„Dramatische Abwanderung“: Gastro- und Hotelmitarbeiter verlassen Branche

Einem Großteil der Betriebe fehlt vor allem in der Sommersaison das Personal.

„Dramatische Abwanderung“: Gastro- und Hotelmitarbeiter verlassen Branche

Rund 1500 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte haben im vergangenen Jahr der Wiesbadener Gastro- und Hotelbranche den Rücken gekehrt. Das ist fast jeder fünfte Beschäftigte und damit eine „dramatische Abwanderung“, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mitteilt. In ganz Hessen haben innerhalb von zwölf Monaten 23.300 Hotel- und Gastromitarbeiter und damit jeder sechste Arbeitnehmer den Job gewechselt. Die Gewerkschaft fordert jetzt bessere Arbeitsbedingungen.

„Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können“, sagt Peter-Martin Cox, Geschäftsführer der NGG-Region Rhein-Main. Für die Lage macht er insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich. „Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.“

„Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme.“ - Peter-Martin Cox, NGG

Gut ausgebildete Fachkräfte würden die Büroorganisation in Anwalts- und Arztpraxen übernehmen. Auch in Supermärkten würden sie zwei Euro mehr pro Stunde verdienen als in Hotels und Gaststätten. Deshalb dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten, sagt Cox. „Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt.“

Gewerkschaft fordert Tarifverträge

Wer künftig überhaupt noch Fachleute gewinnen wolle, müsse jetzt umdenken und sich zu armutsfesten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen. Dazu brauche es dringend Tarifverträge, betont Cox: „Am Ende geht es um einen Kulturwandel. Auch Servicekräfte haben ein Recht darauf, vor dem Dienst zu wissen, wann Feierabend ist. Sie haben Anspruch auf eine anständige Bezahlung – unabhängig vom Trinkgeld. Und auf eine faire Behandlung durch den Chef.“

Die Gewerkschaft verweist außerdem auf die umfassenden Finanzhilfen des Staates für angeschlagene Betriebe. So könnten sich Hotels und Gaststätten mithilfe der Überbrückungshilfen in diesem Monat bis zu 60 Prozent der Personalkosten bezuschussen lassen, wenn sie Angestellte aus der Kurzarbeit zurückholen.

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