Wiesbadener Kult-Praline: Die Geschichte hinter dem Ananastörtchen

Als Spezialität aus Wiesbaden ist es heute international bekannt: Das vor rund 120 Jahren kreierte Ananastörtchen ist der Verkaufsschlager der Konfiserie Kunder. Kürzlich gelangte die Praline sogar bis nach Afrika und auch nach Übersee.

Wiesbadener Kult-Praline: Die Geschichte hinter dem Ananastörtchen

Nürnberg hat seine Lebkuchen, Salzburg die Mozartkugeln und Wiesbaden seine über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Ananastörtchen. Schon seit 1903 werden sie von der Firma Kunder hergestellt und der Begriff „Original Wiesbadener Ananastörtchen“ ist sogar mit einem Patent geschützt. Warum es dennoch „eine Ehre ist, nachgemacht zu werden“, das Ananastörtchen lange Zeit Bestandteil der Konditorenausbildung in Deutschland war und warum das Dessert sogar bis nach Afrika gelangte, erzählt der Urenkel des Erfinders und heutige Geschäftsführer der „Fritz Kunder GmbH“, Jürgen Brand, im Gespräch mit Merkurist.

Damals seltene und wertvolle Zutaten im Törtchen

Treibende Kraft hinter der international bekannten Praline aus Marzipan und Ananas, die auf einem nougatgefüllten und in Zartbitter-Schokolade getauchten Waffelboden basiert, ist eine Frau. Genauer gesagt Brands Urgroßmutter Hermine. „Wie sich die Familie erzählt, hat sie ihren Mann Fritz dazu gedrängt, mal etwas Besonderes für Wiesbaden zu entwickeln.“ Denn zu der Zeit seien sehr viele prominente Besucher zur Kur in Wiesbaden gewesen. Und da sei es wohl nahe gelegen, sich an den Rohstoffen zu bedienen, die 1903 besonders selten, wertvoll und begehrt waren, sagt Brand. „Nougat und Marzipan waren rar und ausgesprochen beliebt und Ananas war im wahrsten Sinne des Wortes eine exotische Frucht, die kaum bekannt war.“

Es habe sicher eine Weile gedauert, bis Fritz Kunder die endgültige Rezeptur gefunden hatte, aber sie hat sich bis heute behauptet. „Wir haben etliche Versuche mit anderen Früchten gemacht und sind immer wieder bei der Ananas gelandet, weil sie am besten mit den anderen Bestandteilen harmoniert.“ Wichtig bei der Rezeptentwicklung sei seinem Urgroßvater auch gewesen, dass das Törtchen verschickt beziehungsweise mitgenommen werden konnte, sagt Brand. „Damit war es das ideale Geschenk für die Daheimgebliebenen.“

Praline gelangte bis nach Afrika

Dass das Ananastörtchen einen hohen Stellenwert innerhalb der Branche besitzt, sieht man auch an folgender Tatsache: „Die Wiesbadener Ananastörtchen waren lange Bestandteil der Konditorenausbildung“, sagt Brand. Erst kürzlich habe er einen Chocolatier aus Hamburg kennengelernt, der begeistert gewesen sei, den Urenkel des Erfinders der Ananastörtchen kennenzulernen. Wie der Hamburger erzählte, habe er in seiner Konditor-Gesellenzeit viele Hunderte Törtchen hergestellt.

Auch verschiedene prominente Leute haben die Ananastörtchen schon probiert. „Aus der Neuzeit praktisch jeder Oberbürgermeister Wiesbadens, Jehudi Menuhin, Joachim Kuhlenkampf, Claus Kleber, zum Beispiel.“ Worauf Brand aber am meisten stolz ist, sind die Kakaofarmer der Elfenbeinküste, denen er bei einem Besuch letztes Jahr vor Ort Ananastörtchen als Gastgeschenk mitgebracht habe. „Man schätzt das ja vielleicht falsch ein, aber dort, wo der Kakao herkommt, ist Schokolade eher eine Seltenheit“, sagt Brand. Zum einen sei er für viele unerschwinglich teuer, zum anderen unter den klimatischen Bedingungen kaum zu transportieren oder aufzubewahren. „Da habe ich mich schon sehr gefreut, wie gut die Törtchen dort ankamen.“

Internationaler Versand des Törtchens

Rund 30.000 Ananastörtchen im Jahr produziert Kunder mittlerweile. „Als Einzelprodukt ist unser Wiesbadener Ananastörtchen einer der wichtigsten Artikel unseres Stammhauses in der Wilhelmstraße.“ Allerdings werde es dann saisonbedingt auch zeitweilig überholt, zum Beispiel von Ostereiern oder den zahlreichen Weihnachtsgeschenkideen. Große Aufmerksamkeit habe auch 2014 die „Oranje-Praline“ erzeugt, die Kunder anlässlich des Besuchs des Niederländischen Königspaares entwickelt habe.

Das Ananastörtchen selbst bleibt aber auch weiterhin international gefragt, wie Brand erzählt. „Wir haben immer wieder auch Nachfragen von ‘Exil’-Wiesbadenern, die sich die Törtchen in die USA oder in die umliegenden Nachbarländer schicken lassen.“ Auch eine befreundete Pralinenproduzentin in Neuseeland habe zuletzt welche bekommen. „Die halbe Welt haben sie also sicher umrundet.“

Logo