Was hinter den Mauern im Wiesbadener Wald steckt

Im Wald zwischen Lahn- und Aarstraße stehen mit Graffiti besprühte Mauern, die von Gräben umgeben sind. Immer wieder fragen sich Spaziergänger, was es damit auf sich hat. Die Geschichte der alten Anlage ist nicht leicht zu entschlüsseln.

Was hinter den Mauern im Wiesbadener Wald steckt

Wer den Fasanerieweg entlang bis zum Tierpark läuft, der ist umgeben von Bäumen und zwitschernden Vögeln. Viel mehr gibt es rund um den Weg zwischen der Lahn- und der Aarstraße nicht zu sehen — denkt man. Denn wer einmal vom Hauptweg abkommt, kann dort ungeahnte Entdeckungen machen.

Merkurist-Leser Michael hat das erst vor Kurzem erlebt. Bei einem Spaziergang hat er dort mit Graffiti besprühte Mauern, Hügel und Gräben entdeckt. Besonders gut sieht man vor allem die Mauern, wenn man einen der zum Fasanerieweg parallel verlaufenden Waldwege nutzt.

Zwar sind die Mauerteile, wenn man die richtigen Wege geht, relativ auffällig, trotzdem sind nur wenige fundierte Informationen über sie zu finden. Weder die Ortsvorsteher von Klarenthal, noch von Nordost wissen mehr über die Vergangenheit des Mauerwerks. Laut Theo Baumstark, Ortsvorsteher von Nordost, auf dessen Grund die Mauerteile stehen, waren weder ihre Geschichte, noch ihre Zukunft in den vergangenen vier Jahren Thema im Ortsbeirat.

Überreste einer historischen Schießanlage

Eine Information haben aber sowohl die Ortsbeiräte, als auch andere Wiesbadener, die immer wieder im Netz über die Mauern diskutieren: Sie alle haben gehört, dass es sich dabei um eine alte Schießanlage handeln muss. Auch Leser Michael und andere Merkurist-Leser vermuten das. Nur auf eine Entstehungszeit können sie sich nicht einigen. Die einen mutmaßen, dass es sich um eine Anlage aus dem Zweiten Weltkrieg handelt, die anderen vermuten ihr Entstehen noch weiter in der Vergangenheit.


Etwas Licht ins Dunkel kann das Wiesbadener Stadtarchiv bringen. Aus digitalisierten Akten, die dem Archiv vorliegen, geht hervor, dass an der Stelle vor rund 170 Jahren militärische Schießanlagen gebaut wurden — genauer gesagt zwischen 1851 und 1857.

Möglicher Übungsplatz der Armee

Auf historischen Stadtplänen aus dem Jahr 1910 ist die Anlage gut sichtbar. Dort sieht man auch, dass es unterhalb der Anlage ein Pulverhaus gab. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren solche Bauwerke — häufig in Form eines Turms — gängig, um Schießpulver oder später Sprengstoff aufzubewahren. Unterhalb des Pulverhauses gab es außerdem einen Exerzierplatz, also einen Ort für Appelle.

Aus einer weiteren Akte des Archivs geht hervor, dass 1853 beurlaubte Soldaten einberufen wurden, um an Herbstübungen an der Anlage teilzunehmen. 1856 wurde ein weiterer provisorischer Schießstand errichtet. Rund um die Zeit, in der die Anlage genutzt wurde, war die nassauische Armee in Wiesbaden aktiv. 1817 wurde dort, wo heute der Platz der Deutschen Einheit ist, eine große Infanteriekaserne errichtet. 1828 wurde sie durch ein Militärhospital ergänzt und 1840 baute man das Gebäude dann zur Militärschule um. Die Nassauische Armee bestand als solche noch bis 1866, das verbliebene Personal wurde danach in die Preußische Armee übernommen. Diese errichtete ab 1868 mehrere Kasernen im Europaviertel. Gut möglich also, dass die Schießanlage der Armee als Übungsplatz diente.

Was passierte mit der Anlage?

Was danach mit der Anlage passierte, ob sie weiter oder anders genutzt wurde, ist nicht klar. Auch die Stadt selbst hat dazu keine Informationen. Einige Wiesbadener haben gehört, die Wiesbadener Schützengesellschaft habe dort geschossen, bevor das heutige Schützenhaus oberhalb der Fasanerie eröffnet wurde. Uwe Dey, Präsident der Wiesbadener Schützengesellschaft 1843/1860, verneint das allerdings auf Anfrage. Die Anlage habe mit dem Verein nichts zu tun gehabt. Tatsächlich gab es um die 1860er Jahre eine weitere Schießanlage nicht weit entfernt von der Anlage am Fasanerieweg. Ungefähr dort, wo heute das „Lufti“ ist, durften der Wiesbadener Bürger-Corps und der Wiesbadener Schützenverein — aus denen später die Schützengesellschaft entstand — schießen, bis das Schützenhaus 1913 eröffnet wurde.

Die wohl aktuellste Information über den Verbleib der Mauern nach ihrer Zeit als Schießanlage findet sich in einer weiteren Akte im Stadtarchiv. Darin steht, dass zwischen den Jahren 1946 und 1948 Teile der Mauerreste ohne Genehmigung abgerissen und verwertet wurden. Wofür die Teile verwendet wurden, geht daraus allerdings nicht hervor. Merkurist-Leser Toni hat gehört, dass die Gartenlauben des nahegelegenen Kleingärtnervereins Nonnentrift teilweise aus Abbruchsteinen der Mauern der Anlage errichtet worden seien. Dem Verein selbst liegen dazu aber keine Informationen vor.

Wie das hessische Landesamt für Denkmalpflege mitteilt, ist die Anlage heute ein Bodendenkmal, also ein Kulturdenkmal, das zum Teil im Boden verborgen ist und geschützt werden muss. Mehr zu der Vergangenheit der Anlage, weiß aber auch das Amt nicht. (ab)

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