(K)eine Studentenkneipe seit 1984

Seit über 30 Jahren gibt es das Café Klatsch im Rheingauviertel. Einst gegründet als Selbstverwaltungsbetrieb, ist es bis heute genau das: ein Ort der Zusammenarbeit. Als das Ende seiner Ära drohte, zeigten sich viele Wiesbadener solidarisch.

(K)eine Studentenkneipe seit 1984

Die Schilder an der Eingangstür in der Marcobrunnerstraße sehen aus wie selbstbemalt und der Zigarettenautomat ist von unzähligen Aufklebern bedeckt: Das Café Klatsch & Kneipe sieht nicht so aus, als ob sich ein klassischer „Spießbadener“ hierher verirren würde. Oder doch? Erwünscht ist er allemal. Ob die Oma aus dem Viertel, Alternative, Studenten, Rentner, Kaffeeliebhaber oder Mainzer - sie alle sind im selbstverwalteten Betrieb der 1980er-Jahre gerne gesehen.

![cd7e2b36-79c3-4606-a46a-77ae441c0ad6]

„Wir sind keine Studentenkneipe. Zwar kommen viele Studenten hierher, aber wir heißen hier jeden willkommen“, sagt Mitbegründer Rainer, „außer Unruhestifter, die werden höflich gebeten, das Café zu verlassen.“ Wer kaum noch auf den Beinen stehen kann, dem werde hier auch nicht weiter nachgeschenkt, so Rainer. Er ist von Beginn an dabei und bezeichnet diesen Ort als ein großes Wohnzimmer.

Selbstverwaltung seit 30 Jahren

Anfang 1980 entschieden sich einige Alternative, ihrer Arbeitsroutine zu entfliehen und gemeinschaftliche Projekte zu starten. So auch in Wiesbaden: Rainer und weitere Mitbegründer stellten das Café Klatsch auf die Beine. Schon damals war es mehr als nur eine Kneipe. Hier wurde debattiert, gehandwerkt und geklatscht - bis heute.

Als der Laden 1984 Eröffnung feierte, ahnte keiner, dass er über die nächsten 30 Jahren zu einer wichtigen Anlaufstelle werden würde - sowohl bei der linken Szene als auch bei etlichen anderen. „Ein ähnlicher Ort entstand in Mainz, der hielt sich aber nur wenige Jahre“, erzählt Rainer. „Bei uns sind bereits die Kinder ehemaliger Mitarbeiter tätig, wir haben Stammgäste, die seit Jahren kommen - und die Omi von nebenan schaut vorbei oder schenkt uns einfach mal zwei alte Sessel.“ Eingerichtet ist das Café auch mit Möbeln vom Sperrmüll - und mit eben solchen Spenden.

![1863c3b7-fddf-4e85-ad7a-0e76478bbb3b]

Solidarische Kurstädter

So wurde das „Klatsch“ in Wiesbaden zur Institution. „Vielleicht gerade, weil wir keine Studentenstadt sind. Das macht diesen Ort vermutlich umso spannender und wertvoller“, verrät Mario, einer der Betreiber. „Außerdem haben wir hier eine ganz schön coole und vernetzte Szene.“ Damit verweist er auf das kollegiale Miteinander seitens des Schlachthofs, des Sabots, des Kulturpalasts und der Kreativfabrik.

Wie cool diese Szene tatsächlich ist, überraschte auch die Betreiber. Als der Vermieter die Café-Räumlichkeiten verkaufen wollte, schien die Existenz des „Klatschs“ gefährdet zu sein. „Wir bekamen Panik“, so Rainer. Doch viele Helfer - aus Wiesbaden und von fern - brachten gemeinsam die Kaufsumme zusammen. „Das hätten wir nie erwartet.“ Heute gehört der erworbene Altbau einem Verein, der hierfür gegründet wurde. „Es soll sich damit keiner bereichern“, betont der Verantwortliche. So zahlen sie gleiche Löhne aus und investieren Überschüsse in Projekte.

![de2ebe58-bc29-4049-9de3-445ef1f0bb3e]

Geist vergangener Zeiten

Ganz so heiß debattiert wie früher werde im „Klatsch“ nicht mehr. „Das hängt mit dem Zeitgeist zusammen“, sagt Rainer, „wir leben nun mal nicht mehr in den 80ern.“ Dennoch setzt dieser Ort nach wie politische Impulse. „Bei unserer Veranstaltung zu Griechenland und der Bankenkrise standen die Leute bis draußen vor den Fenstern“, so Mario, „und demnächst soll es eine zum Thema Türkei geben.“

So kritisch es hier zugeht, so ausgiebig wird auch gefeiert: Zum Beispiel feiert die Kneipe der anderen Art regelmäßig ihren Geburtstag. Alle fünf Jahre artet das in ein großes Straßenfest aus. Auf die Frage, ob die Anwohner sich beschweren, sagt Rainer: „Nein, die meisten sind ja da.“ Und der Rest denkt sich wohl, es ist halt eben das „Klatsch“ - und das gibt es nun mal schon seit 1984.

![a09ae881-b0c4-46e6-a9e3-41eb3c2929f3]

Logo