Fluglärm über Wiesbaden: Neue Pläne sorgen für Kritik

Manche Wiesbadener klagen über mehr Fluglärm. Offizielle Zahlen zeigen aber: Es sind weniger Flugzeuge als noch vor 2020. Neue Pläne für den Frankfurter Flughafen bereiten der Stadt hingegen große Sorgen.

Fluglärm über Wiesbaden: Neue Pläne sorgen für Kritik

„Seit Wochen plötzlich täglich Überflüge nahezu im Minutentakt über Wiesbaden-Mitte und -Nord-Ost. Was ist da los?“, fragt eine Merkurist-Leserin. Die gefühlte Zunahme des Fluglärms beschäftigt Wiesbaden. Eine Anfrage bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) liefert überraschende Daten, während die Stadt vor einer deutlichen Verschlechterung in der Zukunft warnt.

Daten zeigen keinen Anstieg

Laut der Deutschen Flugsicherung (DFS) ist die Zahl der Flüge über Wiesbaden zuletzt sogar leicht gesunken. In der ersten Septemberwoche 2026 wurden demnach 645 Anflüge auf den Frankfurter Flughafen über dem Wiesbadener Raum gezählt – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 758. Auch die Zahl der Abflüge auf den Nordwest-Strecken sank geringfügig von 252 auf 246. Diese würden zudem nicht über das Wiesbadener Kernstadtgebiet, sondern östlich und südlich davon, entlang führen.

Doch wie passt das zur Wahrnehmung vieler Bürger? Eine DFS-Sprecherin erklärt gegenüber Merkurist, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen könnten. So habe es Ende September und Anfang Oktober eine stabile Schönwetterlage gegeben. „Im Sommer ist man mehr draußen, man hat öfter die Fenster offen“, so die Sprecherin. Zudem könnten Ferienzeiten, in denen sich Urlaubs- und Geschäftsreisen überschneiden, für mehr Betrieb sorgen.

Die Wetterlage selbst könne gar beeinflussen, wie Schall übertragen wird. An den Flugrouten habe sich hingegen im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert. Am Frankfurter Flughafen sei der Flugbetrieb insgesamt immer noch niedriger als noch vor der Corona-Pandemie.

Wann der Fluglärm zunehmen wird

Während die aktuellen Zahlen also keine Zunahme belegen, sorgen Zukunftspläne für große Beunruhigung im Wiesbadener Rathaus. Ein geändertes Betriebskonzept für den Flughafen Frankfurt soll bis 2033 deutlich mehr Starts und Landungen ermöglichen. Ein wachsender Teil dieser Starts soll dann in Richtung Nordwesten erfolgen und somit den Raum Wiesbaden überfliegen.

Ursprünglich war im Planfeststellungsverfahren für den Flugbetrieb bei Westwetterlage versprochen worden, dass die Nordwest-Abflugstrecken nur in Ausnahmefällen mit einem Anteil von rund 1,5 Prozent genutzt werden. Tatsächlich liegen bereits jetzt (September 2026) laut DFS die Nutzungsquote der Nordwest-Abflugstrecken tagsüber bei rund 10 Prozent und nachts ab 22 Uhr bei rund 20 Prozent.

Das neue Konzept sieht sogar jahresdurchschnittlich bis zu 25 Prozent Nordwest-Abflüge am Tag und 20 Prozent in der Nacht vor. Wie die DFS erklärt wird dies ab 110 Flügen pro Stunde eintreten – voraussichtlich zwischen 2028 und 2030 wird mit der Überschreitung dieses Eckwerts gerechnet.

Fluglärmkommission fordert Aufklärung und Ausgleich

Wie Anja Wollert, die Geschäftsführerin der Fluglärmkommission in Frankfurt am Main ist, gegenüber Merkurist erklärt, wird der Flughafenbetreiber Fraport frühstens im Herbst 2027 einen neuen Antrag an die Fluglärmkommision stellen. Besonders kritisch sieht die Kommission die Zeit zwischen 22 und 23 Uhr, da in dieser gesundheitlich sensiblen Stunde die meisten Abflüge auf diesen Routen gebündelt werden sollen.

Spannend bleibt es auch beim sogenannten Regionallastenausgleichsgesetz – denn dieses läuft zum Ende des Jahres 2026 aus. Der hessische Landtag muss bis dahin ein entsprechend neues Gesetz beschließen. Die Abmachung regelt Ausgleichszahlungen in Millionenhöhe, die aus den Dividenden der Fraport AG stammen und an betroffene Gemeinden gezahlt werden. Der Ausgleich ist für fünf Jahre gültig, wobei sich die Geschäftsführerin Wollert eine Zwischenbewertung der Lärmentwicklung nach zwei Jahren wünscht.

Bürgermeisterin: „Zusätzliche Belastung nicht hinnehmbar“

Wiesbadens Bürgermeisterin Christiane Hinninger, die die Stadt in der Fluglärmkommission vertritt, findet deutliche Worte: „Das geänderte Betriebskonzept wird dazu führen, dass Wiesbaden in den Abendstunden stärker von Fluglärm betroffen sein wird. Das ist eine auch gesundheitlich zusätzliche Belastung, die nicht hinnehmbar ist.“

Sie betont, dass der Schutz der Bevölkerung nicht den Betriebswünschen des Flughafens untergeordnet werden dürfe. Die Fluglärmkommission fordert daher, die Nordwestabflüge auf das betrieblich nötige Minimum zu begrenzen und weitere Zeitfenster für Lärmpausen zu prüfen.

Wer sich durch Fluglärm belästigt fühlt, kann sich laut Stadtverwaltung bei der Fraport AG, der Deutschen Flugsicherung (DFS) oder dem Deutschen Fluglärmdienst beschweren.