In Wiesbaden gibt es immer mehr Obdachlose

Am 11. September ist Tag der Wohnungslosigkeit. Ein Flashmob soll darauf aufmerksam machen, dass auch eine vergleichsweise reiche Stadt wie Wiesbaden nicht von Armut verschont bleibt.

In Wiesbaden gibt es immer mehr Obdachlose

In Frankfurt ist Wohnungslosigkeit sichtbar. Ein Blick vor und in den Hauptbahnhof reicht aus, um das Problem zu erkennen. In Wiesbaden ist Wohnungslosigkeit weniger präsent. Dass es sie trotzdem gibt, wissen die Mitarbeiter der Wiesbadener Hilfseinrichtungen. Um die Wiesbadener für Wohnungslosigkeit zu sensibilisieren, werden sich am 11. September Ehrenamtliche und Betroffene in Schlafsäcken und Pappkartons auf den Mauritiusplatz legen.

Zahl der Wohnungslosen steigt

„Damit möchten wir die Menschen zum Umdenken bewegen“, sagt Sozialarbeiter Richard Hauptmeier. Er arbeitet für die Teestube des Diakonischen Werks, das die Aktion ins Leben gerufen hat. „Zwar sagen die Statistiken, dass in Wiesbaden nur rund 500 Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen sind, die Dunkelziffer ist aber sehr hoch.“ So seien im Diakonischen Werk allein im Jahr 2017 rund 1200 neue Postadressen von Wohnungslosen angemeldet worden. „Ich als Sozialarbeiter habe das Gefühl, dass die Zahlen nicht wie auf dem Papier stabil bleiben, sondern steigen.“

„Viele Menschen sind in ihrer Meinung festgefahren und haben Vorurteile.“ - Richard Hauptmeier

In einer vergleichsweise reichen Stadt wie Wiesbaden käme das den Menschen oftmals aber einfach nicht so vor. „Auf der einen Seite gibt es hier viele Ehrenamtliche, auf der anderen sind aber auch viele Menschen in ihrer Meinung eingefahren und haben Vorurteile“, erklärt Hauptmeier. Deshalb werden sich am 11. September zwischen 13 und 16 Uhr zu jeder vollen Stunde Mitarbeiter des Diakonischen Werks und Betroffene in Schlafsäcken auf den Boden des Mauritiusplatz legen. „Dazu gibt es einen Infostand und eine interaktive Tafel, bei der Passanten den Unterschied zwischen ‘Das brauche ich zum Leben’ und ‘Luxusgegenstand’ herausstellen können.“

Ab 18 Uhr wird dann im Murnau-Kino der Dokumentarfilm „Draußen“ gezeigt. Damit möchte das Diakonische Werk nicht nur auf Wohnungslosigkeit aufmerksam machen, sondern auch darauf, was in Wiesbaden für Wohnungslose getan wird.

Ehrenamtliches Projekt renoviert Zimmer

„Was die Diakonie mit Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer und Spenden für die wachsende Zahl von Wohnungslosen in Wiesbaden auf die Beine stellt, ist sehr beachtlich“, sagt die Wiesbadenerin Tina Humburg. Mit ihrer gleichnamigen Firma richtet sie Immobilien her und ein. Als sie für ihre Weihnachtsspende im vergangenen Jahr auf der Suche nach einem Projekt war, ist sie auf die Teestube gestoßen und hat sich sofort für die Notunterkunftszimmer begeistert.

„Es weiß kaum jemand, dass es in der Teestube Zimmer mit insgesamt 12 Betten gibt, in denen Wohnungslose 100 Tage im Jahr übernachten können.“ Weil sie die Idee toll fand, die Zimmer aber in die Jahre gekommen waren, entschied sie sich gemeinsam mit A&K Gebäudereinigung und Malermeister Mark Wagner eines der vier Zimmer umzugestalten. „Die Farben sollen aggressionssenkend wirken - und das scheint bisher gut zu klappen.“ Um auch die anderen Zimmer verschönern zu können, hofft sie jetzt auf Spenden und Unterstützung der Wiesbadener.

Dass den Wiesbadenern solche Projekte nicht egal sind, zeigt sich im Angebot der Anlaufstellen für Wohnungslose. Neben der Diakonie, den kommunalen Sozialämtern, der Heilsarmee und dem Caritasverband, gibt es auch eine private Obdachlosenhilfe, die Wohnungs- und Obdachlose mit Essen versorgt. „Für uns ist es ganz wichtig, mit all diesen Einrichtungen eng zusammenzuarbeiten“, sagt Richard Hauptmeier. So könne man sich in Notlagen aushelfen und schneller handeln.

Von den Wiesbadenern wünscht sich Hauptmeier zunächst einmal eins: „Wir müssen uns alle bewusst machen, dass keiner vor Wohnungslosigkeit geschützt ist und dass das alles normale Menschen sind.“ Ein erster Schritt sei es, offen gegenüber Wohnungslosen zu sein und in Gesprächen herauszufinden, was sie brauchen.

„Wer mit einem Wohnungslosen ins Gespräch kommt, gibt ihnen das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein.“ - Richard Hauptmeier

„Eine Jacke und ein Stück Brot helfen natürlich für den Moment, manchmal traut sich aber auch jemand nicht, alleine ins Bürgeramt zu gehen“, sagt er. „Wer mit einem Wohnungslosen ins Gespräch kommt, gibt ihm das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein und das kann ihm unheimlich viel Auftrieb geben.“ Mit dem Flashmob am 11. September soll das Realität werden.

Wer bei dem Flashmob mitmachen möchte, kann sich bei Richard Hauptmeier unter der E-Mail-Adresse richard.hauptmeier@dwwi.de anmelden.

Logo