Kampf um Binger Seniorenzentrum: Mitarbeiter üben heftige Kritik

Das Seniorenzentrum Stift St. Martin in Bingen soll schließen. Mitarbeiter kämpfen für den Erhalt der Einrichtung und erheben schwere Vorwürfe gegen den Träger.

Kampf um Binger Seniorenzentrum: Mitarbeiter üben heftige Kritik

Nach der angekündigten Schließung des Binger Seniorenzentrums Stift St. Martin formiert sich Widerstand. Die Mitarbeitervertretung will das Aus der 50 Jahre alten Einrichtung nicht akzeptieren und ruft zum gemeinsamen Kampf für deren Erhalt auf.

In einer Erklärung macht die Mitarbeitervertretung (MAV) deutlich, dass sie sich nicht mit der geplanten Schließung zum 30. Juni 2026 abfinden wird. „Wir kämpfen für eine erfolgreiche Sanierung unseres Hauses – für die Bewohner und für Bingen“, heißt es in dem Schreiben. Die Forderung ist klar: Die 66 Bewohner sollen „nicht entwurzelt“, die 77 Mitarbeiter „nicht auseinandergerissen“ und „ein Ort sozialer Wärme in unserer Stadt nicht verloren gehen“.

Mitarbeiter prangern Träger an

Laut MAV wolle die Carl Puricelli’sche Stiftung Sophienhaus, die Träger der Einrichtung ist, 70 der Mitarbeiter ohne Abfindungen und Sozialplan entlassen. „Das ist der Gipfel und wir wollen das verhindern!“ Von einer katholisch geprägten Stiftung und der Caritas habe man einen solchen Umgang nicht erwartet, heißt es im Schreiben der Mitarbeiter.

Einen Appell richtet die MAV auch an die Kirche selbst: Da das Seniorenzentrum ein Ort sei, an dem christliche Werte gelebt würden, dürften Caritas und Kirche die Einrichtung nicht im Stich lassen. „Wir glauben fest daran, dass eine Schließung nicht die einzige Lösung ist.“

Kritik an wirtschaftlicher Führung

Zugleich üben die Mitarbeiter Kritik an der wirtschaftlichen Entwicklung des Hauses. Sie erinnern daran, dass es dem Seniorenzentrum in den Jahren vor der Corona-Pandemie finanziell gut gegangen sei. „In dieser Zeit haben wir Mitarbeitenden das Geld erarbeitet, was von der Carl Puricelli’schen Stiftung jetzt zur Bewältigung der wirtschaftlichen Krise eingesetzt werden muss“, so die Forderung.

Die Mitarbeitervertretung kritisiert zudem das Vorgehen der Stiftung seit Verkündung der Schließung. Man habe die MAV zur Verschwiegenheit verpflichtet, über Rechte und Pflichten nicht aufgeklärt und über Fristen im Unklaren gelassen, so die Vorwürfe. Die Kommunikation mit den Mitarbeitern sei insgesamt mangelhaft gewesen.

Stiftung nennt finanzielle Gründe für das Aus

Als Trägerin des Seniorenzentrums hatte die Carl Puricelli’sche Stiftung Sophienhaus die Schließung mit einem unüberwindbaren finanziellen Defizit und dem hohen Sanierungsbedarf des 1975 eröffneten Gebäudes begründet. Die Kombination aus Fachkräftemangel, steigenden Kosten und unzureichender Finanzierung habe zu der Entscheidung geführt. Auch die Suche nach einem Investor sei bislang erfolglos verlaufen.

Bingens Oberbürgermeister Thomas Feser, der selbst Mitglied im Kuratorium der Stiftung ist, bedauert die Schließung. Er bezeichnet sie jedoch als „rationale Entscheidung aufgrund finanzieller Beweggründe“. Die Stadt könne angesichts der angespannten Haushaltslage nicht bei der Finanzierung helfen.