Das Projekt „Hallo und Willkommen in Wiesbaden“ bei Kubis e.V. bangt um seine Existenz. Grund ist der Kabinettsentwurf zum Bundeshaushalt 2027: Statt der bisherigen 18 Millionen Euro sind für das Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“, über das auch das Wiesbadener Projekt finanziert wird, nur noch 700.000 Euro vorgesehen – nicht für die Fortführung, sondern allein für die Abwicklung der Einstellung der Projekte bundesweit.
Was auf dem Spiel steht
In Wiesbaden bedeutet das konkret: pro Jahr fallen etwa 400 Tandems aus ehrenamtlichen Paten und Menschen, die Unterstützung dabei brauchen, sich im Alltag vor Ort zurechtzufinden, weg. Bundesweit sind es über 280.000 Patenschaften seit 2016 und aktuell rund 900 Projekte in ganz Deutschland, die auf derKippe stehen. Robin Röhler, Kubis e.V. und Projektkoordinator „Hallo und Willkommen in Wiesbaden“, erklärt: „Dabei geht es vor allem um die Strukturen, die über ein Jahrzehnt gewachsen sind. Es ist entscheidend, diese zu erhalten. Neue Projekte zu starten und neue Ehrenamtliche zu finden, kostet viel Zeit und Geld.“
Die Förderungen fließen seit 2016 vom Bundesministerium über den Bundesverband Deutscher Stiftungen in Berlin an Stiftungen in ganz Deutschland, darunter auch die Wiesbaden Stiftung. Die gibt es an ihre lokalen Partner weiter, unter ihnen Kubis e.V. mit rund 50 neuen Tandems pro Jahr sowie weitere Organisationen wie Angekommen e.V., Frauenwelten, die Diakonie, Joblinge und der Malteser Hilfsdienst. Unterstützt werden über die unterschiedlichen Träger ganz verschiedene Personengruppen in Wiesbaden: Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen, Frauen und viele mehr.
„Es geht um Integration und Teilhabe, die durch die Tandems nachweislich funktionieren“, erläutert Dr. Alrun Luise Schößler, Vorstandsvorsitzende der Wiesbaden Stiftung. „Wir sind durch die Struktur sehr nah dran und haben so eine sehr hohe Kontrolle und damit auch Glaubwürdigkeit, was mit dem Geld passiert – es gibt im Prinzip vier Prüfebenen.“ Das Programm sei mehrfach von der Bundesregierung evaluiert und dabei stets als wirksam und wirtschaftlich sinnvoll bewertet worden, weil ehrenamtliche Unterstützung frühzeitig ansetze und teurere Folgekosten etwa beim Jobcenter vermeide.
Warum Zeit hier über alles entscheidet
Bei Kubis e.V. kümmert sich Projektkoordinator Röhler persönlich um jedes neue Tandem: Ein Gespräch mit der interessierten ehrenamtlichen Person, dann die Suche nach einer passenden hilfesuchenden Person aus seiner Kartei – oft mit Blick darauf, welche Sprachen jemand spricht. „Das dauert eben eine Zeit“, meint er, „aber dadurch ist auch gewährleistet, dass den Menschen tatsächlich in ihrer individuellen Situation geholfen wird.“ Genau dieser Zeitfaktor sei das eigentliche Problem an der geplanten Kürzung, ergänzt Schößler: Ehrenamtliche Strukturen seien fragil. Wer als Träger übergangslos in ein anderes Förderprogramm wechseln solle, verliere nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch die Ehrenamtlichen – „und die sind dann schwierig wiederzugewinnen, das dauert im Zweifel mehrere Jahre.“ Auch das Wissen der hauptamtlichen Koordinatoren würde abwandern.
Wissenschaftlich untermauert wird die Wirkung von Patenschaften unter anderem von Klaus Hurrelmann, Senior Professor an der Hertie School Berlin. In einem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen eines vergleichbaren Programms beschreibt er Patenschaften als „eigenständige Form produktiver Sozialisation“, die besonders jungen Geflüchteten helfe, Vertrauen und Selbstwirksamkeit aufzubauen. Auch die bundesweite Wirkungsanalyse zum Programm bestätigt: Patenschaften verbessern nachweislich Bildungs- und Integrationschancen und stärken zugleich das ehrenamtliche Engagement vor Ort.
Was jetzt gefordert wird
Der Bundeshaushalt 2027 ist noch nicht endgültig beschlossen. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen fordert, die 18 Millionen Euro im Einzelplan 17 wieder einzugliedern. Der Bundesverband soziales Mentoring hat ein Positionspapier dazu veröffentlicht und das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) hat eine Petition auf innit gestartet. Und auch die Wiesbaden Stiftung hat gemeinsam mit Kubis e.V. einen offenen Brief an Wiesbadener Kommunalpolitiker verfasst.
Sollte eine komplette Streichung nicht verhindert werden können, wünschen sich Schößler und Röhler zumindest ein Übergangsjahr, um eine Anschlussförderung – etwa im Programm „Demokratie leben“ – vorzubereiten. „Es geht nicht nur um uns, sondern um 900 vergleichbare Projekte bundesweit, deren Stimme man jetzt hören muss“, betont Schößler.