So sah Wiesbaden unter französischer und britischer Besatzung vor 100 Jahren aus

100 Jahre liegen die 1920er Jahre mittlerweile zurück. Für Wiesbaden besonders prägend war die Besatzung französischer und britischer Truppen. Merkurist hat Bilder und Geschichten gesammelt.

So sah Wiesbaden unter französischer und britischer Besatzung vor 100 Jahren aus

Goldenes Zeitalter, Inflation, Aufstieg des Faschismus: Die 1920er Jahre gelten als ein turbulentes Zeitalter in der deutschen Geschichte. Auch für Wiesbaden war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sehr wechselhaft. Wir stellen Euch in einer Reihe vor, wie sich Wiesbaden von der einstigen Lieblingsstadt des Kaisers zu einer modernen Großstadt entwickelte. In Teil zwei seht Ihr, wie Wiesbaden unter der britischen und französischen Besatzung aussah.

Harte französische Besatzung

„Leider Gottes zeigte das Palais eine klägliche Möblierung. Hier sah man den deutschen Stil in seiner ganzen Entsetzlichkeit, besonders hinsichtlich der Vergoldungen. Tische, Sessel, Sofas … alles vergoldet“, so beschrieb Jean Jules Henri Mordacq, Kommandeur des 30. Infanterie-Corps der französischen Armee in seinen Memoiren seinen — eher enttäuschenden — Eindruck vom Wiesbadener Stadtschloss. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren er und Teile der Armee in Wiesbaden einmarschiert. Eine für die Wiesbadener sehr belastende Zeit.

Denn die Bevölkerung war durch die vielen Kriegsjahre erschöpft und die Nahrungsversorgung war schlecht. Durch die harten Regeln der französischen Besatzer, wie etwa einem Jagdverbot, stieg diese Not noch weiter an. Genauso schwerwiegend waren die Eingriffe ins Arbeitsleben: Wer seinen Arbeitsort in einem anderen Bereich als dem des Wohnorts hatte, musste mit langen Kontrollen der Franzosen rechnen. Immer weniger Besucher kamen nach Wiesbaden, was den Kurbetrieb erheblich schwächte.

In den folgenden Jahren normalisierte sich das Verhältnis mit den Franzosen nach und nach. Höhepunkt des neuen gemeinsamen Lebens waren 1921 zwei Kunstausstellungen im Biebricher Schloss und im Paulinenschlösschen. Viele hochrangige Offiziere reisten per Sonderzug nach Wiesbaden. Eine Pariser Zeitung geriet nach einem Besuch ins Schwärmen: „Im Frühling 1921 war das ganze offizielle Paris nicht mehr in Paris, sondern in Wiesbaden.“ Die danach gelockerten Bestimmungen zogen die Besatzer 1923 nach Ausbruch des „Ruhrkampfs“ wieder an. Grenzsperren, Beschränkungen im Eisenbahnverkehr, Passzwänge, Kontrollen und Ausweisungen waren wieder an der Tagesordnung. 1925 wurden die französischen Soldaten dann durch Briten ersetzt.

Britische Entspannung ab 1925

Die Übergabe an die über 6000 Mann starke britische Besatzungstruppe in Wiesbaden erfolgte am 30. Dezember 1925. Anders als ihre Vorgänger bemühten sich die Briten um eine deutlich entspanntere Besatzungspolitik. Beliebt bei den Wiesbadenern war etwa das Maskottchen der Truppe, ein Ziegenbock, welcher die Soldaten bei ihren Märschen durch die Straßen regelmäßig begleitete. Doch auch mit den Briten gab es in Wiesbaden Konflikte, etwa bei den sonntäglichen Gottesdiensten, die die Soldaten in der Luther- und Ringkirche abhielten.

Die Besucher dieser Militärgottesdienste wurden von der Ringkirche von einer Regimentskapelle abgeholt und mit klingendem Spiel über den Kaiser-Friedrich-Ring begleitet. Für die Zeit dieser Parade war der Verkehr rund um die Ringkirche gesperrt – zum Verdruss der Anwohner. Durch die Mitbenutzung der Briten hatte die Gemeinde der Ringkirche immer weniger Zeit, ihr eigenes Gebäude zu benutzen. 1926 musste sogar das Abendmahl zu Karfreitag ausfallen.

Trotz dieser kleineren Konflikte erlebte Wiesbaden während der britische Besatzungszeit einen Aufschwung. Die Repressalien der Franzosen hatten den Kurbetrieb und den Tourismus fast zum erliegen gebracht. Durch die entspannte Politik der Briten kamen immer mehr Gäste, was auch die Baubranche der Stadt beflügelte. Am 12. Dezember 1929 folgte die Verabschiedung General Thwaites von der Stadt. Er dankte dabei der Stadt Wiesbaden für die gute und freundschaftliche Zusammenarbeit. Seine Rede hielt Thwaites auf Deutsch.

Im nächsten Teil unserer Serie lest Ihr, wie sich eine kleine Rennbahn in Erbenheim zu einem der größten Flugplätze der 1920er Jahre entwickelte. (js/ts)

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