Mausefallen, Aufzüge, Öl - Wie Dotzheim zur Industriehochburg wurde

Als der Dotzheimer Bahnhof eröffnet wurde, ließen sich viele bedeutende Unternehmen im heutigen Wiesbadener Stadtteil nieder. Die Geschichte eines Industriegebiets.

Mausefallen, Aufzüge, Öl - Wie Dotzheim zur Industriehochburg wurde

Heute ist Dotzheim ein eher ruhiger, kulturell geprägter Stadtteil Wiesbadens. Doch noch vor hundert Jahren entwickelte sich rund um den 1889 eröffneten Bahnhof ein echtes Industriegebiet. Wegen des direkten Gleisanschlusses zog es immer mehr bedeutende Unternehmen auf die Flächen rund um den Bahnhof. Aus diesem neuen Industriegebiet sind sogar Erfindungen wie die erste automatische Mäusefalle und weltweite Exportschlager hervorgegangen.

Bühnentechnik aus Dotzheim

Die „Maschinenfabrik W. Philippi“, später „Maschinenfabrik Wiesbaden GmbH“, erkannte das Potenzial des Standorts als erstes. Im Dotzheimer Museum ist die lange Geschichte des Industriegebiets festgehalten. So kauften die Inhaber 1894 das Grundstück, auf dem heute zwischen Westcenter und Rudolfstraße Eigentumswohnungen gebaut werden (wir berichteten). Auf 50.000 Quadratmetern stellten die rund 700 Mitarbeiter unter anderem Bühnenmaschinerien, Heizungen, Aufzüge, Kräne und Treppen her.

Die Maschinenfabrik war für die gesamte Bühnentechnik des Wiesbadener „Königlichen Hoftheaters“ und für die Heizungsanlagen des städtischen Krankenhauses sowie des Theaterfoyers verantwortlich. Außerdem hatte das Unternehmen Geschäftsbeziehungen in ganz Europa und Südamerika. Es gab sogar eine eigene Wassergewinnungsanlage, an die zeitweise ein Teil des Dotzheimer Ortsnetzes angeschlossen war.

Die erste automatische Mäusefalle

Nicht weniger bedeutend war auch die zweite Firma, die die Fläche zum Industriegebiet machte. Kurz nach der Eröffnung der Maschinenfabrik zog es den Sonnenberger Schreiner und Erfinder Carl Bender an den Dotzheimer Bahnhof. Im Juli 1896 eröffnete er seine große „Holz- und Blechbearbeitungsfabrik Carl Bender“ neben der Maschinenfabrik in der Rudolfstraße und entwickelte dort mehrere patentreife Erfindungen.

Seine wohl wichtigste Erfindung war die erste „Automatische Mäuse- und Rattenfalle“, die in ganz Europa verkauft wurde. „Uns hat sogar ein Sammler aus den USA besucht, den die Mausefallen von Carl Bender faszinieren“, erinnert sich Bernd Blaudow vom Heimatmuseum Dotzheim, in dem einige Mausefallen ausgestellt werden. Bender entwickelte außerdem eine Kittmaschine, Fliegenfänger, Käferfallen, Obstpressen und Wäschetrockner.

1900 bezog auch die „Möbelfabrik Adolph Dams“ ein Grundstück entlang der Bahnlinie südlich der Straße in Richtung Wiesbaden. Das 1808 als Tapeziergeschäft gegründete Unternehmen spezialisierte sich später auf den Bau von Möbeln und wurde zum Hoflieferanten des Großherzogs von Luxemburg.

Metallverschlüsse für Bier und Wein

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden in England und Frankreich die ersten Metallkapselfabriken. Damals war es noch nicht üblich, Getränkeflaschen mit Metallverschlüssen zu versehen. Eine der ersten Fabriken in Deutschland war die „Wiesbadener Staniol- und Metallkapselfabrik A. Flach“. Deren Werksführer Georg Pfaff machte sich mit einer eigenen Firma selbstständig und zog 1903 in das Industriegebiet am Bahnhof.

Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern stellten die über 200 Mitarbeiter Flaschenverschlüsse für Wein-, Bier- und andere Getränkeflaschen her. Die Verschlüsse wurden in Handarbeit lackiert und in alle Welt verschickt. Bis zum Ersten Weltkrieg zählte die Firma zu den bedeutendsten Unternehmen der Branche.

Speiseöl aus der Ölmühle

Am 12. Juni 1909 kaufte dann der Ölmüller Philipp Lorenz Fauth ein weiteres Grundstück in dem Industriegebiet und eröffnete die „Wiesbadener Ölmühle Philipp L. Fauth“ als „Fabrik zur Herstellung feinster Speiseöle.“

Im November 1921 passierte jedoch ein folgenschweres Unglück. Ein Benzintank explodierte, wobei die Ölmühle in sich zusammenbrach. Dabei starben sieben Personen und über 60 weitere der rund 100 Mitarbeiter wurden verletzt. 1922 zog das Unternehmen in die ehemalige Steinmühle in der Mainzer Straße um.

Auch die „Linnenkohlsche Ziegelei“ und „Schneider Kälte- und Klimatechnik“ finden in Büchern Erwähnung, werden aber nicht zu den bedeutendsten Unternehmen des Gebiets gezählt.

Letzte Erinnerungen

Im Laufe des 20. Jahrhunderts mussten die Fabriken im Industriegebiet allerdings nach und nach schließen. Die „Staniol- und Metallkapselfabrik Georg Pfaff“ machte wegen hoher Konkurrenz und der Krise nach dem Ersten Weltkrieg im Juni 1948 dicht. Die als Arbeitgeber besonders wichtige „Maschinenfabrik Wiesbaden GmbH“ hielt noch einige Jahre durch, ging aber 1975 wegen finanzieller Schwierigkeiten in Konkurs.

„Ein paar Jahre lang saß dann die Firma Heimann GmbH in den Hallen“, erinnert sich Bernd Blaudow. Die Firma stellte unter anderem Röhren für Fernsehbildaufnahmen her. Heute produziert sie unter dem Namen „Smiths -Heimann GmbH“ Gepäckprüfanlagen und Körperscanner.

In den 80er Jahren wurden dann fast alle Fabrikhallen der „Maschinenfabrik Wiesbaden GmbH“ abgerissen. An das Industriegebiet erinnert heute nur noch eine alte übrig gebliebene Werkhalle der Fabrik. In der Rudolfstraße, dort wo die anderen Unternehmen saßen, befinden sich heute Wohnhäuser. Und die damals so wichtige Bahnstrecke wurde 1989 stillgelegt. Später fuhr dort zumindest noch die „Nassauische Touristik-Bahn“, um die landschaftlich schöne Strecke von Dotzheim über Bad Schwalbach bis nach Hohen­stein als Museums- und Touristik­bahn zu erhalten.

Wer mehr über das Dotzheimer Industriegebiet erfahren will, findet in der Dauerausstellung des Dotzheimer Museums jede Menge Infos und Bilder zu den verschiedenen Firmen. Das Museum hat Mittwochs von 17 bis 19 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. (js)

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