20 Stunden Rennatmosphäre – vom Rücksitz aus

Die 33. HMSC Oldtimer Rallye Wiesbaden führte die knapp 100 Teilnehmer an zwei Tagesfahrten auf eindrucksvolle Touren durch Wiesbaden und Umgebung. Unser Autor konnte das Renn-Feeling hautnah auf der Rückbank eines offenen Polizeiautos erleben.

20 Stunden Rennatmosphäre – vom Rücksitz aus

Der Duft von Benzin und Motorenöl hängt noch in der Luft. Hinter mir liegen zwei Etappen der 33. HMSC Oldtimer Rallye in einem Daimler Benz 170 DA OTP, einem restaurierten Polizeiauto aus dem Jahr 1951. Nach zwei mal zehn Stunden Rennatmosphäre als Mitfahrer bin ich infiziert. Nicht Bordbuch lesend, sondern aus der zweiten Reihe von der Rückbank aus beobachtend.

Dass Rallyefahren nicht gleich Autofahren bedeutet, und dass eine Oldtimer-Rallye Finessen birgt, der selbst modernste Technik nicht gewachsen ist, hat mich nach wenigen Kilometern nicht abgeschreckt. Kurz nach dem Start am Rathaus erklären mir Wolfgang Hanusch und sein Sohn Dirk, dass das Bordbuch für traditionelle Fahrer unerlässlich sei. Wir sind auf dem Weg zu unserer ersten gemeinsam Wertungsprüfung, einer von vielen, die wir an den zwei Renntagen passieren werden. Anstatt eine Strecke nur abzufahren und um Positionen zu kämpfen, tragen die Rallye-Teilnehmer Wertungsprüfungen auf abgegrenzten Teilabschnitten aus, die schließlich zur Gesamtwertung führen. Es zählt nicht, wer zuerst durchs Ziel kommt. Es geht darum, bei den Wertungsprüfungen abgesteckte Zeitabschnitte so exakt wie möglich in vorgegebenen Zeiten zu fahren.

Seit der ersten HMSC Oldtimer Rallye 1983 mit dabei, verlassen sich Wolfgang und Dirk Hanusch auf ihr Geschick im Umgang mit Bordbuch, Stoppuhr und Kilometerzähler - darauf, die traditionellen Werkzeuge richtig zu bedienen. Dass das Vorteile haben kann, zeigte sich an der Russisch-Orthodoxen-Kirche auf dem Neroberg. Die Fahrer mussten dort eine durch Lichtschranken markierte Strecke in exakt vier Sekunden - sprich 4,000 Sekunden - zurücklegen.

Vom Jagdschloss Platte in den Taunus

Von der russischen Kapelle führte die Strecke zum historischen Jagdschloss Platte, wo die nächste Wertungsprüfung auf die Fahrer wartete – eine Art Doppelprüfung mit zwei Zeitvorgaben auf einer Strecke. Natürlich unter Einhaltung der Straßenverkehrsordnung. Benachteiligungen untereinander wurden durch striktes Einhalten der Startzeiten und Startabstände weitgehend vermieden. Befanden sich dann doch zwei der rund 100 Teilnehmer nahezu zeitgleich am Jagdschloss, so zählte das Prinzip Rücksicht und es wurde der vorgelassen, der sich bereits in der Wertungsprüfung - zwei Runden um den Parkplatz in - einmal 25 und einmal 20 Sekunden befand.

Mittagspause in Bad Schwalbach

Auf einer Strecke von fünfzig Kilometern ging es vom Jagdschloss Platte mit vier weiteren Wertungsprüfungen zum Restaurant „Da Nunzio“ in Bad Schwalbach – zur ersten offiziellen Fahrerpause. Die Fahrer hatten sich die kleine Stärkung redlich verdient. Etwa 20 Minuten Pause waren für jedes Team vorgesehen.

Spätestens nach den nächsten 60 Kilometern waren mir dann auch die Zeichen im Bordbuch und die Anforderungen der verschiedenen Wertungsprüfungen vom Prinzip her klar. Wenn es mich auch ein wenig in Fingern und Füßen gejuckt hat und ich mich gerne einmal versucht hätte, war ich aber dankbar, mich der Natur und der Suche nach schönen Fotomotiven hingeben zu können. Dass ich dabei am Ende immer wieder das eine oder andere erfolgreiche Fahrerteam vor die Linse bekam, etwa die Startnummer 10: reine Glückssache.

Am Ende der ersten Etappe belegte eben die Startnummer 10 in ihrem Lagonda Tourer LG 45 aus dem Jahr 1935 mit 600 Punkten Platz eins. Hinter Wilfried Schäfer und Sandra Hübner auf Platz zwei kam das Damen-Team der Deutsche Bank Wealth Management mit Corinna Charifi und Peggy Elstner (576 Punkte). Auf Rang drei, Hans und Gabriele Brückmann in ihrem Volvo PV 544 aus dem Jahr 1965 mit 569 Punkten.

Zweite Etappe: Burgen und Schlösser-Tour

Dass ich an diesem Tag mit allen Höhen und Tiefen ins Renn-Feeling eintauchen werde, war mir am Morgen nicht klar. Mit der Startzeit 8:14 Uhr am Kurhaus Wiesbaden war schon mal nichts mit Ausschlafen. Es war auch noch recht kühl am Morgen. Einzig und allein die Wetter-Vorhersage ließ hoffen. Auf 25 Grad Celsius sollte das Thermometer steigen. Sollte!

Bad Ems und Nassau

Die zweite Etappe führte das in zwei Vorkriegs- und zwei Nachkriegsklassen geteilte Teilnehmerfeld von Wiesbaden über Taunusstein nach Katzenelnbogen, entlang der Lahn nach Nassau und in die Kurstadt Bad Ems. Nach der Mittagspause im Kurhaus Bad Ems fuhren wir weiter über Braubach, Holzhausen, Bad Schwalbach und Schlangenbad zurück nach Wiesbaden. Mit knapp 200 Kilometern war die Etappe wesentlich länger als die Erste, gefühlt aber deutlich kürzer.

Abwechslungsreich ging es vorbei an den Burgen Schaumburg, Balduinstein oder Laurenburg, vorbei an Kloster Arnstein. Ein letzter Boxenstopp am prachtvollen Firmensitz der Henkell & Co. Sektkellerei in der Biebricher Allee, das Sahnehäubchen auf einer an Attraktionen und Turbulenzen schwer zu übertreffenden Rallye.

„Früher gehörte es stets dazu, mitten in der Stadt Halt und Mittag zu machen.“ - Wolfgang Hanusch

Höhen und Tiefen einer Oldtimer-Rallye

Nicht die attraktive Strecke allein, sondern die vom wechselhaften Wochenendwetter geprägte Oldtimer-Rallye waren verantwortlich dafür, dass die Zeit am Samstag deutlich schneller verinn. Zudem hatten wir es auf der Fahrt mit einigen nicht alltäglichen Herausforderungen zu tun: Es blieb die Erkenntnis, nicht den Instrumenten allein Glauben zu schenken, sondern vorsorglich vor allem an Steigungen den Schalter der Kraftstoffreserve umzulegen. Oder einfach zu wissen, wieviel das Auto wirklich verbraucht. Am Ende hatten wir Glück, trotz des ausgehenden Sprits und der Unterbrechung der Dieselzufuhr nicht den Motor auf offener Strecke entlüften zu müssen. Und aus meiner Sicht das Glück, mit den mitgeführten fünf Litern Reserve die nächste Tankstelle erreicht zu haben. Die Rallye-Experten Hanusch ließen keine Unruhe aufkommen und schienen sich ihrer Sache sicher.

„Jetzt weiß ich, was der Daimler Benz 170 DA OTP verbraucht.“ - Wolfgang Hanusch

Da ist Gelassenheit einfach der bessere Begleiter einer Rallye. Und es zeigte sich, dass einen das Wetter dann doch umstimmen kann, kurz vor dem Ziel das Verdeck zu schließen. Alles in allem waren es erlebnisreiche Tage auf der Rücksitzbank in einem offenen Polizeiwagen. Zwei Tage, die Wolfgang Hanusch und sein Sohn für mich zu einem wahren Erlebnis werden ließen. Mit Hochachtung verabschiedete ich mich nach Zielankunft am Kurhaus Wiesbaden bei meinem Piloten und Co-Piloten. „Sie haben in zwei Tagen mehr erlebt als wir beide in 33 Rallye-Jahren insgesamt“, sagten sie mir. Ich war begeistert, Wiederholung gewünscht. Vielleicht im nächsten Jahr mit dem Team Hanusch.

Nachtrag: Die Gewinner ...

An dem Ballabend zum Abschluss der 33. HMSC Oldtimer Rallye warteten rund 110 Pokale auf die Sieger der verschiedenen Klassen, auf das beste Damenteam, den ältesten Teilnehmer, das älteste Fahrzeug, das jüngste Team, ein Ehrenpreis, die beste Mannschaftsleistung – und ganz besonders auf den Gesamtsieger.

Mit sechs Zylindern und 4394 ccm zum Sieg

Wie zu erwarten war, hat sich eines der platzierten Teams von Tag eins eine gute Ausgangssituation für den Gesamtsieg geschaffen. Gewonnen haben Wilfried Schäfer und Sandra Hübner in ihrem Lagonda Tourer LG 45, Baujahr 1935, vor Thomas und Robert Plüschke von Auto Plüschke in einem BMW 1800 aus dem Jahr 1954. Platz drei belegten Hans und Gabriele Brückmann in ihrem Volvo PV 544, Baujahr 1965.

Das Team Hanusch belegte nach Platz 13 an Tag eins einen in Anbetracht aller Geschehnisse sehr guten 22. Rang in der Gesamtwertung.

Merkurist