Neue freie Grundschule gegründet: Wie sie sich von anderen unterscheidet

In Hochheim gibt es seit dem Start des aktuellen Schuljahrs eine neue freie Grundschule. In „Flause“ sollen unter anderem individuelle Lernprozesse gefördert werden. Welche Ziele in der staatlich genehmigten Schule sonst noch verfolgt werden.

Neue freie Grundschule gegründet: Wie sie sich von anderen unterscheidet

Dass Schule, Unterricht und Betreuung auch ganz anders funktionieren können im Vergleich zum staatlich organisierten Schulbetrieb, das möchte Désirée Bender zeigen. Sie hat in Hochheim eine neue freie Schule, eine staatlich genehmigte Ersatzschule, gegründet: „F.L.A.U.S.E - die Schule mit Köpfchen“. Seit dem Schuljahr 2022/2023 werden dort nun Kinder unterrichtet. „Flause“ steht dabei für frei, lebendig, abenteuerlich und in Sicherheit die Welt entdecken. Was damit genau gemeint ist, welche Lernbedingungen Kinder dort vorfinden und was Schüler an der „Flause“ noch erwartet, darüber hat Geschäftsführerin Désirée Bender im Interview gesprochen.

Merkurist: Frau Bender, warum haben Sie die freie Grundschule gegründet, was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür?

Bender: Wir sehen Menschen als verschieden an und wertschätzen dies. Wir gehen davon aus, dass Kindern unterschiedliche Lernarrangements und Bedingungen brauchen, um gut lernen zu können. Deshalb war es uns ein Anliegen, individuelle Lernprozesse zu ermöglichen, weil wir inzwischen aus diversen Forschungen wissen, dass Lernen selbstgesteuert und divers verläuft. Auf diese Weise ist es auch nachhaltiger. Die erlernten Inhalte werden weniger schnell vergessen.

Wer war alles an der Schulgründung beteiligt daran?

Ursprünglich waren wir eine Gruppe von Eltern, die auch alle verschiedene pädagogische Hintergründe mitbrachten. Als uns allen dann über die Zeit hinweg klar wurde, dass die Gründung einer privaten Schule in Deutschland sehr viele Ressourcen auf verschiedenen Ebenen braucht, wie Zeit, Geld, Energie, jahrelanges ehrenamtliches Engagement, gute Netzwerke und vielfältige Fähigkeiten, sind immer mehr Menschen aus der Initiative ausgeschieden. Zugleich kamen immer neue Menschen, insbesondere Eltern hinzu, die das von uns auf Inspirationsabenden vorgestellte Konzept beeindruckt und begeistert hat.

Letztlich gründete ich gemeinsam mit meinem Ehemann die Schule und teilte mit ihm auf diesem Weg verschiedene Arbeitsbereiche auf. Zugleich war es von großer Bedeutung, dass auch schon Lernbegleiterinnen eine lange Zeit zuvor feststanden und hier vonseiten unserer aktuellen pädagogischen Leitung, einer Grundschullehrerin, viel Engagement, Zeit und Arbeit in Nachbesserungswünsche des Genehmigungsantrags des Schulamts einflossen. Insgesamt haben also alle, die sich für die Vision begeistern ließen, die Schule mit ins Leben gerufen.

Was ist nun das Besondere an Ihrer Schule?

Wir glauben tief an die soziale und die Lernkompetenz von Kindern. Wir sind standfest in Bezug auf unsere Werte, die von Jesper Juul geprägt wurden, der einen großen Beitrag geleistet hat, die Menschlichkeit wieder sichtbar zu machen, die Kinder im Aufwachsen wirklich brauchen: Gleichwürdigkeit, Authentizität, Verantwortung und Integrität sind für uns zentrale Schlüssel gesunden Zusammenseins zwischen Menschen.

Wir sind geleitet durch unsere innere Haltung, die uns als Erwachsene in die Verantwortung nimmt, unser Verhalten, Denken, Fühlen und Sprechen auf Wahrhaftigkeit zu prüfen. Wir reflektieren unsere Arbeitsprozesse mit den Kindern aktuell täglich. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, jedes Kind wahrhaft zu ‘sehen', es zu achten, Wunden, die vielleicht schon entstanden sind, in ihrer Heilung zu begleiten. Wenn wir zum Beispiel wahrnehmen, dass ein Kind sich nach einem Konflikt mit einem anderen Kind zurückzieht aus Angst davor, von den Erwachsenen gerügt zu werden, dann gehen wir besonders achtsam mit dieser Situation um. Für uns ist es wichtig, dass die Kinder sich in den Beziehungen zu den Lernbegleiterinnen sicher fühlen.

Dazu gehört, Angst davor abzubauen, ‘falsch gemacht’ zu werden für etwas, das gesagt oder getan wurde. In Bezug auf alle an der Schule beteiligten Menschen gehen wir davon aus, dass jeder zu jedem Moment sein Bestes gibt. So gehen wir auch miteinander um. An unserer staatlich genehmigten Ersatzschule lernen Kinder dieselben Kompetenzen, Inhalte und erwerben das Wissen, das für hessische Schulen im Bildungsplan vorgesehen ist. Die Wege dahin sind nur pädagogisch unterschiedlich geprägt. Der Ausgangspunkt all unseres Wirkens ist es, dass sich alle an der Schule beteiligten Menschen wohl und angenommen fühlen. Erst dann und nur in konstruktiver Beziehungs- und Kommunikationsgestaltung ist es überhaupt möglich, nachhaltig und in Freude lernen zu können.

Das ist unser Ziel: Dass Kinder ihre Lernlust und Lernfreude aufrechterhalten und intensivieren können. Dass sie jeden Tag gerne kommen, dass sie von- und miteinander lernen. In Gemeinsamkeit, in einer Gemeinschaft, in die sich jede und jeder mit dem einbringt, was in uns verborgen liegt, um alle weiteren inneren Potenziale ideal entfalten zu können.

Sie haben kurz vor Schuljahresbeginn die Genehmigung bekommen. Wie viele Anmeldungen lagen Ihnen da bereits vor?

15 Anmeldungen lagen zu diesem Zeitpunkt vor. Wir konnten dann mit 18 Kindern starten und waren für jedes einzelne Kind und alle Familien, die den Mut hatten, diesen Weg mit uns zu gehen, von ganzem Herzen dankbar.

Warum ziehen die Eltern der Kinder die „Flause“-Schule anderen vor?

Eltern spüren, dass dies ein Ort des inneren Wachstums ist. Wir kommunizieren dies auch als Erwartung an Eltern: Unsere Schule ist kein Raum, in dem wir festhalten an dem, was wir einmal gelernt haben, sondern experimentierfreudig in uns und auf uns schauen, um uns gegenseitig zu bereichern und zu erweitern. Vielen Eltern an unserer Schule, wahrscheinlich sogar allen, ist bewusst, dass eine gesunde Beziehungsgestaltung unter Menschen die großen Verletzungen zu vermeiden weiß, die unser Leben erschweren und dass stattdessen auf diese Weise zentrale soft skills, der Glaube an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten und das Gefühl, selbst so richtig zu sein wie man ist, unbezahlbar sind und die Qualität unseres Lebens fundamental bestimmen!

Sie fühlen, wissen oder sehen an ihren Kindern, dass das der Weg der Liebe ist: Den anderen, und sei er noch klein, so sein zu lassen wie er ist. In Achtung davor, dass dieser Mensch nicht ich (als Mutter/Vater) ist, in Achtung vor seinem ganz eigenen Weg. All das steckt in unserer Schule und in unserer Haltung. Wir versuchen eigentlich nur, die Menschlichkeit in unser Miteinander zurückzuholen.

Was sind Ihre Ziele, was planen Sie noch alles für die Schule?

Wir leben an der Schule unsere geteilte Vision, um sie in die Welt hinauszutragen. Um zu zeigen, dass es darum geht, uns ganz anzunehmen wie wir sind, mit dem, was wir sind und mitbringen und mit dem, was wir sein können, wenn wir maximal an uns glauben und uns die Liebe schenken, die wir verdienen. Wir lassen unseren Alltag mit den Kindern wissenschaftlich begleiten, um deutlich zu machen, wie gut es allen gehen kann, wenn wir einer inneren Haltung und Werten im Umgang miteinander folgen, sie verkörpern, an sie glauben und sie wahrhaftig leben. Wir berichten unter flause wildwuchs auf Instagram von unserem Lernalltag mit den Kindern, um zu zeigen, wie wir Kinder in ihren Lernprozessen begleiten können, wie unfassbar viel aus ihnen heraus kommt, wenn wir sie nicht unterbrechen und ihnen maximal vertrauen. Désirée Bender schreibt an einem Buch, um die an unserer Schule gemachten wertvollen Erfahrungen anderen zugänglich zu machen, um das Vertrauen in anderen zu stärken.

Dabei geht es um uns alle: Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, die Kultusministerien. Wir alle könnten mehr in die innere Entwicklung und in die in den Kindern angelegten Kompetenzen vertrauen. Wir können den Weg der Gehorsamskultur verlassen und uns auf den Weg der Selbstentfaltung begeben. Nicht weniger als das sind die Ziele der Schule: Sie soll gesund wachsen, sodass diese Kultur des Umgangs möglich bleibt und sie soll verbindend ausstrahlen. Wir sind der Überzeugung, dass es für uns alle wohltuend wäre, achtsam, liebevoll, vertrauensvoll und respektvoll miteinander umzugehen. So machen wir auch immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die auf welche Weise auch immer unsere Atmosphäre erleben, sie als Erholungsraum beschreiben. Durchatmen. Mensch sein. Kind sein. Eltern sein ohne die Angst, was andere von uns denken, wenn wir dies oder jenes tun.

Der Förderverein der Schule ist ein gemeinnütziger Verein und nennt sich Wildwuchs- Verein für Lernen in Gleichwürdigkeit. Aktuell wird ein umfassendes Kursangebot aufgebaut und die Homepage aktualisiert, sodass auch Eltern von Babys, Klein- und Vorschulkindern die Werte und wunderschöne Angebote in Form von Kursen und Workshops erfahren und erleben können, was das in ihnen bewegt. Geleitet werden die Kurse vom Schulpersonal und von Eltern der Schule mit unterschiedlichen fachlichen Expertisen und Perspektiven, vereint durch die gemeinsamen Werte und das damit verbundene humanistisch geprägte Menschenbild.

Wie viele Plätze stehen hier insgesamt zur Verfügung, wie viele Kinder können aufgenommen werden?

In diesem Schuljahr können bis zu 25 Kinder aufgenommen werden, und wir sind auch offen für Quereinsteiger. Wir interessieren uns individuell für jede Familie und verbinden uns in den Auswahlgesprächen mit den Anliegen, Hoffnungen, Ängsten und Sorgen der Eltern. Wir greifen sie auf und sprechen darüber. Auf diesem Weg lässt sich schnell feststellen, wie nah die Werte und Wünsche für die Kinder, die die Eltern mitbringen, zu dem passen, was wir bieten und leben. Zum Schuljahresbeginn 23/24 nehmen wir mindestens zehn neue Schüler auf, sodass wir auf 35 Schüler*innen in Jahr zwei wachsen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bender!

Das Interview führte Sandra Werner.

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