Silvester auf der Palliativstation: „Um Mitternacht stoßen wir an“

Vladislav Golyschkin arbeitet auf der Palliativstation der Helios HSK in Wiesbaden und verbringt Silvester jedes Jahr mit Menschen, die todkrank sind. Merkurist erzählt er, wie das ist und wie schwer die Pandemie seine Patienten trifft.

Silvester auf der Palliativstation: „Um Mitternacht stoßen wir an“

„Es ist eine ganz besondere Stimmung auf Station“, sagt Vladislav Golyschkin. Der 32-Jährige ist Stationsleiter der Palliativstation der Helios HSK in Wiesbaden und jedes Jahr an Silvester im Dienst – so auch dieses Jahr. Auf seiner Station liegen Menschen, die todkrank sind und nicht mehr gesund werden. Für viele von ihnen ist es der letzte Jahresumschwung, den sie erleben – und Vladislav Golyschkin verbringt ihn gerne mit ihnen. Die Corona-Pandemie erschwert die Situation aber sehr, wie er Merkurist erzählt.

Um Mitternacht wird angestoßen

„Die Menschen machen sich auf unserer Station Gedanken über das Leben und das Sterben. Viele sind dankbar für die Zeit, die ihnen noch gegeben ist, beziehungsweise für ihr Leben“, beschreibt der Gesundheits- und Krankenpfleger die Stimmung an Silvester. Manche der Patienten würden auch an negative Erlebnisse zurückdenken, es sei aber nicht so, dass alle in eine depressive Stimmung verfallen. Stattdessen habe man ein gemeinsames Ritual. „Um Mitternacht stoßen wir mit den Patienten an. Und dazu kommt die schöne Aussicht auf Wiesbaden in der Nacht, auch wenn dieses Jahr kaum Feuerwerk zu erwarten ist.“

Schon an Weihnachten beginne man jedes Jahr damit, es den Patienten schön zu machen. Die Palliativstation wird dann weihnachtlich geschmückt, von der Decke hängen bunte Weihnachtssterne, im Gang steht ein Weihnachtsbaum. Die Patienten bekommen Schoko-Nikoläuse und im Team wird gewichtelt. „Beim Wichteln machen alle Kolleg:innen mit, vom Arzt, über die Krankenschwester bis zur Psychologin oder dem Physiotherapeuten.“

„Das war wie ein zweites Leben schenken. Das werde ich nie vergessen.“ – Vladislav Golyschkin, Stationsleiter

An Weihnachten arbeitet Vladislav Golyschkin so gut wie nie. Als Vater von zwei Kleinkindern ist es ihm wichtig, an Weihnachten freizuhaben. Da man auf der Station wählen könne, ob man an Silvester oder Weihnachten Dienst hat, gehe sein Wunsch auch meist in Erfüllung. In diesem Jahr übernimmt er die Frühschicht an Silvester und Neujahr. Stationsleiter der Palliativstation ist der 32-Jährige erst seit 2020, doch schon auf früheren Stationen übernahm er immer den Dienst an Silvester, meist sogar die Nachtschicht, und hat dabei vieles erlebt. „In einem Silvesterdienst auf meiner früheren Station ist genau um Mitternacht ein Patient kollabiert, den ich zum Glück reanimieren konnte“, sagt er. „Das war wie ein zweites Leben schenken. Das werde ich nie vergessen.“

Corona-Regeln machen es schwer

Bei all den schönen Momenten auf der Stationen gibt es eine Sache, die die Situation nicht nur an Feiertagen erschwert: die Pandemie. Zwar gibt es für die Palliativstation eine Ausnahme vom Besuchsverbot, es ist aber trotzdem nur eine Begleitperson pro Zimmer erlaubt. „Vor Corona war es üblich, dass zum Beispiel Großfamilien in unserem Wohnzimmer Weihnachten oder Silvester mit ihrem Angehörigen gefeiert haben. Es ist ja meist das letzte Weihnachten für unsere Patienten“, erklärt Golyschkin. Das ist nun nicht mehr möglich.

„Das ist schon belastend, wenn das menschliche Miteinander so eingeschränkt ist.“

Auch die Arbeit der Pfleger habe sich verändert. „Für uns gelten besondere Hygiene- und Abstandsregeln, da unsere Patienten schwer krank sind“, sagt der Stationsleiter. Die Mitarbeiter müssen auch eine FFP2-Maske tragen. „So ist es auch nicht mal mehr möglich, einen Angehörigen oder Patienten in den Arm zu nehmen und zu trösten. Das ist schon belastend, wenn das menschliche Miteinander so eingeschränkt ist.“

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