Wer durch das Luisenforum in der Wiesbadener Innenstadt schlendert, sieht vor allem eins: beklebte Scheiben, Bauzäune und Umbauarbeiten. Eine Installation aus bunten Papierblüten im Lichthof soll wohl ein wenig Aufbruchstimmung wecken. Doch hinter den Kulissen erzählt das Shopping-Center eine Geschichte, die über Wiesbaden hinausweist – eine Geschichte über Kaufkraft, Innenstadtsterben und die Frage, welche Art von Handel sich die City der Zukunft noch leisten kann.
Viel Bewegung und viel Leerlauf
Mitte April ist der Discounter Woolworth im ersten Stock eingezogen, Ende Mai eröffnete das deutsche Modegeschäft New Yorker auf zwei Etagen. Das ist für ein Einkaufszentrum in der aktuellen Lage eine gute Nachricht. Aber beim Eintreten zeigt sich noch immer: Von der Kirchgasse kommend wird man nach wie vor von einer leerstehenden Fläche begrüßt.
Die Räumlichkeiten des Bürgerbüros sind ebenfalls weiterhin verwaist. Nun wird auch Saturn Ende August komplett schließen. Ladengeschäft reiht sich an Leerstand. Seit September letzten Jahres liegt das Centermanagement in den Händen von CBRE, einem der größten Immobiliendienstleistungs- und Investment-Unternehmen in Sachen Gewerbeimmobilien.
Ein Spiegel der Gesellschaft – und ihrer Geldbeutel
Wo einst Markengeschäfte wie Desigual, Gant, Marco Polo und Tamaris residierten, finden sich heute Discounter wie TK Maxx, Nanu Nana und Woolworth. Dazu Nagelstudios –unvermeidlich in jeder deutschen Innenstadt. Die Menschen haben schlicht weniger Geld in der Tasche.
Der Preis ist das entscheidende Argument. Das belegt unter anderem die aktuelle Studie „Shopper Perspectives“ von YouGov. Discounter boomen, während etablierte Modehändler wie H&M oder Zara Filialen schließen, wie aus deren Geschäftsberichten hervorgeht. Woolworth befindet sich währenddessen auf Expansionskurs – jüngst konnte der Non-Food-Discounter die Eröffnung seiner tausendsten Filiale in Europa feiern. In Wiesbaden ist es die dritte Woolworth-Filiale. Das ist kein Zufall, das ist Kaufkraftpolitik.
Die Deutschen kaufen billig – nicht nur im Netz bei Shein, Temu oder Amazon, sondern auch im stationären Handel: Woolworth, Action oder Tedi. Laut „Trend Check Handel“ kauft ein Viertel der Konsumenten in den letzten Jahren mehr bei diesen Anbietern, vor allem Jüngere gehen dort verstärkt einkaufen.
Kaufen ja, Verweilen nein?
Zwei nicht-kommerzielle Projekte werden im Centerbetrieb leicht übersehen. Das Zukunftswerk, eine Initiative des städtischen Dezernats für Smart City, Europa und Ordnung, hat sich im Luisenforum etabliert. Seit über einem Jahr bietet es regelmäßige Kurse zu digitalen Themen an: Smartphone-Nutzung für Senioren, KI-Lernlabor für Frauen, Schulworkshops. Weniger präsent wirkt das Stadt-Labor der Hochschule RheinMain. Beim Blick durch die Scheibe liegt der Eindruck nahe, dass der Raum selten belebt ist.
Wer sich im Luisenforum einfach hinsetzen möchte, ohne etwas zu bestellen, hat es schwer. Sitzgelegenheiten zum freien Verweilen? Mangelware. Dafür gibt es unzählige freie Plätze im Gastro-Bereich auf der Brücke. Diese bieten zwar einen spektakulären Blick die Schwalbacher Straße hinauf bis zur russisch-orthodoxen Kirche – aber natürlich nur, wenn man auch etwas isst oder trinkt. Das Grundprinzip eines Shopping-Centers: Du kommst, du kaufst, du gehst. Es funktioniert – aber Orte ohne Aufenthaltsqualität verlieren auf Dauer auch ihre Kundschaft.
Events gibt es nur wenige: Zuletzt wurde die Neueröffnung von New Yorker gefeiert und man konnte über die neuen Maskottchen des Luisenforums abstimmen. Ende April gab’s das Match Point Event, bei dem man auf einem kleinen Tennisfeld im Untergeschoss Tennis spielen und Karten für das Wiesbaden Tennis Open gewinnen konnte. Platz ist ausreichend vorhanden. Erlebnisorientierung sieht jedoch anders aus. Galeria Wiesbaden hingegen hat beispielsweise jüngst zum Late-Night-Shopping eingeladen.
Kein Abgesang – aber ein Appell
Das Luisenforum steckt in einem Dilemma, das kein Management allein lösen kann. Es spiegelt den Strukturwandel im Handel – und den gesellschaftlichen dahinter. Wer daran nur das Luisenforum schuld sieht, macht es sich zu einfach. Gleichzeitig kann ein Einkaufszentrum, das sich neu erfindet auch ein Ort sein, der mehr leistet als bloßen Konsum.