Warum im Hauptbahnhof ein Klavier steht

Während in der Innenstadt Statuen und Container auftauchen, erfreut seit Sonntag ein Klavier die Wiesbadener Bahnfahrer. Dahinter steckt jedoch keine Werbeaktion, sondern ein junger Wiesbadener.

Warum im Hauptbahnhof ein Klavier steht

Für geräuschempfindliche Menschen ist der Wiesbadener Hauptbahnhof bestimmt kein schöner Ort. Bremsende Züge, laute Durchsagen und die Rufe hunderter Fahrgäste schallen durch die Bahnhofshalle. Seit Sonntag mischen sich aber auch ganz ungewöhnliche Geräusche in den Reiselärm, denn mitten in der Wartehalle steht ein oranges Klavier, dass Vorbeigehende mit einem handgeschrieben Zettel mit den Worten „Spiel mich“ zum Spielen einlädt.

Idee aus Neuseeland

Bei dem Klavier handelt es sich nicht um ein weiteres Kunstprojekt der Biennale oder eine Werbeaktion der Deutschen Bahn, sondern um die Idee einer einzelnen Person. „Als ich für einen Schulaustausch in Neuseeland war, hatte ich mich sehr über ein Klavier an einem der Bahnhöfe gefreut“, erzählt Henning Schmidt, der hinter der Aktion steckt. Seit er zurück in Wiesbaden war, wollte der Auszubildende die Idee auch in seiner Heimatstadt realisieren. „Ich pendle zur Arbeit jeden Tag über den Bahnhof. Dort merkt man immer, wie gestresst viele Menschen sind. Mit dem Klavier wollte ich etwas zur Entspannung beitragen“, erklärt Schmidt.

Da er aber selbst kein Klavier besaß, fing Schmidt an, andere Menschen von seiner Idee zu überzeugen. In der Kreativwerkstatt „Makerspace Wiesbaden“ traf er dann einen Wiesbadener Klavierbauer. Dieser schien von Schmidts Idee so begeistert, dass er ihm ein Klavier für den Hauptbahnhof schenkte. Auch die Deutsche Bahn konnte schnell überzeugt werden und gab Schmidt die nötige Erlaubnis, sodass er es gemeinsam mit Freunden am Sonntag in den Bahnhof rollen konnte.

Mitspielen erwünscht

Dort haben es auch Mila-Saphira und eine Freundin direkt Anfang der Woche entdeckt, als sie zufällig an den Gleisen entlang gingen. „Meine Freundin spielt Klavier. Da meinte ich, spiel doch mal was und irgendwann hab ich dazu gerappt“, erzählt sie. Ein Video vom Spontanauftritt kursierte schon wenige Stunden später in den sozialen Netzwerken. „Die Aktion finde ich echt mega nice, es sollte öfters so Aktionen geben“, sagt Mila-Saphira, die als Straßenmusikerin schon häufiger in Wiesbaden aufgetreten ist. Weil das Klavier im Bahnhof für jeden zugänglich ist, hofft sie, dass es Bahnreisenden die Wartezeit vertreibt - entweder als Zuhörer, oder weil sie selbst den Mut fassen, zu spielen.

Eine zeitliche Begrenzung hat Schmidt von der Bahn nicht bekommen: „Ich hoffe, dass das Klavier dort mindestens zehn Jahre stehen bleibt.“ Damit das auch so kommt, hofft er auf den Respekt der Bevölkerung: „Wir haben uns etwa dagegen entschieden, den Klavierhocker anzuketten.“ Er wünscht sich, dass das Klavier Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringt und ihnen eine kleine Freude im stressigen Alltag bietet.

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