Bauhaus-Legende in Wiesbaden: Expertin sucht verschollene Werke

Er war einer der wichtigsten Bauhaus-Designer, doch seine Zeit in Wiesbaden ist kaum bekannt. Nun suchen Experten nach seinen Werken und bitten die Wiesbadener Bevölkerung um Mithilfe.

Bauhaus-Legende in Wiesbaden: Expertin sucht verschollene Werke

Christian Dell, ein Pionier-Designer und Meister am Bauhaus, verbrachte die letzten Jahrzehnte seines Lebens in Wiesbaden. Doch viele seiner Spuren sind hier verwischt. Anlässlich einer neuen Publikation, die am Mittwoch (26. August) im Stadtmuseum am Markt (SAM) vorgestellt wurde, ruft eine Kuratorin nun Wiesbadener dazu auf, nach verschollenen Werken des Künstlers zu suchen.

Die Kuratorin Vera Klewitz hofft, dass in Wiesbadener Haushalten noch unentdeckte Schätze schlummern. Konkret geht es um Objekte, die Dell in seinem Juweliergeschäft in der Goldgasse 10/12 verkaufte, das er 1948 eröffnete. Dort bot er hochwertige Silberarbeiten und Schmuck an. Einige Objekte, die auf einer Fotografie des Schaufensters zu sehen sind, sind bis heute nicht aufgetaucht.

Wer hat Objekte von Christian Dell?

„Wer hat Objekte von Christian Dell?“ So lautet der Appell von Klewitz, die zusammen mit Johanna Brauhardt eine Ausstellung im SAM kuratiert hat. Dort sind viele Werke von Dell ausgestellt, aber nur wenige, die tatsächlich in Wiesbaden gefertigt oder verkauft wurden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. November. Erkennen kann man Dells Arbeiten an einem Stempel im Metall (Punze), der die Initialen „CD“ zeigt.

Dell sei zwar einer der wichtigsten, aber auch einer der „großen Unbekannten der deutschen Designer“, erklärt Dirk Allgeier, dessen Verlag eine neue Publikation über den Künstler herausbringt. Dells Spuren in Wiesbaden zu finden, sei schwierig. Zwar sind ehemalige Wohnorte wie am Kaiser-Friedrich-Ring 80 oder in der Aarstraße hinter der Fasanerie bekannt, aber teilweise nicht mehr erhalten. In seinem ehemaligen Ladengeschäft befindet sich heute ein argentinisches Restaurant.

Einer der Autoren der neuen Dell-Publikation Michael Siebenbrodt ist sich dennoch sicher: „Nein, hier in Wiesbaden ist einer der wichtigen Orte in Dells Leben.“ Der Designer sei zwar international häufig unter dem Radar geblieben, seine Werke hätten es dennoch bis ins Museum of Modern Art in New York geschafft. Einer seiner Lampenentwürfe wurde in der ehemaligen Sowjetunion millionenfach kopiert, sagt auch Josef Straßer, der ebenfalls Autor des Buchs ist.

Vom Bauhaus nach Wiesbaden

Geboren 1893 in Offenbach, war Dell Werkmeister am berühmten Bauhaus in Weimar und später Leiter der Metallwerkstatt an der Frankfurter Kunstschule. Das Bauhaus bildete die Brücke zwischen traditionellem Handwerk und industrieller Fertigung von Alltagsprodukten. 1933 entließen die Nationalsozialisten Dell. Statt in die USA zu emigrieren, blieb Dell in Deutschland und kam nach dem Krieg nach Wiesbaden, wo er bis zu seinem Tod 1974 lebte.

In seinem Juweliergeschäft verkaufte er nicht nur eigene Kreationen. Für die in Wiesbaden stationierten amerikanischen Offiziere entwarf er Silber-Ringe und fertigte für Touristen auch Kuckucksuhren – eine Arbeit, die für den hochtalentierten Silberschmied „sicherlich auch frustrierend“ gewesen sein muss, wie Klewitz im Gespräch vermutet.

Ein dunkles Kapitel und die Suche nach Anerkennung

Dass Dell in seiner Wahlheimat Wiesbaden bis heute wenig gewürdigt wird, hat auch mit seiner Rolle während der NS-Zeit zu tun. Eine Initiative, ihn zum Ehrenbürger zu ernennen, scheiterte laut Klewitz am Zögern des Magistrats. Grund dafür waren seine NSDAP-Mitgliedschaft und die Tatsache, dass ihm eine ukrainische Zwangsarbeiterin als Pflegerin zugeteilt worden war.

Kuratorin Klewitz glaubt jedoch nicht an eine ideologische Überzeugung. Dell sei dem Druck erlegen, um seinen Job zu behalten. Zudem war er schwer an Tuberkulose erkrankt. Die Ausstellung und das neue Buch sollen nun helfen, dieses „wichtige Kapitel Wiesbadener Kunst- und Kulturgeschichte“ aufzuarbeiten.

Wer glaubt, ein Werk von Dell zu besitzen, kann sich per E-Mail an info@stadtmuseum-wiesbaden.de beim Museum melden. Das Buch „Christian Dell“ kann unter anderem hier erworben werden.