Haben die Wiesbadener etwas gegen das „Dazusetzen“?

Ob gemütlich, laut, oder ausgefallen - jeder hat so seine eigenen Vorstellungen vom Restaurantbesuch. Die einen möchten lieber unter sich bleiben, die anderen lernen gerne neue Leute kennen. Die Wiesbadener haben geteilte Meinungen.

Haben die Wiesbadener etwas gegen das „Dazusetzen“?

Im Rheinland ganz normal, bei Mainzern gern gesehen, aber die Wiesbadener bleiben lieber unter sich? Wer sich in einem Restaurant zu unbekannten Gästen gesellen möchte, trifft dabei nicht immer auf freudige Gesichter. Merkurist-Leser Reiner fragt in einem Snip, ob das „Dazusetzen“ in Wiesbadener Restaurants besonders verpönt ist.

Auf dem Quellenhof in Frauenstein ist es das nicht. Karin Unkel, Inhaberin des Obst-und Weinguts, erzählt, dass es in ihrer Straußwirtschaft dazugehöre, sich dazuzusetzen. Wenn im Sommer und im Herbst der eigene Wein ausgeschenkt wird, käme es vor allem darauf an, sich mit anderen zu unterhalten und Spaß zu haben. „Wir haben hier auch viele Menschen, die alleine kommen und sich ganz bewusst zu anderen dazusetzen“, sagt sie. Häufig wären das auch Menschen, die ihren Partner verloren haben und so am sozialen Leben teilhaben möchten. „Für Straußwirtschaften ist das Dazusetzen ganz typisch und normal“, sagt Unkel. Stören würde das dementsprechend niemanden.

Anders könnte es in klassischen Restaurants aussehen. Viele Merkurist-Leser möchten dort lieber bekannten Gesichtern gegenübersitzen. „Ich möchte in Ruhe Essen und genießen und kein Zwangsgespräch aufgedrückt haben. Essen gehe ich nicht wegen dem Wunsch nach Kontakten. Dann gehe ich ins Weinlokal oder zur Imbissbude“, schreibt Eric. David sieht vor allem einen Unterschied zwischen Kneipe und Restaurant: „Wenn kein Tisch frei ist in der Kneipe ist das okay, im Restaurant definitiv nicht. Dann 'ist halt voll' und man muss sich eine andere Lokalität suchen.“

Es kommt auf den Gast an

Im Restaurant Orangerie im Hotel Nassauer Hof sieht das ganz ähnlich aus. „Unsere Gäste möchten meist lieber unter sich bleiben“, sagt Alexander Offermanns. Er leitet das Restaurant am Kaiser-Friedrich-Platz. „Wir würden keinen Gast aktiv fragen, ob sich jemand zu ihm setzen kann“, sagt Offermanns.

Wartende Gäste werden im Restaurant Orangerie an der Hotelbar oder an der Lobbybar mit einem Getränk versorgt, bis ihr Tisch frei wird. Trotzdem käme es auch vor, dass andere Restaurantbesucher darauf aufmerksam werden und selbst fragen, ob sich die wartenden Gäste zu ihnen setzen möchten. „Uns kommt es dabei immer auf die Wünsche des Gasts an“, sagt Offermanns. Eine Vorgabe vonseiten des Restaurants gebe es nicht.

Für einige Menschen kann es sogar richtig unangenehm werden, wenn plötzlich ein Unbekannter am Tisch sitzt. „Ein Gast, der sich ungebeten an den Tisch eines anderen dazusetzt, tangiert im Grunde die intime Distanzzone“, sagt Karin H. Schleines. Sie ist Unternehmensberaterin und bietet regelmäßig Knigge- und Business-Etikette-Seminare in Wiesbaden an. In die intime Distanzzone tritt man ein, wenn man sich seinem Gegenüber auf bis zu einem halben Meter nähert. In diesen Bereich lassen die meisten Menschen nur Familie und Freunde vordringen.

„Viele Gäste in unserem Kulturkreis sehen den Tisch, an dem sie sitzen, fast schon als ein 'Revier' an“, sagt Schleines. In Cafés oder gehobenen Restaurants sei es häufig gewollt, dass der Gast ungestört bleibe: „Hier heißt es auch zumeist 'wait to be seated', also warten, bis der Ober einen Platz anbietet.“ In rustikaleren Restaurants mit langen oder runden Tischen würde man hingegen die Kommunikation zwischen den Gästen fördern wollen: „Dort kann es sogar gewünscht sein, dass man sich dazusetzt“, so Schleines. Wegen all dieser Rahmenbedingungen könne man die Frage danach, ob Wiesbadener das Dazusetzen generell nicht mögen, kaum beantworten. Der beste Knigge-Tipp sei deshalb, Einfühlungsvermögen zu zeigen und höflich zu fragen - und das unabhängig vom Wohnort.

Logo