Public Viewing dem Wetter zum Trotze

Aus den Lautsprechern klingt die Nationalhymne. Mancher ist in sich gekehrt und hält inne. Es folgt der Anpfiff und an Spannung kaum zu überbietende 90 Minuten in der Public-Viewing-Area am Dern'schen Gelände in Wiesbaden. Unser Autor ist mittendrin.

Public Viewing dem Wetter zum Trotze

Zentrale Public-Viewing-Areas, wie zuletzt bei der Fußball Weltmeisterschaft 2014, gibt es in Wiesbaden zur jetzigen EM bislang nicht. Wer mit Gleichgesinnten die Europameisterschaft zum Feiern nutzen möchte, hat die Qual der Wahl. Beim Italiener in der Goldgasse, oder doch lieber in der Mauergasse beim „Kleinen König“? Überall stehen Fernsehgeräte und verwandeln einzelne Bereiche von Wiesbadens Innenstadt in eine Fanmeile mit großen Lücken.

Public Viewing in der Kneipe

Für das letzte Vorrundenspiel Nordirland gegen Deutschland habe ich die für mich größte Public-Viewing-Area in der Innenstadt vor dem „Lumen“ gewählt. Im Vergleich zum „Kleinen König“ finden hier gefühlt zehnmal soviele Fußball-Interessierte Platz – und das Spiel wird nicht auf einem TV-Gerät, sondern auf einer 3,50 mal 2,20 Meter großen LED Wand in HD-Qualität übertragen. Klar, dass das bezahlt werden will. War ja bei der WM 2014 auf dem Bowling Green auch nicht anders.

Während die linke Terrassenhälfte für jeden geöffnet ist, ist die Public-Viewing-Area auf der rechten Terrassenhälfte durch Absperrgitter abgetrennt. Rechts und links davon darf man aber stehen – und schauen ohne zu bezahlen. Im Falle eines Tores darf man sich dann aber nicht ärgern, wenn sich die 300 bis 400 Fans im Inneren in den Armen liegen und man selbst alleine von draußen nur zuschaut. In den Bereich direkt vor großen LED Leinwand gelangt man nur über einen Zugang, vom Parkhaus kommend. Die neun Euro Eintritt sind schnell verschmerzt. „Dafür bekommt man ja auch was geboten“, sagen die Veranstalter. Das sei kein Eintritt, sondern ein Mindestverzehr, korrigiert mich Amir Samiei, Gastronomischer Leiter im Lumen.

Mitfiebern beim Spiel

Anpfiff im Prinzenpark in Paris. Die Public-Viewing-Area vor dem Lumen hat sich gefüllt. Die Stimmung ist gleich vom ersten Moment an da. Bei jeder verpatzten Chance geht ein Raunen durch die Reihen. Das Spiel auf der Leinwand lese ich in den Gesichtern der Fans. Und wieder gehen die Arme nach oben – um fassungslos an der Stirn liegen zu bleiben. Das Spiel entwickelt sich zu einem Wechselbad der Gefühle – nicht weil die Nordiren plötzlich vor dem deutschen Tor auftauchen. Nein, weil es Müller, Götze und Co einfach nicht gelingen will, den Ball über die Linie ins Netz zu packen. Bei den aufregenden Minuten gerät das Wetter irgendwie in den Hintergrund.

In der 30. Minute passt Mezut Özil den Ball zu Müller, Müller legt ab auf Gomez - und der zieht aus etwa elf Metern ab. Der Ball ist im Netz – und die Fans freuen sich, atmen auf und feiern Mario Gomez. Dass es leicht angefangen hat zu regnen, scheint niemanden so richtig zu stören. Basteln sich die ersten notdürftige Regenschutzvorrichtungen, ziehen andere Kapuzen auf – oder halten eben Jacken über die Köpfe. Vor der Halbzeit möchte keiner die mit Spannung geladene Szenerie verlassen. Und wem es in der Mitte sitzend dann doch zu ungemütlich wird, der zieht sich zurück, und kuschelt sich mit anderen unter einen der großen „Sonnenschirme.“

Nach der Halbzeitpause, der Regen zeichnete inzwischen deutlich Bindfäden auf meinen Bildern, lichten sich die Reihen ein wenig. Nicht weil das Spiel dahinplätschert. Anders als beim 1 : 7, Brasilien gegen Deutschland, bei der Fußball WM 2014 auf dem Bowling Green, bietet das „Lumen“ Rückzugsmöglichkeiten – ohne auf das Spiel verzichten zu müssen. Leeren sich draußen die Ränge, haben die Mitarbeiter drinnen auf zwei Etagen reichlich zu tun.

Fazit: Dank der Gastronomen gibt es in Wiesbaden viele Möglichkeiten zum gemeinsamen Fußballgucken außerhalb der eigenen vier Wände. Wem Kulisse, Atmosphäre und Ton reichen, der kann dem Ereignis hier auch außerhalb der Sperrgitter beiwohnen. Man sieht eben nur weniger.

Merkurist