Wiesbaden steht vor der größten ÖPNV-Reform seit Jahrzehnten. Ab dem 3. Oktober 2027 wird das gesamte Busnetz der Stadt umgekrempelt. Das über 60 Jahre alte System wird durch eine komplett neue Struktur ersetzt, die mehr Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und neue Verbindungen bringen soll. Das kündigten Verkehrsdezernent Marc Dahlen (CDU) und ESWE-Verkehr-Geschäftsführerin Marion Hebding bei einer Pressekonferenz an.
Der Grund für den radikalen Schnitt: Das historisch gewachsene Netz sei an seine Grenzen gestoßen. Insbesondere in der Innenstadt, wie etwa in der Kirchgasse, stehen sich die Busse oft gegenseitig im Weg, was zu Verspätungen im gesamten System führt. Jedes Jahr würden mehr Fährgäste hinzukommen, weshalb eine einfache Anpassung nicht mehr ausreichend gewesen sei. „Wir mussten es von null auf aufbauen, alles andere wäre nur Reparatur gewesen“, erklärte Dahlen. Durch die Liniennetzreform entstehen laut Medienberichten einmalig Kosten von rund 3,2 Millionen Euro.
Metrobusse, Expresslinien und tangentiale Verbindungen
Das neue Netz, das von Grund auf neu geplant wurde, führt verschiedene Linientypen ein. Sogenannte Metrobusse werden auf den Hauptachsen in einem hohen Takt von 15 Minuten verkehren, der zu Stoßzeiten teils weiter verdichtet wird. Expressbusse (X-Linien) sollen die Vororte schneller mit der Stadt verbinden, indem sie Haltestellen auslassen. Zudem wird es neue Tangentialverbindungen geben – Linien, die Stadtteile direkt miteinander verbinden, ohne durch die Innenstadt zu fahren.
Auch der Service in den Randzeiten und in der Nacht soll deutlich ausgebaut werden. Ergänzt wird das Angebot durch On-Demand-Shuttles, die ohne Zusatzkosten für Fahrgäste in das Netz integriert werden. Fahrgäste können Busse mit einer Vorlaufszeit von 30 Minuten in die Vororte quasi „bestellen“. Die Routenführung werde außerdem vereinfacht: Jede Linie soll künftig einen klaren Start- und Endpunkt haben, um die bisherige Verwirrung durch unterschiedliche Endhaltestellen zu beenden.
Ein weiterer Vorteil: „Das neue Netz soll wachstumsfähig sein im Vergleich zu jetzigem System“, sagt Marion Hebding. Konkret könnten die Kapazitäten um 18 Prozent erweitert werden hin zum sogenannten Zielnetz. Das sei unter anderem möglich, da weniger Frequenz auf stark ausgelasteten Strecken in der Innenstadt geplant sei.
Der Preis für mehr Pünktlichkeit
Um das Netz zu entzerren und pünktlicher zu machen, werden nicht mehr alle Linien die zentralen Haltestellen in der Innenstadt anfahren. Für einige Fahrgäste bedeutet das, dass sie künftig umsteigen müssen, wo sie heute noch eine Direktverbindung haben. Die Verantwortlichen sehen dies als notwendigen Preis für ein stabileres und zuverlässigeres Gesamtsystem.
Die Sorge vieler Bürger, es handle sich um eine Sparmaßnahme, wiesen die Verantwortlichen zurück. Trotz weniger Linien blieben die gefahrenen Kilometer zunächst gleich oder würden sogar steigen, so Dahlen. ESWE-Geschäftsführerin Marion Hebding betonte ergänzend: „Werden wir den Takt verschlechtern? Nein, wir werden den Takt verändern!“ Auf einigen Strecken, wie bei der künftigen Metrobuslinie M6, werde der Takt durch eine zusätzliche Linie in der Innenstadt auf siebeneinhalb Minuten verdichtet.
Die Reform wurde eng mit Mainz abgestimmt. So profitieren auch die AKK-Stadtteile von besseren Anbindungen, etwa durch eine direkte Haltestelle am Bahnhof in Kastel. Eine neue Linie über die Schiersteiner Brücke soll zudem Gonsenheim und Biebrich verbinden. Um die Bürger über die weitreichenden Änderungen zu informieren, startet ESWE-Verkehr ab Dezember eine große Informationskampagne.