Keine grünen Wellen mehr seit DIGI V-Start? Das sagt der Projektleiter dazu

Mit der digitalen Verkehrssteuerung DIGI V soll der Verkehr wieder flüssiger laufen. Den Eindruck haben viele Merkurist-Leser bisher allerdings nicht. Woran das liegt, erklärt der technische Projektleiter Rolf Schmidt im Merkurist-Gespräch.

Keine grünen Wellen mehr seit DIGI V-Start? Das sagt der Projektleiter dazu

Es sollte die Hoffnung für den Wiesbadener Verkehr sein: das digitale Verkehrssystem DIGI V. Insgesamt 227 Ampelanlagen wurden dafür in den vergangenen zwei Jahren für insgesamt 30 Millionen Euro umgebaut. „Smarte Ampelschaltungen sind gerade in Städten mit so massivem Verkehrsaufkommen wie in Wiesbaden ein großer Zugewinn“, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) bei der Inbetriebnahme im vergangenen November. „Zukünftig kann das System so viel besser auf stockenden Verkehr und Staus reagieren. Dadurch fließt unser Verkehr in Zukunft hoffentlich wieder flüssiger.“

Etwa ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme merken viele Wiesbadener davon aber noch nichts. „Absolut unmöglich auf dem Ring mal ‘in einem Rutsch’ durchzufahren, zu keiner Zeit, keine Chance“, schreibt ein Merkurist-Leser. Die Verkehrssituation sei wesentlich schlechter als vor der Pandemie. Auch Leserin Larissa hat den Eindruck, dass es seit der Einführung von DIGI V keine grünen Wellen mehr auf dem 1. Ring gibt, wie sie in ihrem Snip schreibt. Die Situation habe sich aber nicht nur für Autofahrer verschlechtert:

Ist das tatsächlich so? „Wenn die Leute sagen, der Verkehr fließt schlechter als vor drei Jahren, dann haben sie recht“, sagt Rolf Schmidt, Sachgebietsleitung für Verkehrstechnik im Tiefbau- und Vermessungsamt und DIGI-V-Projektleiter im Merkurist-Gespräch. Dass der Verkehr tatsächlich nicht besser laufe als noch vor einigen Jahren, liege aber vor allem an veränderten Bedingungen.

„Wir leiten also im Moment den Verkehr einer Autobahn zusätzlich mit durch Wiesbaden.“ - Rolf Schmidt, Projektleiter

„Wir mussten auf dem 1. Ring eine Spur für den Autoverkehr wegnehmen und stattdessen die Umweltspur bauen, um ein Dieselfahrverbot zu verhindern und die Salzbachtalbrücke wurde gesperrt“, sagt Schmidt. „Wir leiten also im Moment den Verkehr einer Autobahn zusätzlich mit durch Wiesbaden.“ Das sei eine starke Belastung für den Innenstadt-Verkehr. „Hätten wir nicht die technischen Möglichkeiten durch DIGI V gehabt, wären die Auswirkungen wahrscheinlich noch fataler gewesen. So können wir immerhin eine gewisse Menge an Verkehr durch die Stadt leiten.“

Weniger grüne Wellen durch mehr Verkehr und flexible Schaltung

Denn die Ampeln ließen sich jetzt viel flexibler steuern. Sie könnten auf solche Veränderungen besser und schneller reagieren als die alten Ampeln, die immer im selben Rhythmus schalteten. Das heißt, die mit Sensoren ausgestatteten Ampeln erkennen die Menge an Autos, Bussen und Radfahrern und geben dort längere Grünphasen, wo viel los ist, um den Verkehr möglichst schnell durch die Stadt zu leiten. Wo wenig los ist, ist entsprechend länger rot.

Das sind dann allerdings die fehlenden grünen Wellen, die die Wiesbadener beklagen. „Flexibilität bedeutet natürlich auch, dass meine starre grüne Welle teilweise nicht mehr gegeben ist“, sagt Schmidt. „Weil die Ampeln früher unabhängig vom Verkehr immer gleich geschaltet waren, konnte man sich als Autofahrer darauf verlassen, dass eine bestimmte Anlage immer grün zeigt, wenn man beispielsweise um 10:47 Uhr da ist. Das ist jetzt nicht mehr so und das merken die, die jeden Tag die gleiche Strecke fahren.“ Das heiße nicht, dass es mit DIGI V keine grünen Wellen mehr gebe, aber durch den vielen Verkehr, der aktuell durch die Innenstadt fließt, sei das zu Spitzenstunden kaum möglich. Ziel sei es in Zeiten, in denen der Verkehr halbwegs abwickelbar sei, dafür zu sorgen, dass die Fahrzeuge in der Stadt möglichst selten anhalten müssen. Dabei sollen auch die Pförtnerampeln helfen.

Fußgänger leiden zu Spitzenzeiten

Die flexible Schaltung wirke sich dabei nicht nur auf den Autoverkehr aus, sondern auch auf die Fußgänger – gerade dann, wenn viele Autos in der Stadt unterwegs sind. „Der Fußgänger muss, wenn er ganz ungünstig kommt, ungefähr eine knappe Minute warten. Und das ist ein Ärgernis“, sagt Schmidt. „Man könnte natürlich sagen: ‘Ihr habt doch die Pförtnerampeln, pförtnert doch soweit runter, dass die Fußgänger wieder über den 1. Ring kommen’. Die Frage ist nur, bis wohin sich dann die Autos stauen.“ Man versuche jetzt, ein Gleichgewicht für alle Verkehrsteilnehmer zu finden, zumindest bis die Salzbachtalbrücke wieder befahrbar ist. Wenn dann nicht noch mehr Menschen mit dem Auto fahren, sollte sich die Situation wieder etwas entspannen.

DIGI V nicht Lösung für alle Probleme

Dass viele Wiesbadener nach der Inbetriebnahme von DIGI V nicht mit dem bisherigen Ergebnis zufrieden sind, kann Schmidt nachvollziehen. Das liege aber vor allem daran, dass das System kein Allheilmittel sei: „DIGI V ist zunächst einmal ein technischer Werkzeugkoffer und nicht die Lösung aller Probleme. Das haben wir vielleicht nicht offensiv genug kommuniziert“, erklärt Schmidt. „Viele dachten, das Projektende hieße, wir seien jetzt fertig und alles läuft. Aber das ist definitiv etwas, das niemals so gedacht war und auch gar nicht möglich gewesen wäre.“

„Wir werden uns, was unsere Mobilitätsgewohnheiten angeht, die Frage stellen müssen, welche Prioritäten wir setzen möchten.“ - Rolf Schmidt, Projektleiter

Mit DIGI V habe man jetzt grundsätzlich viele Möglichkeiten geschaffen. „Die Anwendungsbereiche sind vielfältig und unbegrenzt. Jetzt kommt es darauf an: Was machen wir damit.“ Das setze Entscheidungen und Beschlüsse der Politik darüber voraus. „Wir werden uns, was unsere Mobilitätsgewohnheiten angeht, die Frage stellen müssen, welche Prioritäten wir setzen möchten. Da kann DIGI V helfen und unterstützen, aber das grundsätzliche Problem des Verkehrs kann DIGI V alleine nicht lösen.“

System lernt dazu

In Zukunft soll das System von Tag zu Tag dazulernen. Aktuell läuft zum Beispiel an 16 Anlagen ein Pilotprojekt, bei dem die Ampeln mit Rettungswagen und Feuerwehr kommunizieren können, um den Weg schnell freizumachen, damit die Einsatzkräfte besser durch den Verkehr kommen. „Das können wir dann auf weitere Anlagen ausdehnen“, so Schmidt. Auch die dynamischen Verkehrsschilder in der Stadt sollen noch besser eingebunden werden. Künftig könnten dort auch bei Unfällen Umleitungsempfehlungen angezeigt werden.

„Wir haben in den nächsten Jahren also gut zu tun.“

Das Ziel der nächsten Monate und Jahre sei, die vorhandene Steuerung weiter zu verbessern und wichtige Anlagen, die noch mit Kopien der alten Steuerung laufen, auf die neue umzustellen. Das betreffe zum Beispiel auch noch einen Teil der Ampeln auf dem 1. Ring. Wie schnell das gehe, liege daran, welche Prioritäten die Politik setze. „Es ist aber in jedem Fall ein Prozess von Jahren, bis alle Anlagen die neue Steuerung haben. Wir haben in den nächsten Jahren also gut zu tun.“

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