Wiesbaden fordert grundlegende Reform der Sozialhilfe

Die Landeshauptstadt Wiesbaden hat ihren aktuellen Geschäftsbericht zur Sozialhilfe veröffentlicht und richtet darin sieben Forderungen an den Gesetzgeber.

Wiesbaden fordert grundlegende Reform der Sozialhilfe

Die Landeshauptstadt Wiesbaden hat ihren aktuellen Geschäftsbericht zur Sozialhilfe veröffentlicht. Der Magistrat hat den Bericht am 28. Juli zur Kenntnis genommen.

Steigende Fallzahlen – vor allem bei der Altersarmut

Die Daten des Berichts untermauern den Handlungsdruck: Im Dezember 2025 bezogen laut dem Geschäftsbericht 9.570 Personen in Wiesbaden Sozialleistungen – ein Anstieg von 10,2 Prozent gegenüber 2020. Davon gelten 8.833 Personen als arm. Haupttreiber ist die Grundsicherung im Alter: Diese Gruppe wuchs innerhalb von fünf Jahren um 25,6 Prozent auf 5.150 Personen. Frauen sind mit 58,2 Prozent überproportional betroffen. Die meisten Leistungsberechtigten leben laut Bericht in Biebrich, Dotzheim und der Stadtmitte.

Pflege immer teurer und häufig außerhalb von Wiesbaden

Bei der Pflegehilfe verzeichnet der Bericht eine gegenläufige Entwicklung: Während die Zahl der ambulant versorgten Leistungsberechtigten von 1.035 auf 793 sank, stieg die Zahl im stationären Bereich von 837 auf 933 Personen. Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass ein wachsender Anteil der Pflegebedürftigen kein passendes stationäres Angebot in Wiesbaden finde – der Anteil der außerhalb der Stadt untergebrachten Personen stieg von 26,4 auf 33,3 Prozent. Gleichzeitig nahm die Armut unter Heimbewohnern zwischen 2020 und 2024 um 44,6 Prozent zu, da steigende Heimkosten immer mehr Betroffene zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen machten.

Sieben Forderungen an den Gesetzgeber

Das politische Kernstück des Berichts sind sieben Forderungen, die Wiesbaden als örtlicher Sozialhilfeträger an Bund und Länder richtet. Dazu zählen eine grundlegende Rechtsvereinfachung mit weniger Einzelregelungen, die Einführung einheitlicher digitaler Standards, pauschalierte Leistungen statt aufwendiger Einzelfallprüfungen, längere Bewilligungszeiträume und automatisierte Verfahren, die Leistungsansprüche ohne vorherige Antragstellung erkennen könnten – kurzum: Bürokratieabbau.

Außerdem brauche es Datenschnittstellen zwischen Behörden, klar abgegrenzte Zuständigkeiten zwischen Jobcentern, Sozialämtern und weiteren Leistungsträgern. Von Bund und Ländern fordert Wiesbaden eine stärkere finanzielle Beteiligung.

Hinzu kommen Forderungen nach bürgerfreundlicheren Zugängen zu Leistungen. Laut Sozialdezernentin Patricia Becher (SPD) müsse Digitalisierung „den Menschen den Zugang zu ihren Ansprüchen erleichtern und die Mitarbeitenden in den Sozialverwaltungen entlasten".