... und wer wohnt da noch?

Im ersten Teil der Serie über die Bewohner des American Arms Hotels, erzählten einige Flüchtlinge unserem Autor ihre Geschichten. Heute stellt Merkurist weitere Menschen vor, die dort jetzt leben.

... und wer wohnt da noch?

Waren die knapp 1000 Betten der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung Ende Dezember und Anfang Januar noch gut belegt, kann der Eindruck entstehen, dass es ruhiger geworden ist in der Frankfurter Straße: Anstelle der einst rund 1000 Flüchtlingen warten im American Arms Hotel aktuell etwa 300 Personen auf die Weiterleitung in die Gemeinden. Wie die Gespräche mit den Flüchtlingen zeigen, dürfte die Zahl derer, die seit Ende Dezember oder Anfang Januar im American Arms Hotel leben, verschwindend gering sein. Dr. Armin Eckert, Leiter des American Arms Hotels vom Deutschen Roten Kreuz, geht davon aus, dass niemand mehr da sei. Inzwischen sind neue Bewohner eingezogen. „Die wöchentliche Fluktuation ist im Moment sehr hoch“, so Dr. Eckert weiter.

“Ich möchte lernen, verstehen, mich integrieren.“

Raeed Khaiun Aghallee ist aus dem Irak geflohen. Woher genau, das wollte der junge Iraker nicht sagen. Nach vier Jahren hat er die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Zuhause im Irak hat der Technikinteressierte als Elektriker gearbeitet. Nach Deutschland ist er alleine gereist. Seine Frau, von der er sich hat scheiden lassen, lebt auch in Deutschland. Wo, das weiß er nicht. Er hat keinen Kontakt mehr zu ihr.

Vier Monate war Raeed unterwegs. Von Bagdad nach Istanbul reiste er legal mit dem Flugzeug. Danach legte er den größten Teil der Strecke zu Fuß zurück. Erst ging es nach Izmir wo er für 800 Dollar in ein Schlauchboot Richtung Griechenland stieg. Weiter über die westliche Balkanroute, über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich nach Mainhausen in Deutschland, der kleinsten Gemeinde im Landkreis Offenbach. Schon dort habe er sich nützlich gemacht. Habe sich in der Altenpflege engagiert.

Mit dem Flugzeug ist Raeed völlig legal von Irak nach Istanbul geflogen. Ohne die nötigen Papiere fand er sich wenig später zu Fuß im Flüchtlingsstrom auf dem Weg nach Izmir wieder. Von dort setzte er für 800 Dollar auf der östlichen Mittelmeer-Route in einem Schlauchboot über nach Griechenland, erst auf eine griechische Insel, und dann mit der Fähre und dem Ziel Deutschland über auf das Festland.

„Ich möchte Christ werden.“ - Raeed Khaiun Aghallee

Sein Vater und Verwandte haben im Irak bei Siemens gearbeitet. Sie haben die deutsche Arbeitsweise, Mentalität und das Land stets gelobt. Durch die Erzählungen im Irak infiltriert, von den verschiedenen Religionsgruppen und der IS-Miliz im Land verfolgt, wollte er nur raus und ein neues Leben beginnen. Er möchte sich nützlich machen. Außerdem wolle er Christ werden.

„Ich möchte alles über das Christentum lernen. Ich möchte verstehen und mich integrieren.“ - Raeed Khaiun Aghallee

Am liebsten würde Raeed in Wiesbaden gleich an die Zeit in Mainhausen anknüpfen. Dort habe er in einem Altersheim ausgeholfen. Habe für alte Menschen gesorgt, ihnen im Alltag geholfen. Er habe bereits Kontakt zu der Gemeinde St. Bonifatius aufgenommen. „Ich möchte alles über das Christentum lernen. Ich möchte verstehen und mich integrieren.“

Übers Mittelmeer nach Italien

Hodan-Marahim Muuse kommt aus Quoryooley in Somalia. Die 24-Jährige stammt aus armen Verhältnissen. Sie konnte nie zur Schule gehen. Sie habe auch keine Ausbildung und noch nie wirklich gearbeitet, erzählt Hodan-Marahim. Ihr Mann ist 2009 nach Italien geflohen. Seit 2010 ist der Kontakt zu ihm abgebrochen. Seit einem Monat ist sie im American Arms Hotel und ist glücklich, hier ihren Cousin getroffen zu haben.

4000 Dollar hat sie den Schleppern bezahlt. Dafür, dass diese sie und ihre Tochter mit dem Auto von Quoryolley nach Mogadischu, weiter nach Kenia und über den Sudan nach Libyen gebracht haben. „Nahezu orientierungslos waren wir den Schleppern ausgeliefert.“ Da die Schlepper keine Fragen zugelassen haben, wussten sie und ihre Tochter nie so recht, wo sie sich befanden. Irgendwann sind sie durch die Sahara nach Libyen und von dort mit dem Boot in Richtung Italien. Auf sich allein gestellt folgte sie den Anderen. Mit dem Zug fuhr sie nach Österreich, dann weiter nach Deutschland und zuletzt mit dem Bus von Frankfurt nach Wiesbaden.

„Nahezu orientierungslos waren wir den Schleppern ausgeliefert.“ - Hodan-Marahim Muuse

Seit dem 10. Juni ist Hodan-Marahim Muuse mit Ihrer Tochter im American Arms Hotel und kommt Ruhe. Sie schöpft wieder Hoffnung und möchte erst einmal die deutsche Sprache lernen. Sie möchte das Leben und die kulturellen Unterschiede in Deutschland verstehen und sich eingliedern. Was sie dann machen möchte, weiß sie noch nicht. „Vielleicht irgendetwas mit Medizin. Doktor vielleicht“, sagt sie.

Anerkannt, solange man arbeitet

Der 70-jährige Mubashir Ahmad Rana ist mit seiner Frau aus Pakistan geflohen. Im Interview erzählt er, dass er nach dem Abitur alles nur Erdenkliche gemacht hat. Die meiste Zeit habe er als Fabrikarbeiter gearbeitet und solange er seiner Arbeit nachgehen konnte, sei alles in Ordnung gewesen. Er hatte zu tun, wurde respektiert und wurde selbst als Angehöriger Ahmadiyya Muslim Jamaat toleriert. Nachdem er aufgehört hat zu arbeiten, stand auch er wegen seines Religionsbekenntnisses im Fokus. Wo es nur ging, habe man ihm und seiner Frau das Leben schwer gemacht und sie respektlos behandelt.

Seine Frau ist bei dem Interview nicht mit dabei. Sie liege im Moment wegen Bluthochdruck und Diabetes im Krankenhaus. Auf die Frage nach der Route nach Deutschland, antwortet Mubashir Ahmad Rana mit einem freundlichen Lächeln und meint: „Dazu kann ich nichts sagen.“ Als Mann in seinem Alter habe er kein gutes Gefühl für Zeit, Ort und Raum, und wenn er zu reisen beginne, schließe er die Augen. „Ich öffne meine Augen erst wieder, wenn ich angekommen bin, wenn ich mein Ziel erreicht habe.“ Das war in Deutschland, Anfang April. Nach einer kurzen Zeit in Gießen wurden er und seine Frau mit dem Bus nach Wiesbaden gebracht. Sein Sohn lebt seit 20 Jahren in der Stadt – und jetzt da er auch in Wiesbaden ist, möchte er wieder Zeit mit ihm verbringen. Mehr möchte er nicht verraten. Seit Mitte April teilt er sich im American Arms Hotel mit seiner Frau ein Vier-Bett-Zimmer.

Im ersten Teil unserer Porträts haben wir bereits einige Bewohner des American Arms Hotels vorgestellt.

Merkurist