Jüngere und ältere Menschen gehören in Wiesbaden zu den großen Verlierern auf dem Wohnungsmarkt. Davor warnt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Wiesbaden-Limburg und beruft sich auf eine aktuelle Studie des Pestel-Instituts. Besonders Auszubildende und die Generation der Baby-Boomer seien betroffen.
Laut der Gewerkschaft können sich viele der rund 5210 Auszubildenden in Wiesbaden eine eigene Wohnung oft nicht leisten und leben daher nicht immer freiwillig noch bei ihren Eltern. „Tragisch ist es, wenn ein Ausbildungsvertrag nicht zustande kommt, weil das Wohnen zu teuer ist“, erklärt Karl-Heinz Michel, Bezirksvorsitzender der IG BAU Wiesbaden-Limburg. Wenn Ausbildungsverträge am Wohnungsmangel und zu hohen Mieten scheiterten, sei das Maß voll. „Das kann sich die heimische Wirtschaft nicht erlauben“, so Michel.
Azubis und Baby-Boomer
Außer Auszubildenden, Berufsanfängern und Studenten werde die Lage auch für ältere Menschen zunehmend prekär. Die Gewerkschaft blickt dabei auf die rund 31.400 Baby-Boomer in der Landeshauptstadt, die bis 2035 in den Ruhestand gehen. Viele von ihnen müssten mit einer niedrigen Rente rechnen, da sie oft Phasen von Arbeitslosigkeit oder Niedriglohn hinter sich hätten. „Wenn die Baby-Boomer in den nächsten Jahren in Rente gehen, werden etliche sich ihre bisherige Wohnung kaum oder gar nicht mehr leisten können: Sie wohnen sich regelrecht arm“, warnt Michel.
Um die seit Jahren steigenden Mieten zu stoppen und für Entlastung zu sorgen, fordert die IG BAU einen massiven Ausbau des sozialen Wohnungsbaus. „Nur mehr günstiger Wohnraum sorgt für Druck auf die Mieten am Markt. Der Neubau von Sozialwohnungen muss zur politischen Herzenssache und zur Sache der politischen Vernunft werden“, sagt Bezirkschef Michel.
Der von der Gewerkschaft mit in Auftrag gegebene „Soziale Wohn-Monitor“ des Pestel-Instituts nennt konkrete Ziele: Für Hessen müssten pro Jahr 11.200 zusätzliche Sozialwohnungen entstehen, um bis 2035 einen Bestand von 140.700 zu erreichen. Um das zu schaffen, sei eine intensive Förderung durch Bund und Land notwendig. Michel fordert, dass Fördergelder direkt zu Baubeginn bereitstehen und nicht erst über Jahre verteilt werden.
Günstiger bauen und besser kontrollieren
Um die Baukosten zu senken, schlägt die Gewerkschaft vor, den Regelstandard „Erleichtertes Bauen“ zu nutzen. „Es geht darum, einfacher zu bauen – und damit fürs gleiche Geld mehr Sozialwohnungen bauen zu können“, erläutert Michel. Dies sei in guter Qualität und mit niedrigen Instandhaltungskosten möglich.
Zusätzlich müsse das Land eine öffentliche Statistik führen, um den Überblick zu behalten. „Es ist wichtig, zu wissen, wo in Hessen wie viele Sozialwohnungen pro Monat neu gebaut worden sind“, so der Vorsitzende der IG BAU Wiesbaden-Limburg. Die Gewerkschaft fordert außerdem eine gezielte Förderung für den Neubau von Wohnungen für Studenten und Steueranreize für Betriebe, die Wohnraum für ihre Auszubildenden schaffen.