Flüchtlingsrat kritisiert Unterbringungssituation in Wiesbaden

Der Hessische Flüchtlingsrat kritisiert die Zustände in den Wiesbadener Flüchtlingsunterkünften. Die Ergebnisse einer sogenannten Lagertour sind alarmierend - die Stadt weist die Vorwürfe aber zurück.

Flüchtlingsrat kritisiert Unterbringungssituation in Wiesbaden

Der Hessische Flüchtlingsrat hat im Rahmen seiner Lagertour mehrere Großunterkünfte für Geflüchtete in Wiesbaden besucht. Am Dienstag veröffentlichte der Rat die Ergebnisse und stellte der Stadt Wiesbaden ein schlechtes Zeugnis aus. Insbesondere die Situation in den Unterkünften in der Mainzer Straße und der Hans-Bredow-Straße seien „dramatisch“, so Miriam Modalal vom Hessischen Flüchtlingsrat.

Überbelegt und heruntergekommen

Ein großes Problem sei die massive Überbelegung. Laut dem Papier des Flüchtlingsrats müssten die rund 400 Geflüchteten in der Mainzer Straße in Drei- und Vierbettzimmern leben. Privatsphäre sei dort nicht gegeben, was vor allem für Frauen mit kleinen Kindern problematisch sei. Hinzu komme, dass sich etwa 50 Personen jeweils eine Küche teilen müssten, die teilweise nicht größer als 16 Quadratmeter sei. An Raum für Kinder fehle es meist ganz.

„Regelmäßige Konflikte sind so vorprogrammiert“ - Fritz Rickert

„Die konstante Enge und die hiermit verbundene fehlende Privatsphäre stellen ein großes Problem dar. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten und ein hoher Lautstärkepegel belasten die Bewohner extrem. Regelmäßige Konflikte sind so vorprogrammiert“, sagt Fritz Rickert, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats. Die Unterkunft in der Mainzer Straße sei aber nicht nur deutlich überbelegt, sondern auch sehr heruntergekommen. „Hier scheint schon seit Jahren an allen Ecken und Enden gespart zu werden“, kritisiert Rickert. Es fehle an Badezimmertüren, Fenster ließen sich nicht öffnen und der allgemeine hygienische Zustand in der Unterkunft ließe stark zu wünschen übrig.

Goßmann zeigt sich verwundert

„Ich weise die Vorwürfe entschieden zurück.“ - Arno Goßmann

Sozialdezernent und Bürgermeister Arno Goßmann weist die Vorwürfe gegenüber Merkurist entschieden zurück. Die Stadt habe mit dem im vergangenen Jahr ausgearbeitetem Plan „GU.plus“ ein gutes Konzept für Unterkünfte entwickelt, in denen mehr als 250 Geflüchtete untergebracht werden. Der vom Flüchtlingsrat kritisierte fehlende Raum für Kinder sei darin eigentlich abgedeckt. Die Stadt habe Geld für das Schaffen von Hausaufgabenräumen, die Vorbereitung der Kinder auf den Kindergarten und Elternbildung bereitgestellt.

„Ich bin schon sehr verwundert, dass man sich mit uns überhaupt nicht in Verbindung gesetzt hat“, sagt der Bürgermeister, nachdem der Flüchtlingsrat die Ergebnisse seiner Lagertouren veröffentlicht hat. Darüber hinaus solle die Unterkunft in der Mainzer Straße Stück für Stück renoviert werden. Die Notwendigkeit sei ihm auch aus der guten Zusammenarbeit mit dem Wiesbadener Flüchtlingsrat bekannt.

Übergriffe an der Tagesordnung

„Eine der größten kommunalen Unterkünfte in Hessen“ - Miriam Modalal

Auch die Unterkunft in der Hans-Bredow-Straße steht in der Kritik. 750 Menschen seien in dem alten Bürogebäude untergebracht. Teilweise müssten sich bis zu acht Personen ein Zimmer teilen. „Die Hans-Bredow-Straße ist eine der größten kommunalen Unterkünfte in Hessen. Auch sie bringt alle Probleme mit sich, welche die Unterbringung von zu vielen Menschen auf zu engem Raum zur Folge hat“, so Modalal. Aufenthaltsbereiche - sowohl für Erwachsene als auch für Kinder - abseits von Mehrbettzimmern, Fluren und Küchen, suche man auch hier vergebens.

Die Masse an Bewohnern gehe nicht nur zu Lasten der Privatsphäre. Sexuelle Belästigung soll nach Informationen des Flüchtlingsrats ein Problem sein. Es seien Fälle auf allen Etagen bekannt, was zu Angst unter den Bewohnerinnen führe. Das Personal vor Ort habe kein offenes Ohr für sensible Themen dieser Art, kritisiert der Flüchtlingsrat.

„Jede Frau, die sich an uns wendet, bekommt auch Unterstützung.“ - Arno Goßmann

„Es gibt für jede Frau in den Unterkünften Ansprechpartner“, entgegnet Goßmann dem Vorwurf. „Jede Frau, die sich an uns wendet, bekommt auch Unterstützung.“ Und auch die vom Flüchtlingsrat genannten Bewohnerzahlen der Unterkünfte kann der Sozialdezernent nicht bestätigen. Demnach seien in der Mainzer Straße 359 statt denn genannten 400 untergebracht. In der Hans-Bredow-Straße seien es nicht 750, sondern 491. Platz wäre in den beiden Gebäuden für 442, beziehungsweise 491 Geflüchtete.

„Missstände, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht.“ - Fritz Rickert

Dem Flüchtlingsrat gehe es in erster Linie gar nicht um konkrete Zahlen, sagt Rickert. Vielmehr stütze sich der Bericht auf Beobachtungen vor Ort und Erkenntnisse, die man aus Gesprächen mit den Bewohnern gewonnen habe. „Fakt ist, dass wir Missstände aufgezeigt haben, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht“, erklärt Rickert auf Nachfrage. Man habe die Stadt auch nicht angreifen wollen, sondern wollte zeigen, wo es noch etwas zu tun gebe.

Merkurist