Ist die Vorauslese der Patienten in der Hautarztpraxis im Medicum rechtens?

Wer einen Termin beim Hautarzt im „Medicum“ Wiesbaden vereinbaren will und gesetzlich versichert ist, braucht Geduld. Eine Bandansage trennt schon beim ersten Anruf in der Praxis privat von gesetzlich Versicherten.

Ist die Vorauslese der Patienten in der Hautarztpraxis im Medicum rechtens?

Nur mal schnell in der Dermatologie des „Medicum“ Wiesbaden anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Das war Georgs Plan. Doch schon nach kurzer Zeit stellte sich das für den Merkurist-Leser als Odyssee heraus. Denn er kam gar nicht erst durch. Der Grund: eine Bandansage in der Praxis, die ihn dazu aufforderte, die „2“ auf der Telefontastatur zu drücken, wenn er gesetzlich versichert ist und die „3“, wenn er privat versichert ist. Darf die Hautarztpraxis ihre Patienten auf diese Art vorauswählen?

Patienten erster und zweiter Klasse?

Georg fühlt sich ungerecht behandelt. Er selbst ist Kassenpatient, drückte nach der Bandansage also folgerichtig die „2“. „Jetzt habe ich am Telefon erfahren, dass es Patienten erster Klasse und Patienten zweiter Klasse gibt“, sagt er. Privatpatienten würden direkt an die Praxis weitergeleitet und bedient, Kassenpatienten müssten ihren Namen und ihre Telefonnummer auf ein weiteres Band sprechen.

Und tatsächlich: Im Merkurist-Versuch ertönt beim Anruf eine Bandansage. Mittels Telefon muss der Anrufer zunächst auswählen, ob er einen Termin absagen möchte oder ein Rezept benötigt und entsprechend die „1“ wählen. Wenn der Anrufer bereits Patient ist, soll er die „2“ wählen, wenn er bisher noch nicht in der Praxis war, die „3“. Wählt der Anrufer die „3“, ertönt eine weitere Bandansage. Wer berufsgenossenschaftlich versichert ist, soll die „1“, wer gesetzlich versichert ist die „2“, und wer privat versichert ist, soll die „3“ drücken.

Keine Rückmeldung

Georg Koch drückte innerhalb von zwei Tagen mindestens dreimal die „2“. „Habe mein Anliegen, Namen und meine Telefonnummer schon dreimal auf Band hinterlassen, aber es passiert nichts!“, ärgert er sich. Daraufhin habe er die „3“ probiert, obwohl er nicht privat versichert ist, und wurde unmittelbar in die Praxis durchgestellt. Das machte Georg noch wütender. Und auch Leserin Rebecca ist sauer: „Und wieder werden die mit genügend Geld bevorzugt“. Doch ist das Vorgehen der Praxis rechtens?

20 Stunden in der Woche für Kassenpatienten

„Grundsätzlich ist es zulässig, eine solche Vorauslese zu machen.“ - Ewald Roth, Rechtsanwalt

Ja, das ist es, wie Ewald Roth, Rechtsanwalt in der Kanzlei Roth in Wiesbaden erklärt: „Grundsätzlich ist es zulässig, eine solche Vorauslese zu machen.“ Das Gesetz schreibt Ärzten vor, die Kassen- und Privatpatienten behandeln, mindestens 20 Stunden pro Woche für gesetzlich Versicherte freizuhalten — obwohl Schätzungen zufolge 90 Prozent der Patienten gesetzlich und nur zehn Prozent privat versichert seien, sagt Roth. „Aufgrund der Berufsfreiheit der Ärzte ist es aber zulässig, den größeren Anteil der Stunden an Privatpatienten zu vergeben.“ Auch über eine Bandansage sei das erlaubt. Außerdem gelte die Regelung nicht nur für die Behandlung, sondern auch schon für die Vergabe von Terminen und werde von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die die Ärzte vertritt, auch toleriert.

Organisatorische Abläufe

Merkurist-Leser Aaron meint, das sei inzwischen normal und gerade bei Hautärzten oft der Fall. Ein anderer Leser schiebt es auf das deutsche Gesundheitssystem: „Wenn ein Arzt für eine Untersuchung zehn Euro von der gesetzlichen Krankenkasse bekommt, dann kann man auch nicht viel erwarten“, schreibt er. Seiner Meinung nach solle der Arzt dann auch ehrlich genug sein, seine Kassenzulassung zurückzugeben und nur Privatpatienten zu behandeln. „Umsonst haben wir qualifizierte Ärzte, wenn ihr Wissen für Privatpatienten vorbehalten ist!“, schreibt der Leser weiter.

„Wir reden hier nicht über Unterschiede in der medizinischen Behandlung, sondern im Service oder Komfort.“ - Sprecher Kassenärztliche Vereinigung Hessen

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat allerdings Verständnis: „Bei der Aufteilung der Patienten geht es nur um organisatorische Abläufe innerhalb der Praxis“, sagt ein Sprecher. Aus seiner Sicht gibt es auch keinen Grund, warum sich ein Kassenpatient dagegen wehren sollte: „Wir reden hier nicht über Unterschiede in der medizinischen Behandlung, sondern möglicherweise im Service oder Komfort.“ Sollte ein gesetzlich versicherter Patient hingegen feststellen, dass die gleiche medizinische Leistung bei ihm schlechter ausgeführt wurde als bei einem privat Versicherten, dann gäbe es sicherlich Anlass zur Klage. (js/nl)

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