Wie das legendäre „Café Orient“ aus Wiesbaden verschwand

Unter den Eichen war das „Café Orient“ in den 1920er Jahren ein Treffpunkt für die vornehme Gesellschaft. 1964 wurde das auffällige Gebäude abgerissen. Was bleibt sind Erinnerungen an gute und schwere Zeiten.

Wie das legendäre „Café Orient“ aus Wiesbaden verschwand

Anfang des 20. Jahrhunderts zogen immer mehr Menschen nach Wiesbaden. Das historische Fünfeck entstand, die Nerobergbahn wurde gebaut und viele der heute charakteristischen Villen fingen an, das Stadtbild zu prägen. Wiesbaden entwickelte sich zur Weltkulturstadt, wurde zur „Stadt des Historismus“.

In dieser für Wiesbaden wichtigen Zeit eröffnete das „Café Orient“ in der Straße Unter den Eichen. Das von Alfred Georgi, dem ehemaligen Hofkoch von Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegebene Kaffeehaus sollte später eines der beliebtesten Ausflugsziele der feinen Wiesbadener Gesellschaft werden. Heute, 119 Jahre später, ist von dem imposanten Bauwerk nichts mehr übrig. Ein Blick in die Geschichte.

Imposante Architektur, schneller Verkauf

Drei markante moscheeartige Kuppeltürme prägten den Bau, der an Bilder aus 1001 Nacht erinnerte. Die Fassade war mit verschiedenfarbigen Klinkern und bläulichen orientalischen Verzierungen geschmückt. Fenster und Ornamente am Gebäude zeigten gezackte Arkaden in Form von Eselsrücken und Hufeisen. Der arabisch-maurische Stil erinnerte an die Alhambra im spanischen Granada, er sollte zur Synagoge am Michelsberg passen und den Zeitgeschmack des Historismus treffen. Für Alfred Georgi war das Café Orient ein Lebenstraum, den er sich nach seiner Pensionierung am nördlichen Stadtrand oberhalb der Villengebiete erfüllte.

Nach seiner Einweihung am 29. März 1900 wurde das Café schnell zum Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft. Man saß auf der Terrasse mit Rheinblick, blätterte durch die Zeitung und genoss einen heißen Mokka. Doch trotz des Erfolgs wurde schnell klar: Georgi hatte sich mit seinem Lebenstraum übernommen. Er konnte die Hypothekenschuld in Höhe von 180.000 Mark, die auf dem Grundstück lastete, nicht zurückzahlen. Daraufhin wurde das Haus zwei Mal verkauft. Erst nachdem der Erste Weltkrieg ausbrach, geriet das Café wieder in Hände, die es zu einer neuen Blüte führen sollten.

Familie Richefort erweckte das Café wieder zum Leben

Für 150.000 Mark kaufte der aus dem Elsass stammende Hotelfachmann Georges Richefort das prachtvolle Gebäude und belebte es gemeinsam mit seiner Frau Lina wieder. Dem Paar kamen die stationierten französischen Besatzungsgruppen zu Gute, die gerne in das Café gingen. Im Laufe der Goldenen Zwanziger wurden dort Bälle und rauschende Feste gefeiert. Das Etablissement kam sogar so gut an, dass Richefort überlegte, einen zusätzlichen Ballsaal für 1000 Personen zu errichten. Doch dann kam ein Rückschlag, von dem sich das Haus nicht mehr erholen konnte. Die Wirtschaftskrise zwang Richefort 1929 dazu, Konkurs anzumelden. Das Haus wurde zunächst geschlossen und wieder verkauft.

Bei seiner Wiedereröffnung unter einem anderen Besitzer fehlte dann das Geld, um das Haus zu sanieren. So verkleinerte sich das Café über die Jahre immer weiter. Irgendwann zogen ein Kostümverleih, ein Schädlingsbekämpfer und eine Ballettschule ein. Als der Besitzer schließlich starb verkauften die Erben das Gebäude an eine Grundstücksgesellschaft. Der 16. April 1964 markierte dann das Ende der Geschichte des historischen Gebäudes. Das Café wurde abgerissen und durch ein achtgeschossiges Wohnhaus ersetzt, das heute noch in der Straße Unter den Eichen 2 steht.

Enkel der Richeforts will Erinnerung beibehalten

Doch die Geschichte des „Café Orient“ soll auch 55 Jahre nach seinem Abriss nicht in Vergessenheit geraten. Bernd Richefort, Enkel von George und Lina Richefort setzt sich dafür ein, dass das Café ein Stück Stadtgeschichte bleibt. In einer großen Sammlung bewahrt er Postkarten, Fotos, Dokumentationen und Zeitungsberichte über das Café auf. Gemeinsam mit dem Modellbaubetrieb „Mini-a-Thür“ in Ruhla bei Eisenach hat er einen Teil des „Café Orients“ sogar im Maßstab 1:25 nachbauen lassen. Aktuell fehlt noch das Außengelände.

An seinen Zeitzeugnissen will er die Öffentlichkeit auch teilhaben lassen. Auf seiner Website finden Interessierte viele Informationen über das Café. Im vergangenen Jahr hat er außerdem einen Schaukasten am Kranzplatz angebracht, der die Geschichte des Café Orients und der Familie Richefort in Bildern, Postkarten und Andenken zeigt. Außerdem entsteht gerade ein Buch über die Geschichte des Kaffeehauses. Die gesammelten Café-Orient-Exponate und das fertige Modell des Hauses sollen zukünftig im Wiesbadener Stadtmuseum zu sehen sein. (js)

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