Wer wohnt da eigentlich?

Anfang Januar gab es in Hessen 27 Notunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen. Davon sind neun übrig geblieben. Das American Arms Hotel in Wiesbaden ist eine davon. Unser Autor traf einige Bewohner, die ihm ganz persönliche Geschichten erzählten.

Wer wohnt da eigentlich?

Am 28. Dezember zogen die ersten Flüchtlinge in die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung in der Frankfurter Straße, in das ehemalige American Arms Hotel Wiesbaden. Das ist sechs Monate her. Sechs Monate, die die Neubürger dazu genutzt haben, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Sechs Monate, in denen sie sich mit der aktuellen Situation angefreundet haben. Sechs Monate, in denen sie in Vierbettzimmern mit Etagenbetten ein vorübergehendes Zuhause gefunden haben.

Sie haben sich organisiert. Sie helfen sich gegenseitig und bilden eine Einheit bei allem was sie machen: beim Verstehen von Dokumenten, beim Ausfüllen von Anträgen - und dabei, den ganzen Tag lang nichts zu tun, obwohl sie endlich arbeiten möchten. Mittlerweile haben sich sogar Frisöre gefunden. Gelernt oder ungelernt, in einem kleinen Frisiersalon schneiden und föhnen sie anderen die Haare.

Wer ist das eigentlich, der da wohnt? Wie lange waren sie unterwegs? Wie fühlen sie sich in Deutschland und welche Perspektiven haben sie, hier in der Ferne ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen und zu finden?

Unser Autor Volker Watschounek hat einige der Flüchtlinge im American Arms Hotel getroffen und mit ihnen über ihre Wünsche und Träume gesprochen.

Unterstützung von den Eltern

Amron, 19 Jahre alt – aus dem ostafrikanischen Eritrea, einem der ärmsten Länder der Welt. Im Vergleich zu anderen Flüchtlingen kann er lesen und schreiben. Bis zur vierten Klasse habe er die Schule besucht. Danach musste er seinen Eltern auf dem Bauernhof helfen. „Es ging nicht anders.“ Amron hat keine Ausbildung. Allerdings kennt er sich mit dem Anbau von Obst und Gemüse aus - und mit Tieren wie Ziegen, Schafe und Rinder.

Er konnte nicht mehr schlafen. In der Nacht sei er zweimal aus dem Schlaf gerissen und inhaftiert worden, erzählt der 19-Jährige. Für seine Eltern und ihn stand fest, besser wird es in Eritrea nicht werden. Unterstützt von den Eltern machte sich Amron auf den Weg nach Europa, nach Deutschland.

Sein Weg führte zu Fuß, auch immer mal wieder mit dem Taxi von Eritrea nach Äthiopien, weiter in den Sudan und schließlich nach Bengasi, an die Küste Libyens. Von Schleppern angesprochen erhielt er die Möglichkeit nach Italien überzusetzen. 24 Stunden verbrachte er mit anderen Flüchtlingen auf einem viel zu kleinen Boot, bis sie von der Küstenwache gerettet wurden. Zwei Wochen verbrachte er in einem italienischen Aufnahmelager. Das Gefühl für Raum und Zeit hatte er längst verloren. Mit dem Zug ging es von Italien nach München, mit dem Bus weiter nach Frankfurt, weiter in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und schließlich nach Wiesbaden.

„Ich fühle mich matt, erschöpft, erschlagen. Ich könnte den ganzen Tag einfach nur schlafen.“ - Amron.

Fünf Monate sei er jetzt im American Arms Hotel. Fünf Monate, auf der Suche nach einem neuen Leben. Alleine und weit weg von seiner Familie, von seinen Eltern, seinen vier Brüdern und zwei Schwestern – und seiner Ehefrau. Auch sie musste er zurücklassen. Übers Internet informiert er seine Familie, wie es ihm geht, und er erfuhr, dass man nach ihm suche. Amron ist müde: „Ich fühle mich matt, erschöpft, erschlagen. Ich könnte den ganzen Tag einfach nur schlafen.“

Ausgebildet und engagiert

Masiulla und Matiulla sind Zwillingsbrüder und Mitte 20. Zu Fuß haben sie sich auf die ungewisse Reise von Afghanistan in den Iran und weiter in die Türkei gemacht. Ihre Arbeit, ihr Zuhause, einfach alles haben sie von heute auf morgen hinter sich gelassen. Masiualla erzählt, dass er als Filmvorführer im Kino gearbeitet hat und dass er in Filmen viel Schlimmes gesehen habe, Dinge, die für ihn lange nur im Film existierten. Bei der Überquerung des Taurus-Gebirges wurden die Bilder Realität: Hungernde und vor Kälte wimmernde Menschen. Menschen, ungeschützt in leichter Kleidung. Tote und erfrorene Körper.

Bis sie die Türkei erreicht hatten wurden die Zwillingsbrüder mehrfach aufgehalten und eingesperrt. Weiter durften sie erst, nachdem sie Geld bezahlten. Rund 6000 Euro hätten sie dafür aufgebracht. Dann ging es weiter in eine ungewisse Zukunft. Von Istanbul gelangten die Brüder nach Izmir und über die östliche Mittelmeerroute mit dem Schlauchboot nach Griechenland.

„Häufig wurden wir aufgehalten und festgesetzt und konnten erst weiterreisen, wenn wir Geld bezahlt haben.“ - Masiualla.

Für eine Fahrt im Schlauchboot hat jeder von Ihnen rund 500 Euro bezahlt. Auf der griechischen Insel vor der türkische Küste angekommen, hatten die Brüder ihr erstes Teilziel erreicht: Europa. Über die Balkanroute ging es auch hier erst zu Fuß weiter, dann mit dem Bus von Mazedonien nach Kroatien und später mit dem Zug von Österreich nach Deutschland. Seit Anfang Mai sind beide im American Arms Hotel.

„Das erste Mal ist unserem Boot auf dem halben Weg die Luft ausgegangen und gesunken.“ - Masiulla und Matiulla

An Schlafen denken die Zwillingsbrüder weniger. Sie sind stets engagiert. Wo es geht, machen sie sich nützlich. Beide – zwölf Jahre zur Schule gegangen und studiert – vermitteln zwischen dem DRK und Flüchtlingen, dolmetschen bei Arztbesuchen. Sie unterstützen andere Flüchtlinge dabei, Anträge auszufüllen - zum Beispiel den Asylantrag, den die beiden bereits gestellt haben. Ihr Status: „Aufenthaltsgestattung“.

Niemand weiß wer ich bin

Mohammed Raza (34) ist mit seiner Frau Afsaneh Akbarpour (34) und den zwei Kindern Reyhanek (2) und Mohamed Amin (6) im Spätsommer 2015 aus dem Iran nach Europa geflohen. Er erzählt, dass sie nach Istanbul erst geflogen und dann zu Fuß nach Izmir gegangen seien. Von dort sind sie über die östliche Mittelmeerroute nach Deutschland und dann weiter nach Dänemark und Schweden. Nach sechs Monaten wurden er und seine Familie auf Grundlage des Dublin-Abkommens nach Deutschland abgeschoben. Seit März lebt er in Wiesbaden. Das Dublin-Abkommen besagt: „Ein Flüchtling muss in dem Staat um Asyl bitten, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat.“

Niemand hier weiß, dass er für die iranische Regierung gearbeitet hat. Dass er als Ermittler in der Bekämpfung von Kriminalität eingebunden war. Dass er kriminelle Verwicklungen der eigenen Regierung aufgedeckt hat. Mehr möchte er dazu nicht sagen: zum Schutz von Freunden und der Familie. Hier liegt auch der Grund für seine Flucht: Die Sicherheit seiner eigenen Familie geht Mohammed über alles.

„Ein Flüchtling muss in dem Staat um Asyl bitten, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat.“ - Dublin-Abkommen.

Für den Weg vom Iran nach Schweden habe er 25.000 Euro bezahlt – 8000 davon allein für das Boot von Izmir auf die griechische Insel. Die Flucht war nicht leicht. In der Türkei wurden sie mehrfach einfach auf der Autobahn aus einem Auto hinausgeworfen und stehen gelassen. Alleine.

Ausblick

In der kommenden Woche stellt unser Autor mit Mubashir Ahmad Rana, einen 70-jährigen Pakistaner, Montaz Hamza, einen 36-jährigen Syrer und Raeed Khaiun Aghallee, einen jungen Iraker, drei weitere Flüchtlinge vor.

Merkurist