Wiesbadener trauern um verstorbene Obdachlose

Zu einem besonderen Gottesdienst haben sich die Wiesbadener am Donnerstag in der St. Bonifatiuskirche getroffen. Sie gedachten den Wohnungslosen, die im vergangenen Jahr in Wiesbaden gestorben sind.

Wiesbadener trauern um verstorbene  Obdachlose

Mit nur 65 Jahren ist vor wenigen Tagen ein Mann in Wiesbaden gestorben. Seit 15 Jahren hat er in der Stadt gelebt. Um sich über Wasser zu halten, hat er schwarz gearbeitet — zu oft, eine richtige Arbeitserlaubnis wurde ihm entzogen und somit auch sein Anspruch auf Sozialleistungen. Als ihn plötzlich Zahnschmerzen plagten, stellte eine ehrenamtliche Zahnärztin in der Teestube fest, dass er Metastasen im Gesicht hatte. Ein Tumor in der Lunge hatte sich ausgebreitet. Die Mitarbeiter der Teestube konnten eine Notoperation für ihn organisieren, doch die Klinik musste er anschließend wieder verlassen.

Zurück auf der Straße kämpfte der 65-Jährige mit einer Demenz, die seine Alkoholsucht ausgelöst hatte. Eine Zeit lang verbrachte er seine Tage im Kirchenreulchen, der Seitengasse neben der Bonifatiuskirche. In der Notunterkunft in der Dotzheimer Straße hatte er ein Bett, doch ein plötzlicher Schlaganfall beendete sein Leben.

17 Schicksale

Der Mann war einer von 17 Obdachlosen, die im vergangenen Jahr in Wiesbaden gestorben sind. „Von diesen 17 Menschen wissen wir es zumindest“, sagt Matthias Röhrig, Leiter der Teestube des Diakonischen Werkes. Alle waren sie regelmäßig zur Beratungsstelle gekommen, haben dort Hilfe gesucht oder eine warme Mahlzeit. Für viele wurden die Mitarbeiter und die anderen Besucher der Teestube zu einer Ersatzfamilie. Für alle wurde in der Teestube eine Kerze angezündet.

„Es ist ein wichtiges Ritual — auch für uns Mitarbeiter.“ - Matthias Röhrig, Leiter der Teestube

„Es ist ein wichtiges Ritual — auch für uns Mitarbeiter“, erklärt Röhrig. Jedes Mal haben alle Anwesenden noch einmal darüber geredet, was sie mit dem Verstorbenen verbinden, und welche Erinnerungen sie an ihn haben. Am Donnerstagmittag haben sie sich noch einmal in der Bonifatiuskirche für einen gemeinsamen, ökumenischen Gottesdienst getroffen.

Traditioneller Gottesdienst

„Die Idee für diesen Gottesdienst hatte Jeffrey Myers vor 17 Jahren“, erklärt Röhrig. Der damalige Marktkirchen-Pfarrer war gebürtiger Amerikaner und habe die Idee, einen Gedenkgottesdienst für alle verstorbenen Obdachlosen auszurichten, aus seiner Heimat mitgebracht. Seitdem sei die Gedenkfeier eine Tradition in Wiesbaden geworden.

In diesem Jahr seien es mehr Verstorbene als in den vergangenen, stellte sein Nachfolger Martin Fromme am Donnerstag fest. Viele waren jünger als 60, der jüngste gerade einmal 31. Gemeinsam mit Röhrig und Andreas Schuh, Gemeindereferent der Bonifatius-Gemeinde, hielt Fromme den Gottesdienst am Donnerstag ab. Für jeden verstorbenen wurde eine Kerze angezündet, Besucher ergänzten weitere Namen. Für Fromme, so betonte er in seiner Predigt, sei das ein wichtiges Zeichen, das ausdrücke, dass die Obdachlosen in Wiesbaden wahrgenommen werden — auch über ihren Tod hinaus. Eine der Kerzen brannte deshalb stellvertretend für alle, deren Namen den Organisatoren nicht bekannt waren. Im nächsten Winter soll es wieder einen öffentlichen Gedenk-Gottesdienst für verstorbene Obdachlose geben. (ms)

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