelte sich eine eigene Welt: Sechs Häuserblocks, einfache Schichtbauweise, und fast 800 Bewohner.

![24c491a0-55fc-4db8-8a53-c11a4599af20]

Wer in Wiesbaden wegen einer Räumungsklage seine Wohnung verlassen musste, wer keinen anderen Platz zum Unterkommen hatte, oder aus anderen Gründen „gescheitert“ war, durfte im Mühltal unter dem „Anstaltsrecht“ für ein geringes Nutzungsentgelt und ohne Miete im eigentlichen Sinne wohnen. Was zunächst nach einem humanen Übergangsprojekt für Bedürftige klingt, entwickelte sich schnell zu einem echten Problemgebiet.

Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit

„Die Wohnbedingungen waren geprägt durch äußerst beengte Wohnverhältnisse, schwere bauliche Mängel, die zu extremer Hellhörigkeit der Wohnungen, Feuchtigkeit und Schimmelbildung in den Wohnungen führten“, erklärt Andrea Schobes vom Amt für Soziale Arbeit. Dazu kam, dass sich niemand um die Bewohner kümmerte: Soziale Arbeit oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gab es damals noch nicht.

„Kriminalität war überdurchschnittlich stark ausgeprägt“ - Andrea Schobes

In ihren Anfängen, als in der Siedlung etwa 751 Bewohner untergebracht waren, lebten bis zu 10 Personen auf 64 Quadratmetern. Diese Enge, gepaart mit den anderen Faktoren, welche die Wohnbedingungen verschlechterten sowie die Perspektivlosigkeit und die soziale Ausgrenzungen verschärfte die angespannte Lage und die sozialen Schwierigkeiten der Bewohner zusätzlich. „Aggressivität, Alkoholmissbrauch und Kriminalität waren überdurchschnittlich stark in der Siedlung ausgeprägt“, sagt Schobes.

Teufelskreis

Wer im Mühltal lebte, für den gab es keine Aussicht auf Besserung. Der Lebensweg der Kinder, die hier lebten, war vorgezeichnet. Die Wiesbadener nannten die Siedlung „Tal der tausend Messer“, und das Wiesbadener Tagblatt schrieb über die Kinder bereits 1897: „Sucht ein Erwachsener ihnen zu wehren, so laufen sie davon, um ihn aus einiger Entfernung mit frechem Gelächter zu verhöhnen.“

![d1b67b31-bb76-46bb-94e8-77be10582886]

Erst der politische Aufbruch Anfang der 1970er-Jahre und das somit ermöglichte Engagement setzte erste Ansätze sozialer und politischer Unterstützungsarbeit in Gang. „Zu dieser Zeit war das Mühltal stets eine Adresse für sozialkritisch Engagierte, die dort mit den Bewohnern arbeiteten“, berichtet Schobes. Im Zuge dessen wurde 1972 Sozialarbeit in Trägerschaft der Kirche und der Stadt implementiert, ein Jahr später eröffnete eine KiTa und das Sozialzentrum Mühltal.

Mühe für das Mühltal

Dadurch rückten die Probleme der Bewohner in die Mitte von Politik und Gesellschaft, und ein kommunalpolitisches Handlungskonzept wurde erstellt. Im Zuge dessen erfolgte zwischen 1985 und 1990 eine umfassende Sanierung der Siedlung. „Die Bewohner wurden sowohl planend als auch durchführend einbezogen“, sagt Schobes. Es entstand eine Sanierungswerkstatt, die sowohl für Beschäftigung sorgte, als auch zu einer Verbesserung der Wohnsituation führte. Noch heute ist diese aktiv und bietet Arbeit in den Bereichen Landschaftspflege und Naturschutz, Gemeinschaftsverwaltung, Hauswirtschaft sowie beim Stromsparcheck für einkommensschwache Haushalte an.

Die Bewohner bekamen das Gefühl gebraucht zu werden und wurden für ihre Arbeit geschätzt. Jugendliche und erwachsene schwervermittelbare Arbeitslose wurden sozial und fachlich qualifiziert, um sie chancenreicher in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren.

„Die Bewohner wurden einbezogen“ - Andrea Schobes

Aus der Sanierungswerkstatt entwickelten sich außerdem die „Arbeitsprojekte Mühltal“, die sich in der Trägerschaft des Caritasverbandes befinden und auf ähnliche Ergebnisse abzielen.

Nachdem die Sanierung der Wohnungen abgeschlossen war, erhielten alle Bewohner, die die Siedlung verlassen wollten, Sozialleistungen. „Die verbliebenen erhielten Mietverträge“, erklärt Schobes. Diese lagen deutlich unter den üblichen Mieten. „Dadurch wurde den Bewohnern ein Neustart ermöglicht“, so Schobes. „Die Obdachlosensiedlung Mühltal war somit aufgelöst.“

Wie sieht es heute aus?

![47bc73f4-0582-4a09-8cad-002844ff3981]

Auf den ersten Blick sieht die Siedlung heute idyllisch aus. Von den katastrophalen Wohnverhältnissen ist dort nichts mehr zu sehen, etwa 200 Personen leben dort auf 101 Wohnungen verteilt. Diese gingen aus dem Besitz der Stadt an die Wohnungsgesellschaft WeGe/GWW. Die Wohnungen seien laut GWW zu einem Großteil an die vermietet, die schon seit Jahrzehnten im Mühltal leben. Denn deren Mieten sind noch immer ähnlich gering wie früher. „Frei werdende Wohnungen werden häufig von erwachsenen Kindern der alteingesessenen Mühltaler Familien angemietet“, erklärt Schobes.

Zwar gebe es für Gebiete mit weniger als 500 Einwohnern aus Datenschutzgründen keine öffentlichen Sozialstrukturdaten, man gehe man aber davon aus, „dass die Bevölkerungsstruktur ähnlich ist, wie in vergleichbaren Wiesbadener Stadtteilen, den Stadtteilen mit hoher sozialer Bedarfslage“, so Schobes.

So sind die Lebensbedingungen heute nicht optimal. Durch die integrative Arbeit des Caritasverbandes Wiesbaden und den daraus entstandenen Projekten, hat sich die Situation im Vergleich zu früher jedoch deutlich verbessert. Die Kriminalitätsrate ist gesunken, die Arbeitslosenquote unter den Jugendlichen ebenso. Außerdem kann man sich heute ruhigen Gewissens auch ohne Polizeischutz in die Straße wagen.

Logo