„Viel zu jung, krank, falsche Papiere“ - Sorge um illegalen Tierhandel wächst

200 Hunde mehr waren in den ersten drei Monaten dieses Jahres in Wiesbaden gemeldet, schon 2020 war der Hundebestand um 200 gewachsen. Doch was wird mit Hund, Katze oder Wellensittich, wenn die Leute wieder ins Büro, die Schule und den Urlaub fahren?

„Viel zu jung, krank, falsche Papiere“ - Sorge um illegalen Tierhandel wächst

Homeoffice, Homeschooling, Kontaktbeschränkungen: Während der Corona-Pandemie suchten sich viele Wiesbadener tierische Gesellschaft. Wie das Wiesbadener Kassen- und Steueramt auf Merkurist-Anfrage mitteilt, war der Bestand der angemeldeten Hunde bereits in den ersten drei Monaten dieses Jahres um 200 gewachsen (auf 9964 Hunde). Im gesamten Jahr 2020 war er im Vergleich zum Vorjahr ebenso um knapp 200 gestiegen (auf 9760).

Auch im Tierheim Wiesbaden wird dieser Trend beobachtet: „Die Nachfrage nach Tieren hat seit Beginn der Corona-Pandemie stark zugenommen“, berichtet Henriette Hackl, Vorsitzende des Tierschutzvereins. „Die Leute haben mehr Zeit, sind im Homeoffice und entdecken die Natur neu, besinnen sich plötzlich auf andere Werte. Familie und Tiere haben derzeit einen höheren Stellenwert als andere Sachen, die man ohnehin derzeit nicht machen kann.“

Im Rest des Landes sieht der Trend ähnlich aus. Die Deutschen haben sich im vergangenen Jahr rund eine Million mehr Hunde, Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen als sonst angeschafft. „Die Corona-Krise und die damit verbundene vermehrte Zeit zu Hause durch Homeoffice oder Kurzarbeit hat die Nachfrage nach Heimtieren in die Höhe schnellen lassen“, berichtete auch der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) e.V. bereits 2020. „Darunter befinden sich auch viele Menschen, die dem Wunsch nach Gesellschaft oder dem Drängen der Kinder unüberlegt nachgeben“, warnte der Pressesprecher des VDH, Udo Kopernikus.

Manchmal erhalte sie kuriose Anfragen, erzählt Henriette Hackl vom Wiesbaden Tierschutzverein: „Zugespitzt formuliert: ‘Ich hätte mal Zeit, welche Tierart habt ihr denn für mich im Angebot?’‘“ Die meisten Menschen meinten es aber gut: „Sie wollen sich ein neues Familienmitglied anschaffen und schauen dazu erst einmal im Tierheim nach.“ So konnten auch viele ältere, manchmal auch kranke Tiere vermittelt werden, die vorher keine Chancen hatten.

Was passiert mit den Tieren nach Corona?

Doch was passiert nach der Corona-Zeit, wenn die Menschen wieder in ihre Büros gehen, in der Schule sitzen, an Veranstaltungen teilnehmen und in den Urlaub fahren? Werden sie die Tiere dann wieder im Tierheim abgeben, weil sie keine Zeit mehr für sie haben?

„Was passiert, wenn wieder andere Dinge im Fokus stehen, wissen wir nicht“, sagt Hackl. Dennoch haben die Tierschützer Sorgen, vor allem bei Tieren, die vorschnell und unbedarft angeschafft wurden. „Wie sollen wir das personell und finanziell stemmen?“

Insgesamt sei die Rücklaufquote aber gering. Bei jedem Tierwunsch achten die Mitarbeitenden des Tierheims darauf, ob Tier und Interessent zusammenpassen. Wichtig sei, dass alle Familienmitglieder im Prozess der Neuanschaffung beteiligt und beraten werden. „Das kostet zwar etwas Zeit, lohnt sich aber. Und wenn das alles nicht passt, vermitteln wir eben auch nicht. Denn für beide wäre eine Rückgabe schmerzhaft.“

Illegaler Welpenhandel boomt

Sorgen macht sich Henriette Hackl vor allem um den illegalen Tierhandel, insbesondere im Internet, beispielsweise bei „manch dubiosen ‘Tierschutzorganisationen“. Denn oft können Züchter die Nachfrage kaum mehr bewältigen, und viele Menschen erwerben ihre Tiere über das Internet. „Gerade der illegale Online-Welpenhandel boomt“, sagt auch Mike Ruckelshaus von der Tierschutzorganisation TASSO. „Fast alle Tiere sind krank, viel zu früh von der Mutter getrennt, ungeimpft und überleben häufig die ersten Lebensmonate nicht.“ Auch das Leid der Muttertiere und Deckrüden sei „unermesslich“.

Auch im Wiesbadener Tierheim wurden in diesem Jahr schon mehrere Welpen aus sichergestellten Transporten abgegeben: „Viel zu jung, krank, falsche Papiere. Risiko für Mensch und Tier, von den Folgekosten ganz zu schweigen“, sagt Hackl.

Ihr möchtet das Tierheim Wiesbaden unterstützen? Hier könnt ihr euch informieren.

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