„Je tödlicher, desto sicherer“: So läuft die große NATO-Übung in Wiesbaden

Seit dem 6. Oktober läuft die NATO-Simulation eines großen Bodenkriegs. Zahlreiche Soldaten und Kommandeure aus verschiedenen Staaten sind dafür nach Wiesbaden in die Zentrale angereist. Merkurist hat vor Ort Eindrücke gesammelt.

„Je tödlicher, desto sicherer“: So läuft die große NATO-Übung in Wiesbaden

Army BaseNur selten bekommt die Öffentlichkeit die Gelegenheit, die Clay Kaserne in Wiesbaden-Erbenheim zu besuchen. Doch während der großen NATO-Übung vom 6. bis 15. Oktober lädt die US-Armee Pressevertreter ins Herz des höchsten Heeres-Stabs ein.

Gruseliger Empfang

Der Weg durch die Wohnsiedlung in der Kaserne ist gesäumt von alten Panzern der US-Armee sowie viel Halloween-Dekoration. Fotos aus dem Mini-Van sind verboten. Geisterpuppen und Kürbisse stehen in den Hauseingängen. Nicht zu übersehen: Ein rund drei Meter großes Skelett, das kleinere Skelette an Leinen führt. „Die Community feiert und organisiert gemeinsam Events dort, wo sie wohnen“, erklärt ein US-Soldat. Ein Plakat lädt zum Kürbis-Schnitzen am 30. Oktober ein.

Militärische Ziele der Übung

Drinnen geht es direkt zur Sache: „Bei der ‘Avenger Triad 2026’ Übung werden NATO-Kriegspläne für den Fall eines Angriffs auf die Ostflanke des Bündnisses geprobt“, sagt ein Sprecher der US-Armee. Die sogenannte Landcom koordiniert Bodentruppen. Ein Bundeswehr-Offizier der Teil der Landcom im türkischen Izmir ist, erklärt: „Normalerweis sieht man beim klassischen Manöver Panzer im Feld und Soldaten mit Tarnfleck im Gesicht. Hier geht es aber darum, die Prozesse und Entscheidungen zu üben, mit denen Millionen von Soldaten geschickt werden.“

Das Szenario: Feindliche Truppen verletzen die Souveränität von NATO-Mitgliedern. Der Aggressor wird nicht explizit benannt, aber Russland ist impliziert. So hat Polen im Zuge der Übung mithilfe deutscher Soldaten Panzersperren an der russischen Exklave Kaliningrad aufgestellt. Die 32 Nationen proben sogenannte Konvergenz (Zusammenziehen) von Truppen, der schnelle Einsatz von Soldaten und deren Versorgungswege. Jede Simulation werde behandelt wie die letzte vor dem Ernstfall, erzählen die Kommandeure.

KI-Oberfläche in der Hauptzentrale

Die Zentrale, das Combined Operations & Intelligence Center (COIC), wirkt wie ein Missionskontrollzentrum der Raumfahrtbehörde NASA. Im großen Saal arbeiten bis zu 150 Entscheidungsträger – von Generälen bis zu Nachrichtendienstlern. Eine große Europakarte prangt in der Mitte des Saals. Sie zeigt in Echtzeit NATO- und Feindpositionen. Die östliche Ukraine ist besonders dicht besiedelt mit Symbolen.

„Die Symbole auf dem Bildschirm sind nicht nur Icons, sie stehen für echte Menschenleben“, sagt Eshraf, der Fernmelder und IT-Experte der Bundeswehr ist. „Hier in diesem Raum werden Entscheidungen vorbereitet, getroffen und weitergegeben“, erklärt er. Dabei komme zunehmend KI zum Einsatz, um Informationen schneller zu sammeln und aufzubereiten und so die Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Dennoch spiele der Mensch die entscheidende Rolle im Militär, versichert der deutsche Brigadegeneral Lowin. Es werde stets geprüft: „Ist die Möglichkeit, die uns KI geliefert hat, tatsächlich die einzige Möglichkeit, die sich aufgrund der Datensätze ergibt? Oder gibt es noch weitere Möglichkeiten, die sich vielleicht nicht aus den Datensätzen ergeben? Zweitens: ist die Lösung, die KI liefert, richtig?“ Die letzte Bewertung und der Befehl kämen schließlich vom Kommandeur.

„Am Ende sind es die Menschen, die das Ganze entscheiden. Die werden durch Technik unterstützt“, so Lowin weiter. Zur Technik gehört beispielweise das Maven Smart System (MSS), das alle NATO-Partner teilen, und das vom Palantir-Konzern etnwickelt wurde. „Es ist ein Operating System, so wie Sie das von Ihrem Handy kennen oder von Ihrem Computer“, so der Brigadegeneral. Das MSS sammelt und gliedert nicht nur alle Informationen, sondern bereitet auch KI-gestützte Handlungsoptionen und Angriffmöglichkeiten vor. „Die Maschine gibt eine Empfehlung ab. Wir als Stab gucken uns diese Empfehlung an und bereiten diese auf“, sagt Lowin.

Abschreckung gegen Russland

Die Zentrale in Wiesbaden steuert die Verteidigung an der Grenze und die Versorgung der Truppen an der Front. Ebenso wird die Verteidigung kritischer Infrastruktur überwacht: „Es gibt zivile und es gibt militärische kritische Infrastruktur. Manches ist beidseitig. Ein Flughafen wie Frankfurt hat einen militärischen Teil und einen zivilen Teil und beides wird geschützt.“ Wenn es darum geht, vor wem die Infrastruktur geschützt werden muss, ist Brigadegeneral Lowin eindeutiger als andere: „Ich glaube, an den Aktionen von Russland sieht man sehr deutlich, wer der Bedroher ist und wer die Bedrohten sind.“ Er nennt den Vorfall in Leipzig als Beispiel russischer Aggression.

Die große Übung verfolgt demnach vor allem einen Zweck: Abschreckung. „Je tödlicher, je abschreckender wir sind, umso unwahrscheinlicher ist es, dass uns jemand angreift.“ Wer hingegen schwach wirke, mache sich angreifbar. So zeige die Simulation, wie stark die militärischen Fähigkeiten der NATO sind. Die jetzige Situation bezeichnet Lowin als Zwischenzeit, zwischen Frieden und Krieg. Auch wenn seine Hoffnung sei, dass die Zwischenzeit nicht zwangsläufig zum Krieg führe.

Wie Soldaten und Kommandeure Wiesbaden erleben

Colonel Fabio, Lieutant der italienischen Armee, ist normalerweise in der Türkei in Izmir stationiert. Für die Übung ist er nach Wiesbaden geflogen und hatte wie alle Beteiligten wenig Freizeit: „Die Simulation läuft 24 Stunden sieben Tage die Woche. Nach einer 12-Stunden-Schicht hat man wenig Energie“, so Fabio. Anders sah es vor Beginn in der Vorbereitungswoche aus. „Wir konnten teilweise die Stadt genießen und Restaurants ausprobieren. Die Sehenswürdigkeiten haben mir sehr gefallen“, erzählt der Kommandant. Der Ausflug mit anderen NATO-Mitgliedern habe das „Teambuilding“ gefördert.

Jedes der 32 Länder hat etwas zur Übung beigetragen, bei der 20.000 Soldaten im Feld trainieren. In der Kommandozentrale in Wiesbaden sind unter anderem Flaggen von Spanien, Tschechien, Polen, Slowakei, Frankreich auf den Uniformen zu sehen. Da es sich um eine amerikanische Basis handelt, sind die meisten Anwesenden von der US Army.

Einer der Army-Soldaten ist Pilot und zeigt auf dem Airfield ein Kleinflugzeug, mit dem viele der hochrangigen Kommandeure nach Wiesbaden gebracht wurden. „Wiesbaden ist eine großartige Station“, erzählt er. „Der Frankfurter Flughafen ist direkt hier und man ist schnell in ganz Europa.“

In seinen zweieinhalb Jahren in Erbenheim habe er auch Wiesbaden und Mainz häufig besucht. Nur die Straßen in Mainz seien etwas zu eng und nicht angenehm für Autofahrer. Für Soldaten stehen außer dem Kleinflugzeug mehrere Transporthubschrauber vom Typ Blackhawk auf dem Flugplatz Erbenheim bereit.

Friedensaktivisten blockierten Zufahrt

Das „Wiesbadener Bündnis gegen Raketenstationierung“ kritisiert währenddessen das NATO-Manöver. Mit einer Blockade und einem Konzert hatten Friedensaktivisten am 5. Oktober vor einer Zufahrt der Clay Kaserne protestiert. Die Polizei habe die Aufnahme von Personalien wegen der Blockade angekündigt und Platzverweise für 24 Stunden ausgesprochen.

Besondere Besorgnis löse der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Drohnen aus, so das Bündnis. Reaktionszeiten, etwa zur Abklärung eines Fehlalarms, gingen gegen null, was einen großen Krieg auslösen könne. Die Aktivisten fordern Friedens- und Abrüstungsverhandlungen.

Welche Seite die große Kriegs-Simulation am Donnerstag gewinnt, wird von der NATO nicht bekannt gegeben.