Wäre ich doch nur nicht so stolz gewesen. Der Flixbus von Frankfurt nach Barcelona hätte uns pro Person gerade mal 50 Euro gekostet und immerhin die Hälfte des Weges nach Marokko in gerade mal 20 Stunden abgefahren. Ich aber wollte unbedingt behaupten können, dass ich tatsächlich den ganzen Weg bis nach Afrika getrampt bin.
Dieser Gedanke plagt mich, während ich am 6. März gemeinsam mit meiner Freundin Diotima auf einem südfranzösischen Rastplatz im Regen stehe und darauf warte, dass vielleicht doch noch jemand mit uns Erbarmen hat und uns in unseren tropfenden Kleidern in sein Auto lässt. Unser zweiter Reisetag ist schon fast vorbei, und Barcelona ist immer noch ein gutes Stück entfernt.
Vier Tage dauert unsere Fahrt per Anhalter durch Europa bis nach Marokko
Dabei hatte unser Tramp durch Europa so einfach begonnen. Von unserer Heimatstadt Wiesbaden bis Freiburg hatten wir noch unser Deutschlandticket ausgereizt. Am Rastplatz Schauinsland reckten wir bei glänzendem Wetter dann erstmals unsere Daumen in die Höhe. Sogar an Pappeschilder hatten wir gedacht. In Großbuchstaben schrieben wir unser erstes Ziel darauf: France. Obwohl der Rastplatz eher wenig frequentiert war, konnte meine Freundin - ich war gerade im Busch verschwunden, um meine Hose zu wechseln - nach 40 Minuten zwei Jungs aus Berlin anhalten. Henrik und Maurice haben beide gerade ihr erstes Semester hinter sich und besuchten in den Ferien Henriks spanische Familie. Die beiden waren also gleich ein Volltreffer für uns! Mit unseren großen Rucksäcken auf dem Schoß quetschten wir uns auf die Rückbank des Dreitürers und fuhren los. Wir unterhielten uns über das Studieren und über Fußball. Irgendwann schob Henrik eine alte CD von Andreas Bourani in den Rekorder. "Ein Hoch auf uns", der WM-Song von 2014. Natürlich konnten wir alle laut mitsingen.
Bei Orange in der Provence fuhren wir dann zu einem Landhaus, in dem die beiden ein Zimmer für die Nacht gebucht hatten. Wir hatten da schon vereinbart, dass wir uns auch am nächsten Tag wieder auf die Rückbank quetschen dürfen. Auf einen gemeinsamen Abend schienen die beiden allerdings keine Lust zu haben. Wir zelteten daher auf einer versteckten Wiese nur 200 Meter vom Haus entfernt. Spätestens jetzt fühlte ich mich nach dem langen Winter endlich wieder richtig draußen! Kurz vor dem Einschlafen erreichte uns dann die ärgerliche Nachricht: Henrik und Maurice wollen uns doch nur noch bis zum nächsten Rastplatz bringen. Hat der Vibe doch nicht gestimmt? Wir mussten es jedenfalls akzeptieren. Dennoch ließ mich der Gedanke schmunzeln, dass nur ein deutsches Auto bis nach Spanien ja irgendwie auch etwas langweilig geworden wäre.
Für die Gesamtstrecke von 2.268 Kilometern sitzen wir in 13 verschiedenen Autos
Der Abschied am nächsten Tag schien uns zunächst nicht zu schaden. Schnell bekamen wir zwei kurze Mitfahrten an Nimes und Montpellier vorbei angeboten. Doch hier stehen wir nun im Regen. Wenn es regnet, greift bei den Leuten mehr die Sorge um das eigene Auto als das Mitleid mit uns, so zumindest mein Eindruck. Es ist schon erstaunlich, wie stark und schnell sich meine Begeisterung und meine Wut über die Menschen beim Trampen abwechseln. Da sitzen so viele alleine in ihren dicken, trockenen SUVs und lassen uns wortwörtlich im Regen stehen!
Vielleicht liegt das auch daran, dass viele die Tramperei gar nicht mehr kennen. Die Generation meiner Eltern erzählt mir, dass sie in den 80ern an den Tankstellen regelrecht Schlange stehen mussten, bis sie an der Reihe waren und den Daumen ausstrecken konnten. Heute ist es eine Besonderheit, wenn ich überhaupt mal Gleichgesinnte antreffe. In der Regel sind das die wenigen Handwerkerinnen und Handwerker, die sich noch auf die Walz begeben. Sie dürfen kein Geld für Transport ausgeben. Ich selbst habe das Trampen bei den Wandervögeln (vergleichbar mit den Pfadfindern) kennengelernt. Schon mit zwölf Jahren trampte ich mit meinen älteren Freunden bis nach Schottland. Mit 18 traute ich mich dann erstmals alleine an die Straße und pendelte zwischen meiner Hochschule bei Bonn und Wiesbaden. Als gefährlich habe ich das Trampen fast nie empfunden (die Ausnahmen waren meist überhöhte Geschwindigkeiten). Sicher, es gibt Horrorgeschichten, aber die gibt es von unseren Bahnhofsvierteln auch. Ich empfehle nur, wachsam zu sein und bei Zweifeln ein Auto auch mal abzulehnen.
Natürlich trampe ich auch, um Geld zu sparen. Aber vor allem genieße ich die vielen Gespräche mit Personen, die ich sonst niemals getroffen hätte. Denn fast immer aber halten die zehn Prozent unserer Gesellschaft an, die mir den Glauben an die Menschheit zurückgeben. So auch diesmal: Nach zwei Stunden lädt uns Sofie in ihr Auto ein. Sie fährt mit ihrem Mann und einer Freundin in das spanische Steuerparadies La Jonquera, um dort Zigaretten zu kaufen. "Aber kein Haschisch!", schiebt sie noch hinterher und wir müssen lachen. Im Truckerrestaurant 'Truck & Food' essen wir Reis mit Tomatensoße und labberige Pommes aus der Pfanne. Naja, zumindest ist es günstig und authentisch. Zum Weitertrampen ist es inzwischen zu dunkel. Wir finden eine versteckte Wiese zwischen Autobahn und Bahndamm für unser Zelt.
Der rumänische Trucker Claudio organisiert uns eine Mitfahrt bis nach Algeciras, doch wir können sie nicht annehmen
Der dritte Tag beginnt mit einem kleinen Highlight: Christian nimmt uns in seinem LKW mit. Da Beifahrer nicht versichert sind, nehmen heutzutage nur noch sehr wenige Trucker Tramper mit. Während meine Freundin auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, mache ich es mir auf dem Bett in der Fahrerkabine gemütlich. Kurz vor Barcelona wechseln wir dann in den Kleintransporter von Claudio. Der Rumäne kann uns zwar nur bis kurz hinter die Stadt bringen, ruft aber gleich einen Freund und Kollegen an, der gerade in Slowenien losgefahren ist, um seine Ladung bis zu unserem Zielhafen in Algeciras zu bringen und uns mitnehmen würde. Wir haben zwar noch einen ganzen Tag Vorsprung, aber das ist eine tolle Absicherung! Mit dröhnenden Ohren - Claudio hat bei voll aufgedrehter Sprechanlage quasi durchtelefoniert - steigen wir aus.
Eine Fahrt im Wohnwagen und eine weitere halbe Stunde am verregneten Straßenrand später sitzen wir im Auto des Ecuadorianers Byron. Er arbeitet als Erntehelfer in Frankreich und fährt nun die weite Strecke bis nach Murcia in Südspanien zu seiner Familie. Er spricht kein Englisch und wir sind erstmals froh, unsere Übersetzungsgerät eingepackt zu haben. Nach langen und interessanten Stunden setzt er uns in der Dämmerung ab und wir zelten auf einer Olivenbaum-Plantage.
Der nächste Morgen beginnt mit einem Schrecken: Eine Streife der Guardia Civil schickt uns vom Rastplatz weg. Hier dürfe man nicht trampen, wir sollen doch bitte bis zur nächsten Bundesstraße laufen. Da der gesamte Rastplatz umzäunt ist, sollen wir doch dazu bitte über den Zaun klettern. Eine Bundesstraße ist dahinter nirgends zu sehen. Sobald die Polizei weg ist, trampen wir ohne Alternative natürlich weiter. Dennoch sind wir froh, als uns zwei Frauen kurz darauf vom Rastplatz weg bringen. Drei weitere Mitfahrten später stehen wir kurz hinter Grenada mal wieder im Regen. Meine Freundin ist sauer auf mich, weil ich die Telefonnummer von Claudios Kollegen wohl falsch aufgeschrieben habe. Unsere tolle Absicherung ist somit futsch und wir drohen auch am vierten Tag noch nicht anzukommen.
Von der Polizei verjagt: In Spanien ist trampen teilweise illegal
Nach ein paar Stücken Trost-Schokolade geschieht dann aber doch noch unser kleines Wunder: Das Ehepaar Juan und Maria fährt uns tatsächlich die gesamten letzten 200 Kilometer bis nach Algeciras. Er ist lustigerweise ebenfalls Polizist bei der Guardia Civil. Wir erzählen ihm natürlich sofort von unserem Erlebnis am Morgen. Er wundert sich, denn ein Verbot des Trampens in Spanien ist ihm nicht bekannt. Eine kurze Internetrecherche dazu spuckt widersprüchliche Ergebnisse aus. Manche Websites behaupten, Trampen sei hier grundsätzlich erlaubt, andere schreiben von einem generellen Verbot. Als gute Faustregel hilft mir eigentlich überall, den Verkehr wirklich nicht zu behindern und mich immer nur am Straßenrand aufzuhalten.
Die Costa del Sol wird ihrem Namen heute nicht gerecht, denn wir fahren weiter durch spanischen Regen. Erst kurz vor Gibraltar genießen wir zum ersten Mal seit drei Tagen echten Sonnenschein. Jose und Maria bringen uns direkt zum Fährterminal in Algeciras. Auf unserem Rückweg sollen wir sie doch bitte besuchen kommen!
Vier Wochen gehen wir nun in Marokko „auf Fahrt“
Keine zwanzig Minuten später stehen wir auf der Fähre in Richtung der spanische Exklave Ceuta auf afrikanischem Boden. Wir haben unser Ziel erreicht. Mit Blick auf den Felsen und die Straße von Gibraltar verlassen wir Europa, voller Spannung auf Marokko. Dort möchte ich gemeinsam mit meiner Freundin die kommenden vier Wochen "auf Fahrt gehen", wie ich es seit meiner Jugendzeit im Nerother Wandervogel ausdrücke. Das heißt für uns, endlich wieder in der Natur zu wandern, zu kochen, wild zu zelten! Dazu sich irgendwie in einer völlig fremden Kultur zurecht zu finden. Herrlich! Die Busse sind im Land so günstig, dass selbst wir wohl häufiger am Busbahnhof stehen werden. Doch auch die fahren nicht überall hin. Ich sehe uns daher schon, wie wir nach einer Wanderung auf einer einsamen Landstraße ankommen, keine Lust mehr haben weiterzulaufen und stattdessen die Daumen in die Luft strecken.