Das Stadtarchiv Wiesbaden hat das historische Archiv der Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien erschlossen und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wie die Stadt Wiesbaden mitteilt, sind die über 400 wertvollen Archivalien aus der Zeit seit 1891 nun digital und im Lesesaal des Archivs einsehbar.
Auf Initiative der Vorsitzenden Jutta Oehlschlägel hatte die Schwesternschaft ihre historischen Unterlagen im Frühjahr dieses Jahres an das Stadtarchiv übergeben. Zuvor lagerte das Archiv im Keller des „Hauses der Altenpflege“ in der Schönen Aussicht. Oehlschlägel bezeichnete die Amtsbücher und Akten als „Schatz für die Geschichte der Schwesternschaft und der Krankenpflege“. Die Dokumente wurden von Archivaren neu verpackt, in einer Datenbank erfasst und im klimatisierten Magazin des Stadtarchivs eingelagert.
Der Bestand umfasst unter anderem Patienten- und Kranken-Journale ab 1892, Operationsbücher seit 1920 sowie Hebammen-Tagebücher und Geburtenbücher. „Die Unterlagen dokumentieren auf eindrückliche Weise das beeindruckende karitative Engagement der Schwesternschaft in Wiesbaden“, so Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl. Die Dokumente sind online über das Archivinformationssystem „Arcinsys Hessen“ recherchierbar.
Von der Typhus-Epidemie bis zum Zweiten Weltkrieg
Die Geschichte der Schwesternschaft reicht über 140 Jahre zurück. Im Juni 1885 wurde der „Wiesbadener Verein vom Roten Kreuz“ gegründet, um ausgebildete Krankenschwestern für das städtische Krankenhaus bereitzustellen. „Die ersten vier Schwestern wurden schon bald sehr stark gefordert“, berichtet Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg. „Kurz nach der Gründung des Vereins brach in Wiesbaden eine verheerende Typhus-Epidemie aus, bei der die vier Schwestern das Städtische Krankenhaus unterstützten.“ 1892 richtete die Schwesternschaft ein eigenes „Rotkreuz-Krankenhaus“ mit Krankenpflegeschule ein.
Mit dem 50-jährigen Bestehen 1935 änderte der Verein seinen Namen in „Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien e.V.“. Die Eigenständigkeit endete mit dem Reichsgesetz über das Deutsche Rote Kreuz von 1937, das alle Rotkreuz-Organisationen im „Dritten Reich“ auflöste und zentral unterstellte. Im Zweiten Weltkrieg waren über 200 Schwestern und 400 Hilfsschwestern aus Wiesbaden im Einsatz.
Neuanfang nach dem Krieg und heutige Aufgaben
Nach dem Krieg wurde die Schwesternschaft im Dezember 1947 neu gegründet. In den 1950er Jahren wurde das Rotkreuz-Krankenhaus saniert und erweitert. Bis zur Schließung der Klinik im Jahr 2005 waren dort Chirurgen, Internisten, Gynäkologen und Pflegekräfte tätig.
Heute konzentriert sich die Schwesternschaft auf die Pflege von alten Menschen. Der Verein mit rund 100 Mitgliedern betreibt das Pflegeheim „Haus der Altenpflege“, Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte und die Birgit-Jung-Pflegeschule zur Ausbildung des eigenen Nachwuchses. Die Vorsitzende Jutta Oehlschlägel hofft, dass die historischen Unterlagen nun erforscht werden, „unter anderem die Bedeutung der Schwesternschaft als Bildungseinrichtung für Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg“.