Karies - die Jagd nach einem Phantom

Was die einen als Fotomotiv jagen, verursacht bei den anderen Zahnschmerzen. Mehrere Graffitis mit dem Schriftzug „Karies“ zieren seit einigen Jahren Brücken und Wände in Wiesbaden. Dahinter steckt ein Tagger, der sein Revier markieren will.

Karies - die Jagd nach einem Phantom

„Meine Zähne sind schlecht“, steht in mannshohen Buchstaben auf der Autobahnbrücke in der Mainzer Straße, „doch mein Lächeln ist echt“, zieht sich der Spruch noch einige Meter weiter. Der Rapper Absztrakkt aus Lüdenscheid bringt diesen Vers in der ersten Strophe von „Bodhishinobi“, in Wiesbaden umrahmt es zusammen mit dem Kommentar „Autist“ den Namen eines Graffiti-Sprühers.

Zahnschmerzen auf der Autobahn

Folgt man der Autobahn, findet man seinen Namen immer wieder: Karies. Das Wort hat der Sprayer als Schriftzug an vielen Stellen neben der Autoroute hinterlassen. Etwa bei Geisenheim direkt neben der Fahrbahn. Fährt man in Richtung Mainz, findet man ihn auf der Eisenbrücke über den Rhein und in Frankfurt an einer großen Mauer, die seit einigen Jahren von Graffitikünstlern vollgesprüht wird.

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Dass er seinen Namen an öffentliche Plätze sprüht, macht Karies in der Szene zum sogenannten „Tagger“, wie Jörg Kuberek erklärt. Er fotografiert seit vielen Jahren Graffitis im Rhein-Main-Gebiet für den Fotoblog MainStyle, vor allem auf seinem täglichen Weg zur Arbeit. Während er die Graffitis als ein Stück Zeitgeschichte sieht, und findet, dass sie das Stadtbild prägen, ginge es den Sprayern selbst vielmehr darum, den anderen aus der Szene zu beweisen, dass sie es an möglichst illegale Stellen geschafft haben - ohne erwischt zu werden. Seinen Ursprung habe das Taggen in der Hip-Hop-Szene, so wie auch das Zitat, das Karies in Wiesbaden gesprüht hat.

„Dosenbilder sind anspruchsvoller.“ - Jörg Kuberek

„Ich habe vor etwa zwei Jahren die ersten Bilder von Karies auf der A66 entdeckt“, erzählt Jörg. Auf dem Fotoblog Kollektive Offensive finden sich aber Hinweise, dass Karies schon 2013 in einer Frankfurter U-Bahn-Station aktiv war. „Er oder sie malte anfangs nur mit Rolle, also mit Farbrolle und Farbeimer großflächige Bilder“, sagt Jörg. Inzwischen habe sich Karies aber weiter entwickelt: Die meisten seiner aktuellen „Pieces“, wie man die großen Flächen nennt, stammen aus der Spraydose. „Dosenbilder sind anspruchsvoller und kosten auch mehr.“

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Vorwurf: Sachbeschädigung

„Sachbeschädigung durch Graffiti stieg stark an.“ - Kriminalstatistik 2016

Egal ob Hauswand oder Autobahnbrücke: Strafbar macht sich Karies mit seinen Tags immer. Das sagt auch die Kriminalstatistik von 2016. Dort heißt es: „Sachbeschädigung durch Graffiti stieg stark.“ Insgesamt 155 Motive von verschiedenen Sprayern wurden der Polizei im vergangenen Jahr gemeldet, nur rund 18 Prozent davon aufgeklärt.

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Weil meist private Hausbesitzer auf den Kosten für die Entfernung von Tags sitzen bleiben, gibt es im Haus des Jugendrechts seit 2015 eine Koordinierungsstelle für Graffiti-Aufklärung. In der Wiesbadener Kriminalstatistik fasst das Haus die Wiesbadener Sprayer zusammen als „homogene Szene, der fast ausschließlich Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zuzuordnen sind.“ Ein Bandenkrieg zwischen Taggern droht Wiesbaden also derzeit nicht.

Karies bleibt ein Phantom

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„Es ist gerade einfach in Mode gekommen Begriffe als Namen zu verwenden.“ - Jörg Kuberek

Trotzdem bleiben die meisten - und so auch Karies - anonym. Wo die Gefahr erwischt zu werden zu groß ist, wird deshalb nicht gesprüht, sondern geklebt: In Wohngebieten, wie etwa in Biebrich, findet man seit einigen Monaten auf der Rückseite von fast jedem Straßenschild Sticker, die ebenfalls den Schriftzug „Karies“ tragen und einen löchrigen Zahn zeigen, die gleichen finden sich auch mitten in der Fußgängerzone und als Plakate auf der Eisenbahnbrücke nach Mainz. Ob Karies tatsächlich Zahnprobleme hat, weiß Fotograf Jörg aber nicht. „Es ist gerade einfach in Mode gekommen, Begriffe als Namen zu verwenden.“

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Eine Suche in Zahnarzt-Wartezimmern scheint also auch nicht sehr erfolgversprechend. So bleibt weiter offen, ob sich hinter dem Namen „Karies“ ein Mann, eine Frau, oder sogar eine ganze Gruppe von Taggern versteckt. Nachdem uns unsere Spurensuche durchs halbe Rhein-Main-Gebiet gezogen hat, wüssten wir es aber auch gerne.

Karies, wenn Du das liest, und Lust auf ein Interview hast, dann melde Dich - Deinen Namen behalten wir für uns, doch Deine Geschichte würden wir gerne ohne Lücken erzählen können.

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