Zehra Doğan zieht mit Kunst-Performance durch die Wiesbadener Innenstadt

Seit ihrer Inhaftierung in der Türkei gilt Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan als Kämpferin für die Pressefreiheit. In Wiesbaden zog sie am Donnerstag mit einer Performance alle Blicke auf sich - und zwar mitten in der Innenstadt.

Zehra Doğan zieht mit Kunst-Performance durch die Wiesbadener Innenstadt

Barfuß und nur mit einem weißen Kleid bekleidet lief eine junge Frau am Donnerstag zur Feierabendzeit durch die Innenstadt. In der Fußgängerzone zog sie alle Blicke auf sich, während sie eine Fahne schwenkte, die aus einem einfachen Stock und einem Schleier mit Perlenverzierungen bestand. „Für was demonstriert sie?“, fragte ein Passant beim Vorbeigehen, doch die junge Frau sagte kein Wort.

Weiße Fahne, weißes Kleid

Im weißen Kleid steckte Zehra Doğan. Ihr besonderes Outfit hatte die Kurdin sich vor dem Rundgang durch Wiesbaden selbst genäht. Auf dem Wappenmosaik vor dem Rathaus hatte sie dafür eine weiße Flagge ausgebreitet. Darauf zeichnete sie mit einem Edding drei gekrümmt liegende Frauen, als Schablone nutzte sie dafür ihren eigenen Körper. Auf die Umrisse notierte sie eine lange Liste von Namen. Jeder stand für eine der Frauen, die in den Jahren 2015 und 2016 im türkischen Nusaybin während Auseinandersetzungen ihr Leben ließen.

Der Krieg war prägend für das Leben von Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan. Die Kurdin malte damals ein Bild nach der Vorlage einer Fotografie des türkischen Militärs - und musste dafür ins Gefängnis. 2 Jahre, 9 Monate und 22 Tage saß die heute 30-Jährige ab 2017 ein. Weltweit forderten Künstler, Journalisten und Friedensaktivisten ihre Freilassung.

Kunst aus der Inhaftierung

Doğan ließ sich im Gefängnis ihre künstlerische Freiheit nicht nehmen. Auf altem Zeitungspapier und Bettwäsche fertigte sie Malereien aus dem, was sie zur Verfügung hatte: Essensreste, Getränke, Dreck und sogar eigenes Menstruationsblut. Zur gleichen Zeit widmete Streetartkünstler Banksy ihr ein 21 Meter langes Graffiti in der New Yorker Houston Street — es zeigte Doğan hinter Gittern und die Forderung „Free Zehra Dogan“.

Doğan demonstrierte in Wiesbaden also für Frieden, aber auch Freiheit — die der Menschen und die der Kunst und der Presse. Ihre Bilder, die sie in der Haft malte, können die Wiesbadener noch länger sehen. Sie sind beim Nassauischen Kunstverein Wiesbaden (NKV) in der Wilhelmstraße 15 noch bis zum 8. März ausgestellt. Dass Doğan ihre Kunstperformance „Weiße Fahne“ ausgerechnet in der Wiesbadener Innenstadt plante, war also kein Zufall: Mit der Performance und der Ausstellung will sie sich beim Land Hessen bedanken, denn der Deutsche Journalistenverband (DJV) Hessen ehrte sie 2018 mit der Auszeichnung „Feder für die Pressefreiheit“. (mo)

Logo