„Ein sensationelles Verbrechen“: Verschwunden in der Wilhelmstraße

In den Sechzigerjahren erschütterte das Verschwinden des siebenjährigen Timo Rinnelt die ganze Stadt. Bis die Polizei dem Täter auf die Spur kam, vergingen Jahre.

„Ein sensationelles Verbrechen“: Verschwunden in der Wilhelmstraße

Es war die bis dahin aufwändigste Suchaktion Deutschlands: die Suche nach Timo Rinnelt, einem siebenjährigen Jungen, der 1964 in der Wiesbadener Wilhelmstraße vor dem Haus seiner Eltern verschwand. Es war im Winter, an einem Tag Mitte Februar gegen 17 Uhr, als der Siebenjährige zum letzten Mal gesehen wurde. Am selben Abend noch meldete sein Vater den kleinen Jungen als vermisst.

Als „eines der sensationellsten Verbrechen der Nachkriegszeit“ beschrieb das Magazin „Spiegel“ den Fall im Jahr 1967. Bereits am Tag nach seinem Verschwinden liefen Suchmeldungen im Fernsehen und Radio, auf der Suche nach dem kleinen Jungen stellten Polizei und Bundeswehr die Stadt auf den Kopf. Ganze Hundertschaften suchten in Gärten und Häusern nach Timo, sogar der Teich im Kurpark wurde leergepumpt. Doch von dem Kind fehlte weiterhin jede Spur.

Ein Schuh im Bahnhofsschließfach

Zumindest bis sich Tage später Timos Entführer bei den Eltern meldete - in Form eines Kuverts mit einem Schließfachschlüssel im Briefkasten. Der Schlüssel passte in ein Fach am Frankfurter Hauptbahnhof. Drin fand die Polizei neben einem von Timos Lederschuhen einen Zettel mit der Forderung nach 15.000 D-Mark. Der Schuh liegt, gemeinsam mit anderen Beweisstücken der Tat, bis heute im Archiv des Wiesbadener Polizeimuseums.

Kurz darauf meldete sich der unbekannte Mann auch per Telefon bei der Familie, fragte mehrfach mit hörbar verstellter Stimme nach verschiedenen Dingen: ob der Brief angekommen sei, das Geld bereitliege, wo Timos Vater den Brief mit den weiteren Anweisungen finde. Doch zur Geldübergabe kam es - obwohl der Vater des Jungen den Anweisungen des Entführers folgte - erstmal nicht.

Stattdessen fahndete die Polizei nun offen nach dem Täter, Mitschnitte der Stimme aus den Telefonaten liefen in Radio und Fernsehen - wieder ergebnislos. 570 Spuren ging die Polizei nach, bevor sie die Hoffnung, Timo zu finden, aufgab und die Sonderkommission auflöste.

Traurige Gewissheit nach drei Jahren

Gelöst wurde der Fall erst drei Jahre später, im Jahr 1967, als der Entführer plötzlich wieder in Erscheinung trat. Er hatte einen Artikel darüber gelesen, dass Ermittler künftig auch Sprachaufnahmen genauer auswerten könnten, jeder Mensch durch „Sprachabdrücke“ identifizierbar werde. Weil er wusste, dass seine Anrufe mitgeschnitten wurden, versuchte er diesmal, tatsächlich an das Geld zu kommen, um ins Ausland zu fliehen. „Kein Zweifel: Die Wiesbadener Kriminalbeamten haben damals schwer geschuftet“, schrieb die Zeit 1967 über den Fall. Den Erfolg der Aufklärung könne die Polizei allerdings nicht auf ihr Konto buchen. „Der Täter, der drei Jahre nach dem Mord noch ein spätes Geschäft aus seinem Verbrechen machen wollte, verhalf ihnen dazu.“

Diesmal meldete sich Timos Entführer nicht direkt bei den Eltern. Er nahm den Weg über eine Münchner Illustrierte, der er für den Preis von 15.000 Euro ein Interview anbot. Wenn die Journalisten einverstanden seien, sollten sie eine gefälschte Immobilienanzeige im „Wiesbadener Kurier“ schalten - ein Mietgesuch für einen Sieben-Zimmer-Villa - und sich im Parkhotel einquartieren. Der Unbekannte versetzte die Journalisten, bot dafür kurz darauf Timos zweiten Schuh als Beweis für seine Beteiligung an der Entführung an und lieferte wieder nicht.

Als er schließlich in einem dritten Brief eine Socke des Kindes anbot, glaubten weder Ermittler noch Journalisten daran. Doch tatsächlich: Im Astloch eines Baumes auf dem Neroberg steckte eine Plastiktüte mit der Socke. Mit dem Fund erlangten Familie und Ermittler allerdings auch eine traurige Gewissheit. Forscher am gerichtsmedizinischen Institut der Universität Mainz fanden an dem Strumpf Leichengewebe.

Der Täter verrät sich

Öffentlich wurde das allerdings nicht gemacht. Stattdessen landete ein weiteres gefälschtes Inserat im „Kurier“, mit dem der Entführer gelockt werden sollte. Er biss an und verabredete sich mit einem Reporter im Parkhotel. Zwar kam es nicht zum Gespräch, den Ermittlern fiel allerdings ein junger Mann auf, den sie von den Ermittlungen 1964 kannten: Klaus Lehnert, ein Mann Mitte 20, der hin und wieder in der Wohnung seiner Mutter und damit im selben Haus wie Timos Familie wohnte.

Sein Foto wurde allen Polizisten im Einsatz gezeigt, und beim nächsten Versuch der Geldübergabe fiel der Mann erneut auf: als Spaziergänger im Nerotal. Das Auto, in dem er schließlich wegfuhr, kannten die Beamten schon von anderen Treffpunkten. Es kam zur Hausdurchsuchung, bei der die Beamten die Schreibmaschine fanden, auf der die Briefe geschrieben worden. Nach der Verhaftung fanden die Ermittler dann auch Timos Leiche - in einem Lüftungsschacht im Keller des Hauses, in dem Lehnerts Vater früher seine Arztpraxis gehabt hatte und dessen Keller die Familie noch immer nutzte.

Vor Ermittlern und Gericht gestand Lehnert die Tat schließlich. Er sagte, er könne sich nicht genau erinnern. Er habe Timo mit in sein Fotolabor im Keller genommen, dann sei es einfach passiert. Der Hintergrund der Tat ist bis heute unklar. Die Entführung habe er vorgetäuscht, um als Nachbar nicht verdächtigt zu werden. Lehnert wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Jahr 1985 kam er frei. Seitdem lebt er unter einem anderen Namen. (nl)

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