Optiker, Barber Shops und Co.: Gibt es zu wenig Abwechslung in Wiesbaden?

In Wiesbaden gibt es keinen guten Branchenmix – das finden zumindest einige Merkurist-Leser. Doch ist das wirklich so und was kann die Stadt tun, um neue, spannende Konzepte in die Geschäftswelt der Innenstadt zu holen?

Optiker, Barber Shops und Co.: Gibt es zu wenig Abwechslung in Wiesbaden?

Wer eine neue Brille oder Kontaktlinsen braucht, sollte in der Wiesbadener Innenstadt auf jeden Fall fündig werden: Allein in der Langgasse gibt es sechs Optiker – ein weiterer zieht gerade in die ehemalige WMF-Filiale ein, sodass es schon bald sieben sein werden. Schloss ein Laden in der Einkaufsstraße in den letzten Jahren, folgte auffällig oft ein Optiker. Ein ähnliches Phänomen beobachten Merkurist-Leser in der Bleichstraße. Leser Berol spricht dort von einer „Flut an Barber Shops“, anderen fällt das auch an weiteren Stellen in der Stadt wie in der Wellritzstraße oder in Biebrich auf. Leser Berol fragt sich deshalb, ob es kein Stadtkonzept für mehr Vielfalt in der Wiesbadener Geschäftswelt gibt.

„Wir können nachvollziehen, dass es unterschiedliche Bedürfnisse gibt“, sagt Christian Stettler, Persönlicher Referent des Bürgermeisters, dazu auf Merkurist-Anfrage. Gerade die große Zahl an Optikern sei auffällig. „Jedoch gibt es eine Vielzahl kleinerer Läden und Konzepte, die oft nicht genügend wahrgenommen werden.“ Auch der Industrie- und Handelsverband (IHK) in Wiesbaden findet, es gebe sehr wohl einen guten Branchenmix. „Wiesbaden als Gesamtstadt, aber auch das Wiesbadener Zentrum, verfügen grundsätzlich über einen breiten und ausdifferenzierten Branchenmix im Bereich des Einzelhandels“, sagt Fabian Lauer, Leiter Wirtschaftspolitik. Das zeige sich sowohl beim Bestand nach Branchen als auch bei den Verkaufsflächen. „72,5 Prozent der Einzelhandelsgeschäfte sind zudem inhabergeführt, bei der Gastronomie sind es sogar 75,45 Prozent.“

Mehr spannende Konzepte gefordert

Dennoch zeigte ein Forschungsprojekt zur „Wiesbadener Innenstadt im Wandel“ kürzlich, dass sich viele Händler und Käufer mehr spannende Konzepte und weniger Ketten in der Stadt wünschen. Auch die IHK sieht Herausforderungen für den Handel: „Rückgänge der Sortimentsvielfalt und Leerstände sind letztlich eine Folge von Umsatzrückgängen, die sich wiederum aus einem veränderten Einkaufsverhalten – Stichwort Online-Handel – ableiten“, sagt Fabian Lauer. Als die Ergebnisse des Forschungsprojekts vorgestellt wurden, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende der Monotonie den Kampf an: „Auch wenn die Wiesbadener Innenstadt weiter ein Ort des Einkaufens und Konsumierens bleiben wird und soll, wollen wir einer zunehmenden Monotonie entschieden entgegentreten.“ Aber wie?

Masterplan Innenstadt soll helfen

„Die Stadt Wiesbaden hat im Jahr 2021 den Masterplan Innenstadt verabschiedet“, sagt Christian Stettler. Der Plan enthält über 100 Maßnahmen, um die Innenstadt zu stärken. Er sieht zum Beispiel vor, neue Veranstaltungen und mehr Lokale in der Innenstadt zu etablieren, Kultur zu fördern, leerstehende Gebäude und Räume zur Wiederbelebung aufzukaufen, ÖPNV-Verbindungen zu verbessern und Schlüsselimmobilien zu reaktivieren (wir berichteten). Ist die Innenstadt als Standort attraktiver, könnte das auch neue Händler anziehen, so Stettler.

Der umfangreiche Maßnahmenplan ist auf fünf bis zehn Jahre angelegt. Einige der Maßnahmen wurden schon umgesetzt, andere sind in Planung. Anfang Juli werden beispielsweise die „Bike Experience Days“ stattfinden und im Sommer der neue Sommermarkt auf dem Mauritiusplatz. Im Herbst soll es einen Pop-up-Laden geben, in dem Gründer ihre Produkte vorstellen können. „Diese bieten hoffentlich innovative und interessante Produkte an, die Gästen Lust machen, nach Wiesbaden zu kommen“, so Stettler.

IHK wünscht sich mehr Tempo

„Das Konzept gibt es also, die Herausforderung liegt in der Umsetzung“, sagt Fabian Lauer von der IHK zum Masterplan Innenstadt. „Hier wünschen wir uns in der Tat mehr Tempo.“ Eine Schlüsselrolle habe dabei der City-Manager. Doch der lässt auf sich warten. Nachdem Axel Klug Ende März sein Amt aufgab, läuft der Bewerbungsprozess zwar gerade, ein neuer City-Manager wird aber erst im Herbst kommen (wir berichteten). „Die Innenstadt muss in Wiesbaden auch ‚Chef-Sache‘ sein, die beteiligten Dezernate müssen eng zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen“, sagt Lauer. „Um den Strukturwandel erfolgreich zu gestalten, braucht es letztlich ein Zusammenwirken aller relevanter Akteure, dazu zählen natürlich auch die Gewerbevereine, Unternehmen ebenso wie kulturelle Einrichtungen.“

Eigentümer stehen in Verantwortung

Was den Branchenmix in der Innenstadt angeht, stehe außer der Stadt eine weitere Gruppe in der Verantwortung: „Neben der Stadtverwaltung spielen vor allem die Immobilieneigentümer eine wichtige Rolle“, sagt Lauer. „Damit neue und innovative Konzepte zum Tragen kommen können, braucht es vor allem bezahlbare Ladenlokale.“ Es sei wünschenswert, dass die Stadt noch mehr mit den Eigentümern spreche, auch um die Mieten zu senken. „Hier gab es zuletzt einen Austausch, leider gestaltet sich die Kommunikation teils sehr schwierig, gerade wenn Immobilien bei ausländischen Holdings liegen.“

Auch die Stadt beschäftigt sich mit dem Thema Mieten. „Die Stadtverwaltung hat auf die Mietpreisgestaltung keinen Einfluss“, sagt Christian Stettler. Denn die endgültige Entscheidung liege bei den Eigentümern. Aber: „Wir sind uns dieses Dilemmas bewusst und suchen daher gezielt das Gespräch mit den Eigentümern, um zumindest ‘Awareness’ für die Situation zu erreichen.“

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