Wenn Erlkönige durch Wiesbaden fahren

Vom Erlkönig bedrängt: Eine Merkurist-Leserin hatte eine unschöne Begegnung mit einem getarnten Auto. Dieses zuzuordnen ist nicht einfach, denn genau das wollen die Hersteller mit ihrer Tarnung verhindern.

Wenn Erlkönige durch Wiesbaden fahren

Immer wieder sieht man sie auch in Wiesbaden. Sie sind auffällig unauffällig, mit einer schwarz-weißen Folie beklebt, oftmals schauen nur die Lampen aus den Folien heraus. Unter sogenannten Erlkönigen versteht man Autos, die noch nicht in Serie produziert werden und mit einer Tarnfolie beklebt Testfahrten absolvieren. Bereits im vergangenen Jahr entdeckten viele Biebricher getarnte Vorserienmodelle der Firma Opel. Auch eine Merkurist-Leserin konnte jüngst eines der getarnten Fahrzeuge entdecken. Ihre Begegnung damit auf der A66 war jedoch unerfreulicher Art.

Auf der A66 zwischen dem Krifteler Dreieck und Weilbach tauchte einer der auffälligen Wagen plötzlich in ihrem Rückspiegel auf. „Er war so schnell und hat Autos auf der linken Spur bedrängt“, beschwert sie sich.

Normalerweise werden Erlkönig unter Extrembedingungen getestet. In der Wüste oder der Arktis müssen Motoren, Elektronik und Bauteile den widrigsten Bedingungen standhalten. Für Alltagstests besitzen die meisten Hersteller eigene Testgelände. Ein Sprecher von Opel gegenüber Merkurist: „Bevor die Wagen aber in Produktion gehen, müssen sie überall getestet werden.“

Täuschen, Tarnen, Testen

Ob es sich beim Erlkönig auf der A66 um einen Opel handelte, weiß Leserin „Co Kar“ aber nicht. Sie konnte nur ein Münchener Kennzeichen erkennen. Das spricht zwar im ersten Moment für einen Wagen aus dem Hause BMW, kann aber ebenfalls eine Täuschung gewesen sein: Laut einem Bericht der „tz“ täuschen die Hersteller auch beim Nummernschild, in dem sie vorgaukelt, das Auto stamme aus einer anderen Stadt als das produzierende Werk. Dadurch wird — zusätzlich zu falsch montierten Teilen, Ausbeulungen an der Karosserie und der Tarnfolie — zusätzlich Verwirrung gestiftet. Die Presse und die Konkurrenz sollen es möglichst schwer haben, zu erkennen, um welches Auto und um welchen Hersteller es sich bei einem Erlkönig handelt.

Dabei kommt oftmals das „Dazzle“-Muster zum Einsatz. Das schwarz-weiße Muster fällt im Straßenverkehr zwar auf, verschleiert aber die Konturen der Karosserie. Diesen Trick haben sich die Autofirmen übrigens von Kriegsschiffen abgeschaut: Schon im Ersten Weltkrieg nutzten die Engländer das Muster, um von der tatsächlichen Größe und den Waffen ihrer Kriegsschiffe abzulenken.

Doch nicht hinter jedem Tarnmuster steckt tatsächlich eine Neuheit. „In der Tuning-Szene sind Erlkönig-Muster in den letzten zehn Jahren sehr beliebt“, sagt Auto-Folierer Björn Hufschmied. Um mit dem speziellen Look ein älteres Modell zum Hingucker zu machen, müssen Liebhaber aber tief in die Tasche greifen. Während eine einfarbige Vollfolierung vom Profi ab etwa 1400 Euro zu haben ist, kosten Erlkönigmuster je nach Fahrzeug um die 3500 bis 8000 Euro. Grund dafür ist, dass die Folien extra bedruckt und angepasst werden, bevor sie in einem staubfreien Raum auf alle Einzelteile des Wagens angebracht werden können.

Allerdings seien auch Teilfolierungen beliebt, dabei werden zum Beispiel nur die Spiegel oder die Heckstoßstange beklebt. Auch dieser Trend ist den „Erlkönig“-Originalen abgeguckt: „Je näher die Markteinführung rückt, desto mehr Teile vom neuen Modell werden sichtbar“, sagt Tauber. Ob manchmal auch bewusst bereits bekannte Modelle versteckt werden, um von eigentlichen „Erlkönigen“ abzulenken, verrät er aber nicht.

Privat unterwegs?

Schwierig wird die Zuordnung eines Erlkönigs auch, da diese nicht nur zu Testzwecken gefahren werden. Wie der Opel-Sprecher weiter erklärt, komme es auch vor, dass Mitarbeiter die Autos mit nach Hause nehmen und sie dadurch im Alltag und auf dem Weg zur Arbeit testen können. „Je nachdem, wo die Mitarbeiter unterwegs sind, kommen die Erlkönige dann auch mal in die Städte.“ (js)

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